Berichte von entführten Mädchen in Nigeria "Lieber sterbe ich"

In Chibok gehen regelmäßig Menschen auf die Straße, um zu demonstrieren.

(Foto: REUTERS)

Sie sind zuhause. 53 der mehr als 200 gekidnappten nigerianischen Schülerinnen sind der Boko Haram entkommen und erzählen nun ausführlich von ihrer Flucht. Ein aktueller Amnesty-Bericht zeigt, dass die Geiselnahme hätte verhindert werden können.

Joy Bishara will nicht sterben. "Wir werden dich töten", sagen die Kidnapper immer wieder. Die 18-Jährige weiß, dass das nicht nur leere Worte sind. Die Männer gehören zur Boko Haram, einer Islamistengruppe, die seit Jahren den Norden Nigerias terrorisiert. Also springt Bishara von dem Truck und rennt. "Ich wusste nicht, wohin ich ging", sagt sie in einem Interview mit der amerikanischen Zeitung New York Times.

Vor einem Monat entführte die Boko Haram mehr als 200 Mädchen aus einer Schule in Chibok, einer Stadt im Bundesstaat Borno (die wichtigsten Fragen und Antworten zu der Geiselnahme). 53 von ihnen sind mittlerweile wieder bei ihren Familien. Die New York Times hat sich mit einigen getroffen, um mit ihnen die Nacht vom 14. April zu rekonstruieren: Die Mädchen schlafen in der Schule. Als sie aufwachen, stehen vor ihnen Männer in Uniformen, die sich als Soldaten ausgeben. Plötzlich ändert sich der Ton, erzählt Joy Bishara:

"They told us: 'We are Boko Haram. We will burn your school. You shall not do school again. You shall do Islamic school.' And they were shouting, 'Allahu akbar!' God is great!"

Der Angriff hätte verhindert werden können

Die Männer verladen die Mädchen auf Trucks und verschwinden. Unter ihnen ist auch Kuma Ishaku. Sie fordert die Mädchen auf, von den fahrenden Fahrzeugen herunterzuspringen und zu fliehen:

"Out of fear, some refused. They said, 'They will shoot us.' I said, 'I prefer to die.'"

Der Angriff auf Chibok hätte verhindert können, wie ein aktueller Bericht von Amnesty International zeigt. Vor Ort stationierte Soldaten wussten bereits vier Stunden bevor die Boko-Haram-Kämpfer in die Stadt Chibok kamen, über den Angriff Bescheid. Anwohner aus anderen Dörfern hatten bewaffnete Männer, die als Ziel Chibok angaben, durch ihre Orte fahren sehen. Daraufhin alarmierten lokale Behörden die Befehlshaber der Einheiten. Doch es passierte nichts. Offenbar fehlte es Amnesty International zufolge an Männern und Ausrüstung:

But an inability to muster troops - due to poor resources and a reported fear of engaging with the often better-equipped armed groups - meant that reinforcements were not deployed to Chibok that night. The small contingent of security forces based in the town - 17 army personnel as well as local police -attempted to repel the Boko Haram assault but were overpowered and forced to retreat. One soldier reportedly died.

Nach der Entführung dauert es zwei Wochen bis sich Präsident Jonathan Goodluck überhaupt äußert. Menschen auf der ganzen Welt zeigen unter dem Hashtag #bringbackourgirls ihre Anteilnahme, darunter auch Prominente wie Michelle Obama.

Präsidentengattin vermutet Verschwörung

In Nigeria ist die Bevölkerung wütend über die Unfähigkeit der Regierung und des Militärs die Mädchen zu finden und gleichzeitig der Boko Haram endgültig Einhalt zu gebieten. Deren Opfer berichten offen über die Gräueltaten, wie dieses junge Mädchen, dass bereits 2011 entführt wurde und mit ansehen musste, wie ihr Bruder erschossen wurde:

Es sind diese Geschichten, die die Menschen in Nigeria seit Wochen auf die Straßen treiben - von oben bekommen sie nichts anderes als Vorwürfe und Drohungen zu hören. Die Präsidentengattin Patience Goodluck, die zuvor zwei Anführerinnen der Proteste festnehmen ließ, beschuldigt die Demonstranten, sich gegen ihren Ehemann zu verschwören und dafür die Schulmädchen zu missbrauchen. Die nigerianische Zeitung Daily Trust hat Goodlucks Äußerungen zu dem Thema gesammelt:

"You're making it look as if the president abducted the children. You want to kill my husband; you want to make me a widow before you go and rest. My God will never make me a widow."

Im Norden Nigerias haben die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Sie gründen Bürgerwehren, die nachts Streife gehen. Die CNN-Korrespondentin Nima Elbagir hat sie in Chibok begleitet. Die Männer tragen Macheten und lange Stöcke - nichts, was eine weitere Attacke durch die Boko Haram verhindern könnte.

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