Bericht zur Lage syrischer Kinder Unicef: Uns fehlen 300 Millionen Euro für Syrien

Syrische Kinder lesen in einem Flüchtlingslager im Libanon ein Schulbuch. Unicef zufolge verzweifeln viele syrische Familien, weil ihre Kinder keine Zukunftsperspektive mehr zu haben scheinen.

(Foto: AFP)

11 000 Kinder sind im syrischen Bürgerkrieg getötet worden, acht Millionen benötigen dringend Hilfe. Mit der größten Aktion seiner Geschichte will das Kinderhilfswerk der UN dem Elend begegnen.

Seit fünf Jahren herrscht Bürgerkrieg in Syrien, und in diesem Jahr haben sich die Kämpfe noch einmal verschärft - mit dramatischen Folgen für Kinder und Jugendliche, meldet das UN-Kinderhilfswerk Unicef. Direkt oder indirekt betroffen sind inzwischen mehr als acht Millionen Mädchen und Jungen, heißt es im aktuellen Lagebericht der Organisation.

Dabei sind nicht nur jene Kinder auf humanitäre Hilfe angewiesen, die zu den mehr als vier Millionen Syrern zählen, die aus dem Land geflohen sind. Innerhalb Syriens wurden etwa 6,5 Millionen Menschen vertrieben, darunter mehr als drei Millionen Kinder. Insgesamt sind 13,5 Millionen Menschen auf Unterstützung angewiesen. Zwei Millionen Kinder halten sich in schwer umkämpften oder belagerten Gebieten auf, wo sie keine oder nur unregelmäßig Hilfe erhalten, warnt Unicef.

Drei Viertel der syrischen Bevölkerung lebt inzwischen in Armut, viele Menschen leiden unter Entbehrungen, Wassernotstand, Mangelernährung, Verletzungen, Krankheit und Angst. Vielerorts ist die lebensnotwendige Infrastruktur zusammengebrochen oder beschädigt. Zwei von drei Krankenhäusern funktionieren nicht mehr, Millionen Menschen mussten schon für Tage ohne Trinkwasser auskommen.

Etwa zwei Millionen Kinder können nicht mehr zur Schule gehen, weil die Gebäude zerstört und Lehrer geflohen sind. Mindestens 60 Schulen wurden 2014 bei Angriffen getroffen. Manche Eltern trauen sich nicht mehr, ihren Nachwuchs aus dem Haus zu lassen. Vorfälle wie die Zerstörung eines von Unicef unterstützten Kinderzentrums in Aleppo, bei dem sechs Minderjährige starben, oder der Tod von 19 Kindern auf einem Spielplatz in Homs zeigen, dass die Angst begründet ist.

Insgesamt wurden seit 2011 mindestens 11 000 Kinder getötet, unter anderem durch Heckenschützen, Fassbomben und Granaten. Viele wurden entführt, eingesperrt, gefoltert, versklavt, vergewaltigt oder als Kindersoldaten rekrutiert. 2797 schwerste Fälle von Kinderrechtsverletzungen wurden dokumentiert - und Unicef geht davon aus, dass dies nur ein Bruchteil der tatsächlich begangenen Taten ist. "Es gibt in ganz Syrien keinen einzigen sicheren Ort für Kinder", sagte Hanaa Singer, die Leiterin von Unicef Syrien. Der Organisation zufolge droht in Syrien eine "verlorenen Generation" heranzuwachsen.

Unbeheizte Zelte, schlecht isolierte Notunterkünfte

Gerade für den kommenden Winter wird die Lage für die zwei Millionen Flüchtlingskinder auch in den Lagern in Jordanien, Libanon, im Irak, der Türkei und Ägypten sowie für jene, die versuchen, sich nach Europa durchzuschlagen, immer schlimmer. Viele leben in unbeheizten Zelten oder schlecht isolierten Notunterkünften. Eltern, die in den Aufnahmeländern nicht arbeiten dürfen, brauchen ihre Ersparnisse auf, so dass sie völlig auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Viele Kinder müssen inzwischen arbeiten.

Angesichts der eher zunehmenden Brutalität der Kämpfe in Syrien sehen viele Eltern nur noch den Ausweg, nach Europa zu fliehen - in der Hoffnung, dass ihre Kinder dort eine Chance auf eine Zukunft haben. Unicef zufolge stammen mehr als 60 Prozent der Menschen auf der Balkanroute aus Syrien, und jeder vierte Flüchtling in der EU ist inzwischen ein Kind oder Jugendlicher.

"Rund ein Drittel der Menschen, die dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragt haben, sind Kinder und Jugendliche", berichtet Unicef. Bis Oktober haben etwa 30 000 unbegleitete Minderjährige Deutschland erreicht, oft erschöpft, verzweifelt, traumatisiert und krank. Untergebracht sind viele in überfüllten Turnhallen und Kasernen oder sogar nur in Zelten. Sie haben die Reise wenigstens überlebt. "Bei der Überfahrt nach Griechenland ertranken zahlreiche Kinder", konstatiert das Kinderhilfswerk.

Chronologie Der syrische Bürgerkrieg im Überblick

Waffenruhe in Syrien, es soll wieder verhandelt werden. Wie es von friedlichen Protesten 2011 zum tödlichen Konflikt, dem Islamischen Staat und den Luftangriffen von US-Amerikanern und Russen und der Flüchtlingskrise in Europa gekommen ist. Chronik

Größte Hilfsoperation in der Geschichte von Unicef

Das Unicef-Programm "No Lost Generation" versucht, Kinder innerhalb und außerhalb Syriens zu erreichen, um ihnen trotz des Krieges weiter Ausbildungsangebote und eine vernünftige Freizeitbeschäftigung zu verschaffen, für medizinische Hilfe, sauberes Wasser und Nahrung zu sorgen - und jetzt vor allem auch mit warmer Kleidung. Von Damaskus aus, aber auch in Aleppo, Homs und weiteren Orten in Syrien arbeiten daran mehr als 200 Unicef-Mitarbeiter, weitere 450 helfen in den Lagern in den Nachbarländern. Nach eigenen Angaben ist es eine der größten Hilfsoperationen in der Geschichte der Organisation.

Allerdings mangelt es am Geld. Die internationale Hilfe in der Region reicht Unicef zufolge nicht aus. "Die deutsche Bundesregierung und die Bundesbürger unterstützen die Arbeit von Unicef großzügig", sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. "Anfang November fehlten Unicef trotzdem noch rund 300 Millionen Euro, um die für 2015 in Syrien und seinen Nachbarländern geplante Hilfe vollständig zu finanzieren."

Auch nach den Anschlägen vom 13. November in Paris, sagt Schneider, dürfte man nicht vergessen, dass es der Extremismus und der Terror in ihrer Heimat ist, vor denen viele Menschen bei uns Zuflucht suchen.