Der deutsche Wissenschaftsrat sieht Leistungen und Strukturen bundeseigener Forschungseinrichtungen äußerst kritisch. Das Gremium fordert umfassende Reformen und verlangt von den Forschungsanstalten, sich dem internationalen wissenschaftlichen Wettbewerb zu stellen. Außerdem empfiehlt der Rat eine Nationale Akademie der Wissenschaften.
In dem Bericht, der am Montag offiziell vorgestellt werden soll, kritisiert der Wissenschaftsrat (WR) die "institutionelle Abgeschlossenheit" der bundeseigenen Forschungsinstitute. Diese seien nicht genügend in die deutsche und die internationale Forschungslandschaft eingebunden und publizierten weit weniger Erkenntnisse als andere Institute.
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Der Rat - das wichtigste wissenschaftliche Beratungsgremium von Bund und Ländern - bemängelt auch, dass die Mitarbeiter der Institute im Schnitt zu alt seien und dass befristete Stellen fehlten.
Letztere sorgen in Forschungseinrichtungen üblicherweise dafür, dass junge, engagierte Forscher im Laufe ihrer Karriere in verschiedenen Einrichtungen arbeiten und neue Ideen entwickelt werden. 78 Prozent der Mitarbeiter in den untersuchten Anstalten des Ernährungsministeriums sind älter als 45 Jahre.
Mehr Anregung von außen
"Untragbar ist", so der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl-Max Einhäupl, "dass es externe Beurteilungen aller öffentlich geförderten Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland gibt, nur die bundeseigenen Institute sind weitgehend ausgenommen."
Aus dem Bericht geht hervor, dass einige der Institute offenbar zu wenig Anregungen von außen aufnehmen. Deshalb empfiehlt der WR, die Anstaltsleiter sollten in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht mehr aus dem eigenen Haus berufen werden.
Zu den vom WR seit März 2003 untersuchten Einrichtungen gehören die Bundesforschungsanstalten für Viruskrankheiten der Tiere, für Ernährung, für Landwirtschaft und für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen.
Bundeseigene Forschungseinrichtungen seien zwar auch in Zukunft notwendig, so der WR, um gesetzlich vorgeschriebene hoheitliche Aufgaben, etwa die Standardisierung von BSE-Tests, zu erfüllen.
Um die Politik in wissenschaftlichen Fragen sinnvoll zu beraten, müsse jedoch künftig das Potenzial des gesamten Wissenschaftssystems genutzt werden. Wissenschaftliche Forschung sei keine originäre Aufgabe von Ministerien.
Mehr publizieren
Zugleich müssten die Strukturen in den Anstalten gestrafft und mehr Wettbewerb entwickelt werden. Forschungsaufträge müssten auch außerhalb des öffentlichen Bereichs eingeworben werden können.
An die Ressortforschungsanstalten geht auch die Empfehlung, verstärkt in international anerkannten Fachzeitschriften zu publizieren, etwa indem sie mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeiten. Forscher der bundeseigenen Anstalten sollten zudem verstärkt an Hochschulen lehren.
Ressortforschung hat in Deutschland eine lange Tradition. Sie begann im Jahr 1887 mit Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Im vergangenen Jahr flossen 11,3 Prozent aller vom Bund für die Forschung ausgegebenen Mittel in die bundeseigenen Anstalten.
Deren Gesamtetat betrug im Jahr 2003 1,277 Milliarden Euro, was zum Beispiel den Gesamtetat der Max-Planck-Gesellschaft übersteigt. 296 Millionen Euro entfallen dabei auf die zehn Anstalten des Verbraucherschutzministeriums.
Flexibleres Vertragsrecht gefordert
"Diese Mittel könnten auch weiterhin in der Verantwortung der Ministerien bleiben", sagt Einhäupl, "aber sie sollen für gute Forschung ausgegeben werden."
In zwei weiteren Empfehlungen spricht sich der Wissenschaftsrat für eine Nationale Akademie der Wissenschaften aus und fordert einen eigenen Tarifvertrag für die Forschung.
Der bislang für Wissenschaftler geltende Beamten- und Bundesangestelltenstatus soll zugunsten eines flexibleren Vertragsrechts abgeschafft werden. Das Gehalt soll künftig durch Zulagen erweitert werden.
Um die zurzeit zurückhaltenden Universitäten anzuregen, mehr dienstältere Wissenschaftler unterhalb der Professorenebene einzustellen, soll auch das Kündigungsrecht vereinfacht werden.
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(SZ vom 31.1.2004)
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