IAEA Syrien baute "sehr wahrscheinlich" Atomreaktor

Nach einem Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde hat die syrische Regierung versucht, bis 2007 im Geheimen einen Atomreaktor zu entwickleln. Das belegen eindeutig Satelliten- und Radarbilder sowie Bodenproben, die vor Ort gesammelt wurden.

Von Paul-Anton Krüger

Die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien sind erstmals zur Schlussfolgerung gelangt, dass Syrien nahe der Ortschaft el-Kibar "sehr wahrscheinlich" im Geheimen einen Atomreaktor errichtet hat. Das geht aus dem neuesten Bericht von IAEA-Chef Yukyia Amano hervor, der am Dienstagabend in Wien bekannt wurde und der Süddeutschen Zeitung vorlag.

Mit dieser bisher härtesten Formulierung seit Beginn der IAEA-Untersuchung vor drei Jahren ist es wahrscheinlich, dass der 35 Staaten umfassende Gouverneursrat der IAEA bei seiner Sitzung im Juni den Fall an den UN-Sicherheitsrat überweisen wird oder zumindest Syrien mit einer Verurteilung diplomatisch stärker unter Druck setzt.

Israel hatte den Betonquader am Ufer des Euphrat im September 2007 bombardiert. Erst im April 2008 hatte der US-Geheimdienst CIA-Aufnahmen von dem Gelände veröffentlicht. Dabei erhob die CIA die Beschuldigung, Syrien habe auf dem Gelände mit Hilfe Nordkoreas daran gearbeitet, einen Reaktor zur Produktion von Plutonium zu errichten, das zum Bau von Atomwaffen verwendet werden kann. Die IAEA schließt sich nun in ihrem Bericht weitgehend der CIA-Einschätzung an. Die Inspektoren seien "nach Auswertung aller ihnen vorliegenden Informationen" zu dem Schluss gelangt, so der Bericht.

Für ihre Analyse nutzte die IAEA Satelliten- und Radarbilder aus einem Zeitraum von 2001 bis nach der Zerstörung des Gebäudes und der anschließenden Aufräumarbeiten durch Syrien. Diese Bilder zeigten Charakteristika eines Reaktors. Ebenso stützt sich die IAEA auf Bodenproben, die sie bei der bisher einzigen Inspektion vor Ort im Jahr 2008 gesammelt hatte.

Inspektoren zweifeln an Erklärungsversuchen der syrischen Regierung

Dabei waren Uran-Spuren gefunden worden, aber auch andere Materialien, die beim Bau des in Frage stehenden Reaktortyps verwendet würden. Zudem sei der Standort geologisch gut geeignet und habe über eine für den Betrieb eines Reaktors ausreichende Wasser- und Stromversorgung verfügt. Weiter führt die IAEA verdächtige Beschaffungsbemühungen für Material an, das in Reaktoren verbaut wird.

Die Erklärungen der syrischen Regierung für die einzelnen Indizien halten die Inspektoren nicht für stichhaltig. Syriens Staatschef Baschar al-Assad hatte immer angeführt, bei el-Kibar habe es sich um eine konventionelle Militäranlage gehandelt.

Über drei weitere Anlagen, die mit dem mutmaßlichen Reaktor in Verbindung stehen sollen, gab die IAEA keine Einschätzung ab. Sie schloss aber nicht aus, dass es sich um Anlagen zur Herstellung von Nuklearbrennstoff handelte. Die SZ hatte Anfang des Jahres berichtet, dass westliche Geheimdienste vermuten, dass es sich bei einem Gebäudekomplex in Marj al-Sultan, einem Vorort der Hauptstadt Damaskus, um eine Anlage zur Uranproduktion handelt.

Laut einem zweiten Bericht der IAEA zum umstrittenen iranischen Atomprogramm hat die Wiener Behörde zusätzliche Informationen erhalten, die den Verdacht erhärten, dass Iran an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet hat und dies möglicherweise immer noch tut.

Die Inspektoren nennen explizit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in sieben Gebieten, die in diese Richtung weisen. Darunter fallen Experimente mit Komponenten für einen Sprengkopf sowie Studien für eine modifizierte Spitze der iranischen Shahab-3-Raketen. Dieser sogenannte Wiedereintrittskörper sei für eine nukleare Ladung weiterentwickelt worden.