Benedikt XVI. in Israel "Schlecht vorbereitete Reise"

Die Pius-Brüder sind eine schwere Hypothek für die Israel-Reise des Papstes, glaubt Christian Weisner vom Verein "Wir sind Kirche". Er hofft, dass es zu keinem Eklat kommt.

Interview: J. Osel

Im Vergleich zu seinem Vorgänger steht Papst Benedikt XVI. dem interreligiösen Dialog skeptischer gegenüber, sagt Christian Weisner. Er ist Initiator des Vereins "Wir sind Kirche", der einen besseren Dialog mit anderen Religionen und mehr Mitspracherechte für Laien fordert. Bekanntheit erhielt "Wir sind Kirche" nach dem Streit um den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson: Eine Petition gegen einen Rückschritt ins Mittelalter haben laut Weisner 53.000 Katholiken unterzeichnet, von Theologieprofessoren bis zu einfachen Gemeindemitgliedern.

sueddeutsche.de: Papst Benedikts Auftakt der Israel-Reise hat teils scharfe Reaktionen hervorgerufen. Medien in Israel nannten seine Rede "nahezu steril und emotionslos", sprachen von einer großen Enttäuschung. Wie bewerten Sie den ersten Tag?

Christian Weisner: Die Reise ist als Pilgerreise deklariert, sie ist aber politisch hochbrisant. Benedikts Dilemma ist, dass sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. im interreligiösen Dialog sehr viele Türen geöffnet hat. Daher wird jetzt jedes Wort, jede Geste, jede Mimik mit dem Vorgänger verglichen. Die Enttäuschung in Israel und bei den Juden in Deutschland kann ich nachvollziehen: Es ist nicht glaubwürdig, dass der Papst dazu aufgerufen hat, den Antisemitismus weltweit zu bekämpfen, dies in der eigenen Kirche aber nicht so geschehen ist, wie es notwendig gewesen wäre. Benedikts Umgang mit der ultrakonservativen Pius-Brüderschaft, und hier meine ich nicht nur Bischof Williamson, ist eine ungeheure Hypothek, die diese Reise belastet.

sueddeutsche.de: Was hätte er denn konkret anders machen können? Etwa die Pius-Brüder erwähnen?

Weisner: Der Konflikt schwelt seit dem 24. Januar, doch seitdem ist nicht viel passiert. Der etwas weinerliche Entschuldigungsbrief des Papstes hat das Problem nicht aus der Welt geschafft. Es fehlen klare Worte und klare Entscheidungen, insofern ist die Reise schlecht vorbereitet gewesen. Die Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Brüder ohne Vorbedingungen ist und bleibt ein großer strategischer Fehler.

sueddeutsche.de: Mancher hatte von Benedikt in Jad Vaschem eine Entschuldigung für den Holocaust erwartet, vielleicht auch die Erwähnung seiner Mitgliedschaft in der Hitlerjugend.

Weisner: Benedikt ist sicherlich kein Antisemit, aber eine Entschuldigung wäre ein Zeichen gewesen, das die Herzen und Köpfe der Menschen in Israel geöffnet hätte. Als Deutscher hätte er in Jad Vaschem deutlichere Worte finden können. Bei aller theologischen Intelligenz des Papstes: Die Sensibilität für politische und historische Dimensionen scheint ihm zu fehlen, anders als seinem Vorgänger. Das kann an falschen Beratern liegen oder auch daran, dass er keine Berater will.

sueddeutsche.de: Sehen Sie Benedikt denn mehr als Papst oder mehr als Deutschen?

Weisner: Das kann man nicht trennen. Tatsache ist, dass er Deutscher ist und dass er den Nationalsozialismus erlebt hat. Das offen anzusprechen, wäre möglich gewesen. Damit hätte er neues Vertrauen gewinnen können. Doch so, wie er es gemacht hat, besteht eher die Gefahr, dass Vertrauen, die Grundlage für jeden Dialog, verspielt wird. Angesichts früherer Äußerungen Benedikts muss sich die römisch-katholische Kirche sogar die Frage gefallen lassen, wie sehr sie überhaupt am interreligiösen Dialog interessiert ist.

sueddeutsche.de: Benedikt sagte, er komme als christlicher Pilger ins Heilige Land, was angesichts der Umstände schlecht funktioniert. Nach einer Wiedergutmachungsreise für den Streit um die Pius-Brüderschaft sieht es auch nicht aus. Wozu dann diese Reise?

Weisner: Es ist gut, dass der Papst die Christen im Nahen Osten besucht, die seit langem in einer schwierigen Situation leben. Auch das Anliegen, die Wurzeln des Christentums zu erkunden, ist legitim. Aber der Papst ist auch Staatsoberhaupt und betritt politisch heikles Terrain. Er darf sich nicht von Israel vereinnahmen lassen und zum Spielball der politischen Kräfte werden. Dass sich Benedikt deutlich für eine Zwei-Staaten-Lösung ausgesprochen hat, finde ich aber bemerkenswert.

sueddeutsche.de: Was erwarten Sie von den kommenden vier Tagen der Reise?

Weisner: Die politisch richtig brisanten Termine, Jordanien, Jad Vaschem und der Besuch im Felsendom, sind nun vorbei. Die künftigen Etappen werden sich eher den religiösen Spuren widmen. Niemand, auch kein kritischer Katholik, wünscht dem Papst einen misslichen Auftritt. Doch die Gefahr bleibt, dass eine beiläufige Bemerkung zu neuen Konflikten führt. Ich hoffe sehr, dass es zu keinem Eklat kommt wie bei der Regensburger Rede 2006. Ich hoffe, dass diese hochsensible Reise gut zu Ende geht.

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