Benedikt XVI. in Deutschland "Der Schaden der Kirche kommt von den lauen Christen"

Er wird von Tausenden bejubelt wie ein Popstar - trotzdem spart Benedikt XVI. bei seinen Besuchen in Erfurt und Freiburg nicht mit deutlichen Worten an die Gläubigen. Der Papst würdigt aber auch die Standhaftigkeit ostdeutscher Katholiken während der DDR-Zeit, ehrt Altkanzler Kohl mit einer Privataudienz - und vergleicht den Konflikt in der Kirche mit dem Streit um Stuttgart 21.

Papst Benedikt XVI. ist auf der letzten Station seiner Deutschland-Reise in Freiburg von den Gläubigen überschwänglich gefeiert worden. 29.000 Pilger, vor allem Jugendliche, kamen am Samstagabend zu einer stimmungsvollen Gebetsvigil mit dem katholischen Kirchenoberhaupt, zu der der 84-Jährige mit dem Papamobil fuhr.

 Papst Benedikt XVI. kommt in Freiburg im Papamobil zu einer Gebetsvigil mit Jugendlichen auf das Messegelaende.

(Foto: dapd)

Es herrschte eine fröhliche Stimmung im Abendlicht. Wie zuvor schon bei der herzlichen Begrüßung am Freiburger Münster ertönten viele "Benedetto"-Rufe, später erleuchteten zehntausende Kerzen das Areal.

Bei der Vigil, einer liturgischen Gebetswache, forderte Benedikt junge Christen dazu auf, "glühende Heilige" zu werden und sich Gott hinzugeben. "Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen."

Die gute Stimmung hielt die Jugendlichen nicht davon ab, vor dem Eintreffen des Papstes auch kritische Ansichten kundzutun. Die Veranstalter hatten aufblasbare Tüten in Grün und Rot verteilt und stellten Fragen. Die Menge signalisierte mit den Tüten, dass für sie die Unterscheidung in evangelisch und katholisch keine Rolle spielt, sie Homosexualität nicht als Sünde sieht und Frauen in der katholischen Kirche eine größere Rolle spielen sollten.

Im Gespräch mit der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken kritisierte der Papst dem Vatikan zufolgedie vielen katholischen Gremien und Verbände in Deutschland. "Ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt." Fraglich, sei ob dahinter die entsprechende geistige Kraft stehe.

Benedikt fügte hinzu: "Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben."

"Die Orthodoxie steht und theologisch am nächsten"

Am Morgen sorgte ein Zwischenfall in Erfurt für Aufregung: Etwa zwei Stunden vor Beginn der Messe mit dem Papst auf dem Domplatz gab ein Mann mit einem Luftdruckgewehr vier Schüsse auf private Sicherheitskräfte an einer Kontrollstelle ab. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest. Er bestritt die Tat. Verletzt wurde niemand.

Bei der Heiligen Messe würdigte der Papst die Standhaftigkeit der ostdeutschen Katholiken während der DDR-Zeit. Die Menschen hätten "eine braune und eine rote Diktatur ertragen müssen, die für den christlichen Glauben wie saurer Regen wirkte", sagte der Papst vor rund 30.000 Gläubigen auf dem Erfurter Domplatz.

Bei Benedikts Ankunft in Freiburg jubelten ihm erneut Tausende Menschen bei strahlendem Sonnenschein zu. Er fuhr im Papamobil durch eine von Menschen gesäumte enge Gasse zum Münster. Nach einem Rundgang durch das Gotteshaus und einem Gebet erwiderte er scherzhaft die Willkommensgrüße: "Mein besonderer Dank gilt dabei eurem lieben oberwürdigsten Erzbischof Dr. Robert Zollitsch für die Einladung. Er hat mich so bedrängt, dass ich am Schluss sagen musste: Nach Freiburg muss ich wirklich kommen."

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