Ein Kommentar von Cornelia Bolesch, Brüssel

Worum geht es in Belgien eigentlich - um das persönliche Fiasko eines Politikers? Um das Ende einer Koalition, die sowieso nie eine Basis hatte? Oder droht dem Land tatsächlich eine Superkrise?

Wortspiele mit Namen sollten sich eigentlich verbieten. Doch die belgische Zeitung Le Soir konnte der Versuchung nicht wiederstehen: "Le Terme" titelte sie an diesem Dienstag. So präsentiert signalisiert der Name des immer noch amtierenden belgischen Premierministers Yves Leterme nichts anderes als: Das Ende.

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Aber das Ende wovon? Geht es um das persönliche Fiasko eines Politikers, der jetzt zum dritten Mal daran scheitert, dem kleinen Nachbarland der Deutschen eine stabile Regierung zu geben? Oder handelt es sich um das Ende einer Fünf-Parteien-Koalition, die sowieso nie eine gemeinsame Basis hatte und sich jetzt schleunigst Neuwahlen stellen sollte?

Oder droht nun gar die Superkrise, das Ende des Föderalstaats Belgien, weil beide großen Volksgruppen, die Flamen im Norden und die Frankophonen im Süden, offenbar überhaupt keine gemeinsame Sprache mehr sprechen?

Offenkundig ist, dass alle Kommentatoren und Beobachter in Belgien am Ende ihrer Weisheit sind. "Wie es jetzt weitergeht, weiß definitiv niemand", schreibt die flämische Zeitung De Morgen. Wieder einmal ist es König Albert II., der ein erstes Signal geben soll, ob das Land vor weiteren Zerreißproben steht oder doch noch in der Lage ist, erst einmal eine Besinnungspause einzulegen. Der König hat den Rücktritt Yves Letermes nicht sofort akzeptiert. Er will offenbar alles vermeiden, was direkt in die Unübersichtlichkeit, ins Chaos führt.

Eines steht allerdings schon jetzt fest: Wie immer die neue belgische Krise mitten im Sommer gemanagt wird und welch endlose Sitzungsspirale sich jetzt auch anschließen mag - die Spaltung des Landes steht noch lange nicht auf der Tagesordnung.

Belgien lässt sich nämlich nicht so einfach spalten. Es sind nur zwei Parteien im Norden, die offen für ein unabhängiges Flandern eintreten: Die Rechtspopulisten des Vlaams Belang und die N-VA, der kleine nationalistische Bündnispartner von Letermes Christdemokraten.

Die übergroße Mehrheit der anderen flämischen Parteien will dagegen nur mehr Kompetenzen für die flämische Region, aber keine Abschaffung des Landes. Denn keiner weiß, wer dann die Milliarden Schulden erben soll, die der belgische Staat aufgehäuft hat. Und keiner weiß, was aus der dritten Region im Lande werden soll: der frankophon geprägten Hauptstadt-Region Brüssel, die mitten auf flämischem Territorium prangt.

So sind die Belgier auf Gedeih und Verderb gezwungen, miteinander auszukommen und miteinander eine Lösung ihrer Probleme zu finden. Wir in Deutschland sollten die belgische Krise nicht mit Häme, sondern mit Anteilnahme begleiten.

Im Kern geht es bei dem Streit unserer Nachbarn um regionale Zuständigkeiten und regionale Idenitäten doch um eine Frage, die ganz Europa beschäftigt: Wie stark muss die regionale Verankerung sein, damit die Menschen die Globalisierung meistern können?

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(sueddeutsche.de/ihe)