Begriff Völkerwanderung "Es sind Bilder, die ins Dunkle weisen"

Eine moderne Völkerwanderung? Flüchtlinge in Istanbul auf dem Weg nach Griechenland

(Foto: AFP)

Die aktuellen Flüchtlingsbewegungen werden häufig als "Völkerwanderung" bezeichnet. Ein Migrationsforscher erklärt, warum der Begriff in die Irre führt.

Von Barbara Galaktionow

Sie kommen in maroden Booten übers Mittelmeer, ziehen zu Fuß in Richtung Europa, durchqueren in Zügen einzelne Staaten oder sammeln sich vor den gesicherten Grenzen Ungarns, Kroatiens und Sloweniens. Seit Monaten sehen wir täglich neue Bilder von Flüchtlingen. "Wir haben es mit einer großen Völkerwanderung zu tun. Das kann doch niemand mehr bestreiten", sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Und er ist nicht der einzige Politiker, der den Begriff der Völkerwanderung verwendet. Auch in vielen Medien ist von "Völkerwanderung als Normalzustand" von der "neuen" oder der "modernen Völkerwanderung" die Rede. Doch trifft der Begriff das Geschehen? Und sind überhaupt so viele Menschen unterwegs, wie es scheint? SZ.de sprach mit Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Uni Osnabrück.

SZ: Herr Oltmer, in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte fällt derzeit häufig der Begriff der Völkerwanderung. Ein stimmiges Bild?

Jochen Oltmer: Der Begriff der Völkerwanderung verweist auf historische Vorgänge in der Spätantike. Er ist entwickelt worden, um bestimmte Bevölkerungsbewegungen in einer bestimmten Zeit - dem 4., 5. und 6. Jahrhundert - zu kennzeichnen. Jeder, der diesen Begriff heute benutzt, muss sich im Klaren darüber sein, dass er auf diese Epoche verweist.

Sind denn in der Antike tatsächlich Völker gewandert?

Diese Frage wird in der Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren heftig debattiert, von den ursprünglichen Vorstellungen bleibt dabei wenig übrig. Klar ist inzwischen: Es sind nicht homogene Gruppen, gar Völker, die da unterwegs waren, sondern große Militärverbände, bewaffnete Kollektive, wenn auch zum Teil mit Familienanhang. Und sie waren in große kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt.

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Dann passt der Begriff Völkerwanderung also nicht auf die heutige Situation?

Ich halte es für hochproblematisch, zwischen der heutigen Situation und der in der Spätantike einen Bezug herzustellen. Historische Analogien sind immer schwierig. Und in der aktuellen politischen Debatte geht es gar nicht darum, sich mit den historischen Gegebenheiten der Spätantike auseinanderzusetzen. Es wird einfach ein Terminus verwendet, zum Teil sehr bewusst, der Vorstellungen von mehr oder weniger unkontrollierbaren Massenbewegungen weckt.

Der Begriff impliziert etwas Bedrohliches.

Genau. Die Bilder, die wir von Völkerwanderung im Kopf haben, sind solche von Zerstörung und Gewalt. Es sind Bilder, die ins Dunkle weisen.

Warum eigentlich?

Was die Spätantike angeht, schwirren in vielen Köpfen bruchstückhafte - und nicht unbedingt zutreffende - Vorstellungen von barbarischen Horden herum, die das Römische Reich überrannten und dabei eine ganze Zivilisation zerstörten. Wir nehmen Migration vor allen Dingen dort wahr, wo es um Krisen und Katastrophen geht. Selbst wenn es sich nicht um kriegerische Vorstöße handelt, sondern - wie derzeit in Europa - um Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut. Andere Wanderungsbewegungen werden hingegen völlig übersehen. Es gibt heute sehr viel Migration unter den reichen Staaten der Welt: Bildungs- und Ausbildungswanderung oder Entsendungen von sogenannten Expats, Siemens-Mitarbeiter zum Beispiel, die für ein paar Jahre in Shanghai arbeiten. Das interessiert niemanden.

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Wanderungsbewegungen sind also etwas Normales?

Migration ist normal, gar kein Zweifel. Seitdem der Mensch existiert, sehen wir Migrationsbewegungen, auch große, lang andauernde und über lange Distanzen. Das ist kein Phänomen der Neuzeit und hängt auch nicht an modernen Verkehrsmitteln.

Bis zu welchem Punkt wird Migration auch als normal empfunden - und wo schlägt das um?

Da spielen verschiedene Aspekte zusammen. Die Wirtschaft ist natürlich wichtig, die Frage, werden Flüchtlinge oder Einwanderer als nützlich angesehen oder als Konkurrenten um das knappe Gut Arbeitsplatz. Dann geht es auch um Vorstellungen von Zusammengehörigkeit. Ich darf daran erinnern, dass von 1950 an 4,5 Millionen sogenannte Aussiedler in die Bundesrepublik kamen. Die Nachfahren deutscher Auswanderer wurden als zugehörig zum Kollektiv der Deutschen angesehen, ihnen wurde ein besonderes Recht auf "Rückkehr" zugestanden. Auch politische Konstellationen spielen natürlich eine Rolle.