Warum so viele Menschen weltweit plötzlich wieder bereit sind, in den Vereinigten Staaten das Gute zu sehen, nachdem sie diese jahrelang verteufelt haben.
Emotionen sind die Rauschdroge der Politik. Normalerweise sind sie ein Mittel des Populismus. Im Wahlkampf von Barack Obama aber erfassten sie nicht nur das amerikanische Wahlvolk, sondern die ganze Welt. Noch bevor Obama am Dienstag ins höchste Amt der USA gewählt wurde, war er für Millionen von Menschen eine Art Präsident der Herzen.
Obama-Fans am New Yorker Times Square: Ihren Jubel teilten Menschen in aller Welt. (© Foto: AFP)
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Als Barack Obama nun gewählt wurde, konnte sich kaum einer dem vielzitierten historischen Moment entziehen. General Colin Powell zum Beispiel, der unter Bush dem Älteren als erster schwarzer Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte fungierte, ist kein Mann, der leicht zu rühren ist. Immerhin hat er schon zwei Irakkriege geführt.
Doch als er sich am Mittwoch vor einer CNN-Kamera noch einmal an den Moment erinnerte, an dem im Fernsehen der Wahlsieg Barack Obamas verkündet wurde, als ihm also plötzlich klar wurde, dass hier ein Kampf vorüber ist, der im kollektiven Erleben des schwarzen Amerika nun schon mehr als vierhundert Jahre andauert, verschlägt es ihm die Sprache. Er schluckt.
"Da war doch gerade eine Träne", frohlockt der Reporter sogleich. Worauf ihn der General mit tränenerstickter Stimme zurechtweist: "Jeder hat geweint."
Nun versteht sich Barack Obama zwar besonders gut auf das Instrumentarium der emotionalisierten Politik. Er wusste, dass er nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss.
Auch seine Siegesrede war ein perfekt inszenierter Parcourslauf der Emotionen, zu dem der Appell an die wahrhaft Vereinigten Staaten genauso gehörte wie das Versprechen, seinen Töchtern einen kleinen Hund zu schenken. So viel Jubel und Tränen wie auf Barack Obamas triumphalem Marsch zum Wahlsieg hat man in demokratischen Systemen allerdings selten gesehen.
Der wahre Triumph für das schwarze Amerika war auch nicht, dass hier ein Schwarzer zum Präsidenten gewählt wurde, sondern die Tatsache, dass es letztlich egal war, dass er ein Schwarzer ist. Dieser Unterschied ist entscheidend. So kann das liberale Amerika wieder an die Ideale seines Landes glauben, das auf den Werten der Freiheit und der Verdienste gegründet wurde. So wird Obamas Sieg aber auch zu einem derart emotionalen Ereignis, das selbst die Massen in Hochburgen des Antiamerikanismus wie Indonesien oder Deutschland zu kollektiven Gefühlsausbrüchen hinreißt.
Obama hat es in den knapp zwei Jahren seines Wahlkampfs geschafft, aus der Verbindung seiner Biographie und seiner Ausstrahlung eine Projektionsfläche zu schaffen. Diese Projektionsfläche funktioniert wie der vielzitierte "amerikanische Traum", als großes Versprechen auf die Chance des Glücks für alle. Genau dieser amerikanische Traum war mehr als sieben Jahre unter den Trümmern des World Trade Centers, unter dem zynischen Opportunismus und den Lügen der Bush-Regierung begraben. Die Arroganz, mit der sich diese Regierung über Recht, Gesetz und die internationale Gemeinschaft hinwegsetzt, wurde aber gerade deswegen als so schmerzhaft empfunden, weil sie diesem amerikanischen Traum widersprach.
Es ist schon erstaunlich, wie sich der weltweite Groll, der sich seit Jahren gegen Amerika richtet, innerhalb einer Nacht in tränenselige Begeisterung verwandelt hat. Darin steckt gerade in Deutschland auch Rechthaberei: Waren die Schwarzen nicht Opfer eines heuchlerischen Systems, das sich anmaßte, die Welt in die Freiheit zu führen, während es das eigene Volk unterdrückte? Ist Obamas Wahl nicht auch ein Akt der Reue?
All diese Aufwallungen werden spätestens mit dem Amtseid zur historischen Fußnote werden. Obama weiß, dass nach den Jahren des fehlgeleiteten Idealismus und den Monaten der großen Gefühle nur eine Ära des Realismus die Krisen bewältigen kann. Die Emotionen konnten ihm da nur den Vertrauensvorschuss liefern.
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(SZ vom 07.11.2008/gba)
Die Kommentare fast aller grossen Blätter in Deutschland zu der Wahl gehen am Hauptgrund für den Seufzer der Erleichterung vorbei, der letztlich die vielen Menschen verbindet: dies ist ein Akt der Befreiung.
@Roger-V
Ja, das ist richtig. Die Jubler, die sich verbal in Körperteile versenkt haben, über Jahre.
Ich hoffe, dass nun -nach der ersten Begeisterung- Nüchternheit einkehrt und dieser Fehler nicht von allen Medien wiederholt wird.
Die Finanzierung BEIDER Kandidaten mit vielleicht 1 Milliarde Dollar ist mir unverständlich.
Dem noch amtierenden Präsidenten rannen ja nicht Milliarden Dollar durch die Hände, sondern tausende von Milliarden.
als "Hochburg des ANtiamerikanismus" zu bezeichnen zeugt auch nicht gerade von politischem Scharfsinn.
Die Show geht weiter und die Medien überschlagen sich. Die Medien, die sich jahrelang nicht getraut haben die Wahrheit über Bush zu schreiben fallen jetzt vehement über Ihn her und machen Ihn plötzlich für alles verantwortlich.
Obama wird in gleichem Maße bejubelt obwohl seine Ziele nicht von Bush`s abweichen. Im Gegenteil, in Afghanistan oder an den anderen Kriegen sollen sich die Europäer mehr beteiligen.
Obama ist nicht der Präsident des Volkes sondern der Präsident derer, die seinen Wahlkampf finanziert haben und deren Interessen und die Interessen der USA wird er vertreten so wie alle Präsidenten der USA.
Bloß weil Obama schwarz ist, wird sich die Lobby der USA nicht ändern, eher Obama wie man genau lesen kann über seine Ziele.
"neben den gigantischen Trümmern des Mr. Bush, die Generationen von Amerikanern zur Aufarbeitung bedürfen. "
Hört sich lustig an. So schlimm steht es nicht um Amerika. Die Amerikaner sind schnell. Wenn Obama gut ist reichen zwei Amtszeiten locker um die Trümmer von Bush wegzuräumen.
Paging