Bedrohter jüdischer Schüler aus Offenbach "Klar habe ich Angst"

Prangert Antisemitismus in seiner Offenbacher Heimat an: Max Moses Bonifer

(Foto: Privat oH)

Max Moses Bonifer ist 18 Jahre alt und in Offenbach aufgewachsen. Er vertrat die Schülerschaft seiner Heimatstadt als Stadtschulsprecher, seine kommissarische Amtszeit sollte im Dezember enden. Nach einer Morddrohung trat Bonifer zurück und machte seinen Fall publik, mehrere Medien berichteten davon: Bonifer wurde angegangen, weil er Jude ist und seinen Glauben nicht versteckt.

Von Oliver Das Gupta

SZ.de: Herr Bonifer, Sie wurden bedroht, weil Sie Jude sind. Was genau ist geschehen?

Max Moses Bonifer: Die antisemitischen Anfeindungen passierten auf offener Straße und in Untertönen. Das ging einher mit einem wachsenden Salafismus bei Schülern und Schülerinnen in Offenbach. Als mir von zwei arabischstämmigen Jugendlichen mit Mord gedroht wurde, war bei mir die Grenze erreicht. Sie beleidigten mich und schmähten Israel. Sie spuckten mich an und sagten: "Pass auf, wir töten dich und dein Volk."

Hatten Sie sich zuvor öffentlich zum Nahostkonflikt geäußert?

Nein, das habe ich nicht. Mich beschäftigt der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern natürlich. Aber öffentlich hatte ich das nicht thematisiert.

Wie alt waren Sie, als Sie das erste Mal antisemitisch angegangen wurden?

Als ich 16, 17 war und mich in der Öffentlichkeit mit Kippa gezeigt habe. Vorher wusste fast niemand, dass ich Jude bin. Seit der Eskalation um den Gazastreifen im vergangenen Sommer steigerten sich die Anfeindungen. In vielen Menschen in Deutschland schlummert Antisemitismus. Man kann sie mit schlafenden Vulkanen vergleichen. An der Oberfläche sind sie friedlich. Und wenn sich die Lage im Nahen Osten verschlimmert, nehmen sie das zum Anlass, um auszubrechen.

Haben Sie Angst?

Klar habe ich Angst. Ich frage mich, ob ich mich in Deutschland noch sicher fühlen kann. Und damit bin ich nicht alleine. Nachdem mein Fall bekannt wurde, haben sich andere jüdische Jugendliche bei mir gemeldet. Sie befürchten, dass der Judenhass in Deutschland wächst. Manche denken an Auswanderung nach Israel.

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Wissen Sie, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Hier ist meine Heimat, ich bin deutscher Staatsbürger und ich liebe dieses Land. Aber auf lange Sicht muss ich mir überlegen, ob ich dort leben will, wo ich von manchen Leuten diskriminiert werde und das Gefühl habe, dass die Mehrheit das hinnimmt. Ich kann nicht einfach mit einem Kumpel abends ein Bier trinken, ohne Sorge zu haben. Oder ich ziehe lieber eine Baseball-Kappe auf statt der Kippa. Ich bin ja kein Fundamentalist, aber ich möchte offen meine Religion zeigen können.

Sie haben Ihren Fall öffentlich gemacht. Sie haben also nicht vor, klein beizugeben.

So ist es. Natürlich kennen nun noch mehr Menschen mein Gesicht, auch die Spinner. Ich habe mir gut überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehe. Freunde haben mir dazu geraten, auch meine Eltern. Der Antisemitismus in Deutschland ist kein Phantasiegebilde. Judenhass ist Realität. Man muss dagegen etwas tun: sichtbar, laut und mutig.

Tun die nichtjüdischen Deutschen bislang zu wenig?

Ja, den Eindruck habe ich, leider. Ich wünsche mir, dass die Bürger offen und friedlich zeigen, dass Antisemitmus in Deutschland nicht geduldet wird. Ich wünsche mir auch, dass mehr jüdische Menschen den Mut haben, offen die Anfeindungen anzuprangern. Wir Juden wollen nur das, was im Grundgesetz steht: Religionsfreiheit und den Schutz dieses Grundrechts. Ich wünsche mir ein Land, in dem jeder seine individuelle Kultur und Religion pflegen kann und Respekt dafür bekommt. Und gleichzeitig die Gesetze und gesellschaftlichen Normen in Deutschland akzeptiert. Deshalb ist Integration so wichtig. Die meisten Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln integrieren sich gut in diesem Land. Bei nicht wenigen Menschen, die oft einen muslimischen Hintergrund haben, klappt die Integration nicht.

Halten Sie den Islam für gefährlich?

Quatsch, Islamfeindlichkeit ist klar zu verurteilen. Meine Freundin ist Muslima. Ich verehre die monotheistischen Religionen, die sich mit Gott befassen, wie den Islam und das Christentum. Tatsache ist aber, dass es derzeit viele junge muslimischstämmige Menschen gibt, die offen Antisemitismus zeigen. Sie missbrauchen den Islam, um ihren Judenhass zu begründen.

Bekommen Sie inzwischen auch Beifall von Islamhassern?

Auch das ist leider schon vorgekommen. Aber das möchte ich auf keinen Fall. Ich möchte nicht ausgenutzt werden. Ich möchte auch keine Hooligans und keine Nazis auf der Straße, die gegen Salafisten marschieren - das ist schrecklich. Was ich möchte, ist, dass wir die Integration in Deutschland klug forcieren. Und, dass die normalen Bürger nachdenken, die Augen aufmachen und nicht zögern, einzuschreiten, wenn sie mit Antisemitismus konfrontiert werden.

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