Bedrängte ostukrainische Stadt Mariupol Wehe, die Schlacht kommt

Mariupol, Industrie- und Hafenstadt mit einer halben Million Menschen, ist das Kronjuwel im Südosten der Ukraine.

(Foto: REUTERS)

Waffenruhe hin oder her: Wenn die prorussischen Rebellen den Vormarsch auf Mariupol beginnen, dürfte die Stadt kaum zu halten sein. Viele Bewohner befürchten einen Angriff - aber längst nicht alle.

Von Florian Hassel, Mariupol

Bis vor Kurzem glaubten die Einwohner von Schirokino, der Krieg sei bei ihnen nur auf Durchreise gewesen. Zwar durchlebte das Dorf am Asowschen Meer im Südosten der Ukraine schreckliche Tage: Anfang September 2014 beschossen sich die vom russischen Militär gestützten Rebellen und die ukrainische Armee intensiv mit Raketen und Granaten. Schirokino und seine 1700 Einwohner lagen genau in der Mitte zwischen den Stellungen - mehrere Dorfbewohner starben durch zu kurz gefeuerte Granaten. Doch als Dorfvorsteher Alexander Gluschenko bei den ukrainischen Militärs wie bei den Rebellen vorsprach und flehte, das Dorf zu verschonen, kehrte wieder Ruhe ein. Einige Monate glaubten die Leute von Schirokino, der Krieg werde sie verschonen, und sie könnten weiter in ihrem von wildem Wein und kleinen Gärten geschmückten Dorf mit Blick auf das Asowsche Meer leben.

Ihre Hoffnung trog. Schirokino liegt nur 20 Kilometer vom Zentrum der Industrie- und Hafenstadt Mariupol entfernt. Wer das Dorf überrennt, dem steht der Weg in die Stadt von strategisch überragender Bedeutung offen. Mitte Februar sicherte das ukrainische Militär Schirokino stärker. Einheiten der Nationalgarde und paramilitärische Hilfstruppen rückten ein und nahmen die Mariupol bedrohenden Rebellen wieder unter Feuer. Deren Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Die Separatisten bezogen Stellungen im Osten des sich über etliche Kilometer erstreckenden Dorfes. Schirikono ist seither ein Geisterort, erschüttert von Explosionen der Granaten oder Schüssen der Scharfschützen beider Seiten. Nur ein paar Dutzend Bewohner blieben.

Die Nachbarin wurde getötet, als sie ins Dorf ging, um Vögel zu füttern

Ina Sedowa und ihre Mutter Elvira leben seither im Wohnheim eines früheren Schiffbauinstituts. Die Sedowas teilen das Zimmer mit sieben weiteren Nachbarn, die Betten stehen dicht an dicht, Platz für etwas Geschirr ist nur auf der Fensterbank. Stehen die Fenster offen, hören sie nicht nur die Ladekräne des nahen Hafens, sondern manchmal auch Granaten, die Rebellen und Ukrainer bei Schirokino aufeinander schießen. Gerade wurde ihre Nachbarin Irina von einem Scharfschützen getötet, als sie ins Dorf ging, um ihre Vögel zu füttern. Mindestens ein Dutzend Dorfleute sind umgekommen. Manche im Wohnheim hoffen, dass der Waffenstillstand von Minsk dauerhaft greift. Andere, wie Ina Sedowa, glauben, "dass der Krieg noch ein, zwei Jahre weitergeht und es lange dauert, bis wir ins Dorf zurückkönnen".

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Die Frage nach der Zukunft stellen sich nicht nur die geflüchteten Dorfbewohner. Mariupol, Industrie- und Hafenstadt mit einer halben Million Menschen, ist das Kronjuwel im Südosten der Ukraine - und das wichtigste Hindernis, sollte Präsident Wladimir Putin einen Landweg zu der vor einem Jahr von Russland annektierten Krim erobern wollen. Im Sommer 2014 übernahm die ukrainische Armee den Flughafen von Mariupol und baute ihn zur Festung aus. "Wir verstärken unsere Stellungen und sind zu allem bereit", verbreitet Armeesprecher Oleg Suschinskij pflichtgemäßen Optimismus.

Die ukranischen Kräfte dürften nicht reichen, wenn ein Angriff kommt

Mindestens 10 000 Soldaten soll die Armee in Mariupol zusammengezogen haben, schätzen lokale Beobachter, dazu mehr als 1000 Angehörige der Hilfsbataillone der Nationalgarde. Diese Kräfte dürften freilich kaum ausreichen, sollte Präsident Putin einen massiven Angriff auf Mariupol befehlen. In dem am 18. Februar gefallenen Eisenbahnknoten Debalzewe etwa sollen 8000 ukrainische Soldaten stationiert gewesen sein. Sie waren Rebellen und Einheiten der russischen Armee zahlenmäßig wie an Material unterlegen, erlitten hohe Verluste an Soldaten und Waffen - und mit ihrem erzwungenen Abzug aus Sicht Kiews eine der größten Niederlagen dieses Krieges.

Nicht nur ukrainische Militärsprecher, deren Angaben oft mit Vorsicht zu genießen sind, oder US-Generäle im Nato-Dienst warnen vor einer Aufrüstung von Russen und Rebellen mit Stoßrichtung Mariupol. "Die Regruppierung von russischen und Rebellenstreitkräften aus der Region Debalzewe nördlich und östlich Mariupols deutet darauf hin, dass der Kreml die Option (der Eroberung von Mariupol) erwägt", analysiert auch Igor Sutjagin, früher Militärforscher am Moskauer USA-Kanada-Institut und heute am Londoner Royal United Services Institute.

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Das Kräfteverhältnis ist ernüchternd

Sutjagin führt Dutzende in der Ostukraine eingesetzte Einheiten der russischen Armee, des Innenministeriums und des Geheimdienstes auf. Aktuell seien weit mehr als 10 000 russische Soldaten in der Ostukraine. Noch ernüchternder das Fazit des Militärforschers zum Kräfteverhältnis: Nur die aktuell in der Ostukraine, auf der Krim und an der Grenze zur Ukraine konzentrierten russischen Truppen kämen bereits "allen Kiew zur Verfügung stehenden Kampfeinheiten gleich". Dazu kämen Zehntausende unter russischer Kontrolle stehende Rebellenkämpfer.

Zwar beschloss das Ukraine-Parlament am 5. März, die Armee aufzustocken. Das wird aber dauern und beginnt von niedrigem Niveau. Als Ruslan Skalun in Mariupol sah, wie miserabel ausgestattet ukrainische Einheiten oft in den Konflikt geschickt wurden, beschloss er, etwas zu tun. Skalun, seine Freunde, selbst Kinder nähten ab Frühjahr 2014 kugelsichere Westen, damit in den Krieg befohlene Grenzschützer wenigstens notdürftig Schutz hatten.