Über Kurt Beck ziehen zunehmend schwarze Wolken auf: Sogar in seiner Heimat will nur eine Minderheit den SPD-Chef als Kanzler. Beck müsste sich selbst neu erfinden, doch das will er nicht.

Rheinland-Pfalz war für Kurt Beck einmal sicheres Gelände. Hier ist der SPD-Chef geboren, hier kennt er nahezu jeden. Im Herbst wird er 14 Jahre Ministerpräsident dieses Landes sein. Doch der Sturm, der über die SPD hinweg zieht, hat auch Becks heimatliche Basis erreicht.

Beck, AP

Nur eine Minderheit der Rheinland-Pfälzer will Beck als Kanzler. (© Foto: AP)

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Die Firma Minitec im westpfälzischen Waldmohr ist eines dieser Paradeunternehmen, die Landesväter gerne besuchen. Jung, innovativ, wachstumsstark. Seit 1992 sei das Unternehmen um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr gewachsen, berichtet Firmenchef Bernhard Bauer, der vor 20 Jahren ein geniales Konstruktionsprinzip für industrielle Fertigungslinien entwickelte: "Wir sind optimistisch, dass es in diesem Tempo weitergeht."

Doch vom Glanz des Unternehmens fällt auf Beck an diesem Tag nur wenig ab. Als Bauer berichtet, dass in seiner Firma nicht lange diskutiert werde, will einer der mitreisenden Journalisten wissen, was denn die SPD von Minitec lernen könne. "Nun, wir haben hier in der Firma keine Fraktionen", antwortet der Unternehmer diplomatisch. Und als ein zweiter Pressemann den Firmenchef fragt, was der SPD-Chef denn falsch mache, reißt Beck der Geduldsfaden. "Der macht alles falsch", blafft der Ministerpräsident und wendet sich von dem Unternehmer ab: "Ich gehe jetzt ein Wasser holen, dann können sie frei antworten."

Der SPD-Vorsitzende ist empfindlich geworden. Gekränkt registriert der 59-Jährige, dass er es niemandem mehr recht machen kann. Der Bevölkerung nicht, der SPD nicht, und den Medien schon gar nicht.

Neue Zahlen machen an diesem Tag die Runde. Nach einer Umfrage der Ludwigshafener Tageszeitung Die Rheinpfalz liegt die SPD selbst in Becks Heimatland bei 37 Prozent. Das wäre bundesweit ein Traumwert. Für die rheinland-pfälzische SPD ist es eine Katastrophe. Vor nur zwei Jahren hat die Partei im Land die absolute Mehrheit geholt. Jetzt wünschen sich laut Umfrage nur noch 29 Prozent der Rheinland-Pfälzer, dass Beck als Kanzlerkandidat antritt.

"Wir haben Fehler gemacht"

"Normaler Verschleiß", knurrt der Parteichef, als jemand ihm die Zahlen zeigt. Der Landkreis Kusel, den Beck an diesem Frühsommertag besucht, war früher ein Sorgenkind des Landes. Noch vor zehn Jahren war die Region von einer horrenden Arbeitslosigkeit geprägt. Inzwischen, berichtet Landrat Winfried Hirschberger (SPD) stolz, liege die Arbeitslosenquote bei sechs Prozent. Die rheinland-pfälzische Wirtschaft wächst überdurchschnittlich. Der Arbeitsmarkt nähert sich der Vollbeschäftigung.

Doch Beck kann diese Erfolge politisch nicht mehr ummünzen. Noch vor zwei Jahren scheiterte die WASG bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl kläglich. In der jüngsten Umfrage liegt die aus PDS und WASG hervor gegangene Linkspartei bei sieben Prozent. Dass er an der Situation Mitverantwortung trägt, will sich der SPD-Chef nicht so recht eingestehen. "Wir haben Fehler gemacht", sagt Beck. Aber die tiefere Einsicht, wie man weitere Fehler vermeidet, geht Beck ab.

Der SPD-Vorsitzende hat eine Menge politische Erfahrung. Er sieht sich selbst als "alten Fuhrmann". Doch seine Erfahrung stammt aus einem Politikbetrieb, der mit dem der Bundeshauptstadt nur wenig gemein hat. Die Landes-SPD hat ihren "König Kurt" stets loyal unterstützt. Dass in der eigenen Partei auch gegen ihn gearbeitet wird, dass Besserwisser und Enttäuschte quer schießen, macht Beck auch zwei Jahre nach seinem Wechsel aufs Berliner Parkett noch fassungslos.

"Ich werde die Partei führen mit aller Klarheit"

Inzwischen kann er es der Öffentlichkeit kaum noch Recht machen. An allem und jedem werde jetzt von Journalisten herumgekrittelt, klagt man in Becks Umfeld, selbst an seiner Haartracht und an seinen Schuhen. Der Mann werde von den Medien systematisch kaputt gemacht, sagt ein enger Mitarbeiter. Beck müsste sich neu erfinden, aber das will er nicht.

Er will gute Politik machen für die Leute am Fließband, für die Leute im Tiefbau, für all die, die morgens früh aufstehen und den Tag über hart arbeiten. Für die Mehrheit der Bevölkerung also. Doch dass auch Inhalte, die Millionen Menschen nutzen können, geschickt durch den politischen Betrieb gesteuert werden müssen, dass sie ein professionelles Marketing brauchen, will er nicht einsehen: "Ich lasse mich nicht verbiegen."

Beck macht ein wenig Politik, wie in Deutschland noch immer Fußball gespielt wird: Wenn nur hart genug trainiert und ausreichend auf dem Platz geackert wird, dann müssten doch auch Tore fallen. Doch die Erfolgstreffer bleiben aus. Trotz des medialen Trommelfeuers, unter dem er spürbar leidet, will Beck weitermachen: "Im Augenblick denke ich nicht ans Aufgeben", sagt der SPD-Chef: "Ich werde die Partei führen mit aller Klarheit." So wie er das sagt, klingt es fast wie eine Drohung.

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(sueddeutsche.de/AP/ehr)