Von Von Karin Steinberger

Wenn in Indonesien die Erde wankt, werden auch die Menschen auf den Andamanen von Panik ergriffen und tun instinktiv nur eines: rennen

Viele waren es nicht, die wie Denis Giles die gesamte Nacht von Montag auf Dienstag oberhalb des Marina Park in Port Blair saßen und warteten. Auf die Welle, auf das Wasser, auf etwas, das sie jetzt eigentlich kannten. Aber es kam nichts.

Indonesien, dpa

Die Erde bebte wieder in Indonesien (© Foto: dpa)

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Als am späten Montagabend die indische Regierung, aufgeschreckt von den Meldungen im Fernsehen, eine Tsunamiwarnung für alle westlichen Küstenregionen des Landes ausgab, die Polizei in Chennai die Strände räumte, tausende Menschen vom Meer wegrannten, waren sie auch in Port Blair auf die Straßen hinausgestürmt und starrten eine Weile hinaus auf das Wasser.

Das Beben vor Sumatra, das diesmal mit einer Stärke von 8,7 die Welt aufschreckte, hatten sie hier nicht einmal gespürt. Zu sehen war auch nichts. Also gingen die meisten wieder nach Hause und legten sich schlafen.

Als es Nacht wurde an diesem Montag über Port Blair, saß Denis Giles stundenlang alleine vorne am Meer und starrte hinüber auf die kleine, der Stadt vorgelagerte Ross Insel, auf der die Ruinen der Briten verwittern. Seine Großmutter war als Gefangene auf die Andamanen gekommen. Eine Mörderin vom Festland, die zuvor nie das Meer gesehen hatte.

Es gibt nichts mehr zu verlieren

Damals gab es keine schlimmere Strafe als diese Inseln. Sie waren das Ende der Welt. Und für manche sind sie das jetzt wieder. Sie leben mitten im Meer, aber es ist ihnen fremd geworden, seitdem es am 26. Dezember mit einer Wucht auf sie zurollte, die sie ihm nicht zugetraut hatten. Sie schwimmen nicht mehr darin, sie schauen es nicht einmal mehr gerne an.

Dieses Meer, das Touristen anlockt und das Essen direkt vor die Haustür trägt. Fast alles, was sie hier haben, kommt vom Meer. Auch die Angst. Denn die Erde ist nicht mehr zur Ruhe gekommen in den letzten Wochen. Immer wieder bebt es auf den Inseln, so wie auch am vergangenen Freitag auf Little Andaman.

Aber jetzt haben die Menschen einen Vorteil. Sie haben nichts mehr. Auch nichts, was sie verlieren könnten. "Außer vielleicht das Leben." So hat es K. Lakshmi gesagt, als sie sich mit zittrigen Händen ihre zwei Ohrringe ansteckte, ein billiges Kettchen um den Hals legte und ein paar glitzernde Armreife überstreifte.

Es war, als würde sie sich schön machen für das Wasser. Dann schenkte sie Tee ein, als helfe es, beim Alltäglichen zu bleiben. Dann starrte sie von ihrem Hügel hinab aufs Meer. Türkisblau und sanft schwappte es unten über den Sand, ein paar umgefallene Bäume lagen davor, ein paar Hausreste, Müll.

Drei Stunden Zeit

Man sah ihm seine todbringende Kraft nicht an. Alle schauten sie hinaus aufs Meer, setzten sich so hin, dass sie es gut sehen konnten. Es sah aus, als würden sie fernsehen, hier oben, an einem Ort ohne Strom, Wasser oder Fernseher - im Flüchtlingscamp auf dem Hügel über Hut Bay.

Es herrschte Panik auf Little Andaman an diesem Freitag. Irgendwer hatte gehört, dass es ein Erdbeben in Indonesien gegeben habe. Vom kaputten Hafen her zog das Gerücht durch die Ruinen und die Flüchtlingscamps von Hut Bay, an den menschenleeren Stränden entlang nach South Bay zu den Stämmen der Onge und Nicobaren, hinein in den Dschungel, wo die Regierung den Siedlern für die bevorstehende Regenzeit vorläufige Unterkünfte aus Wellblech hinstellt.

Hütten, in denen kein Mensch leben kann, weil sie sich in der Sonne aufheizen. "Backofen" nennen sie die Dinger hier. Noch dazu gibt es viel zu wenige für die vielen Obdachlosen. Kinder ziehen Lose. Es ist eine Lotterie der Hilfsleistungen. Aber was bleibt ihnen übrig, aus ihren Zelten wird sie der Regen hinausspülen. Der Regen, der sonst ein Segen ist - in diesem Jahr ist er ein Fluch.

Doch am letzten Freitag war keine Zeit für solche Probleme. "Schon gehört, es gab ein Erdbeben in Indonesien? Wir haben drei Stunden Zeit." Sagten sie, dann hielten sie sich ihre Radios an die Ohren, schrien ein letztes Mal Grüße ins Telefon, bevor der Besitzer die Kabel aus den Steckdosen riss und samt Telefon hoch lief, auf einen Hügel hinter dem Ort, den es nicht mehr gibt.

Menschen rannten auf die Hügel

Als am 26. Dezember die Welle nach Hut Bay kam, waren die Inseln danach tagelang ohne Hilfe. Es kam einfach niemand. Nachts zündeten sie Feuer an, tagsüber hissten sie Flaggen aus Kleiderfetzen. Sie wussten nicht, dass die anderen wussten, dass sie überlebt hatten. Lakshmi war nur das geblieben, was sie am Körper trug, also wird sie, wenn das Wasser noch einmal kommt, so viel wie möglich am Körper tragen.

So einfach ist das. Das haben sie gelernt am 26. Dezember 2004, als erst die Erde bebte und dann das Wasser kam. Drei Monate ist das jetzt her. "Drei Monate, und schau dir an, wie wir hier leben, mitten im Dschungel, mit den Schlangen", sagte Lakshmi. Dann lachte sie, ohne Grund. Immer mehr Menschen rannten auf den Hügel, hasteten an ihrem Laden vorbei.

"Habt ihr es schon gehört? Das Wasser wird wieder kommen." Frauen rissen ihre Kinder an sich und rannten, als wäre das Wasser schon hinter ihnen. "Pani", schrien sie. Immer wieder "pani"- "Wasser" heißt das, und es klang ein bisschen wie "Panik". An dem Tag, an dem Lakshmi das Wort Tsunami kennen lernte, riss es ihren Vater, das Haus aus Beton, die Klimaanlage, ihr ganzes Vermögen weg. Das nächste Mal will sie wenigstens ihre Ohrringe behalten.

Dann saßen sie zusammen, an ihrem Teestand, und redeten darüber, ob der Hügel sicher sei. Es war ohnehin egal, es gibt keinen höheren an diesem Ort. Nach zwei Stunden wollten die Männer das Radioprogramm wieder auf Cricket umstellen. Dann war klar, dass es heute keine Welle geben würde. "Es wäre furchtbar, wenn Indien gegen Pakistan verlieren würde", sagte ein Junge und ging hinunter, Richtung Meer.

Wenn die Erde Angst macht

Und jetzt, am Montag, ging es also schon wieder los. Im Gegensatz zu Little Andaman ist Port Blair eine Stadt der Hoffnung. Eine Stadt auf Hügeln, die nicht schwer getroffen wurde am 26. Dezember. Eine Stadt, die in Ruhe weiterschlafen kann, wenn vor Indonesien wieder einmal die Erde bebt. Die Hölle liegt im Süden der Inselgruppe. Great Nicobar, Trinket Island, Katchall Island, Car Nicobar, Little Andaman.

Dort, südlich von Port Blair, hat es ganze Inseln auseinander gerissen, ganze Familienclans ausgerottet. Nichts dort ist mehr so, wie es einmal war. Die Inseln sind ein paar Meter nach unten gesackt, sie haben neue Umrisse bekommen, neue Riffe, Strände sind versunken, neue entstanden. Die meisten Dörfer gibt es nicht mehr.

Es ist eine Hölle, die man in Port Blair gerne klein redet. D.S. Negi, Chefsekretär der Andamanen und Nikobaren, erzählte am Montagmorgen in seinem großen, tiefgekühlten Büro noch zufrieden von den Erfolgen der Aufbauarbeiten. Er blätterte die Todeslisten durch und sagte: "3500 Tote insgesamt. Das sind viel weniger, als wir gedacht haben.

Und mit der Hilfe sind wir schon weiter, als wir gehofft haben." Von den Backöfen wollte er nichts wissen. Auch nichts von den viel höheren Todeszahlen, die auf den Inseln kursieren. Illegale Siedler wurden erst gar nicht gezählt, weil es sie offiziell nicht gibt. Fürs erste ist auch Denis Giles wieder in sein Haus zurückgekehrt. Aber er weiß, dass es nicht lange dauern wird, bis die Erde ihnen wieder Angst macht.

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(SZ vom 30.3.2005)