Mitten in den Pfingstferien sind die CSU-Abgeordneten am Strand oder daheim auf dem Sofa aufgeschreckt worden. Die Aussicht auf eine baldige Zeitenwende in Berlin hat in Bayern die Spekulationen um die Stoiber-Nachfolge neu angefacht. Drei Kandidaten machen sich Hoffnung.
Er war schon einmal so nah dran an seinem Ziel. Am Abend des 22.September 2002 starrte Erwin Huber auf die Monitore in der Münchner Hanns-Seidl-Stiftung und strahlte vor Glück:
Enge Vertraute: CSU-Chef Edmund Stoiber und Erwin Huber, Kandidat Nummer 1 auf die Thronfolge. (© Foto: dpa)
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Als die Hochrechnungen bei der Bundestagswahl Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und die Union in Führung sahen, da schien sich auch Hubers Karriere dem Gipfel zu nähern.
An diesem Abend durfte sich Huber ein paar Augenblicke lang als künftiger bayerischer Ministerpräsident fühlen. Bis gegen Mitternacht der knappe Sieg von SPD und Grünen feststand und Hubers Traum zu Ende war. "Nerven zerfetzend" sei das für ihn gewesen, stöhnte er damals.
Vom Sofa aufgeschreckt
Jetzt fängt das alles wieder von vorne an. Und für Huber könnte es sogar noch aufregender werden. Mitten in den Pfingstferien sind die CSU-Abgeordneten am Strand oder daheim auf dem Sofa aufgeschreckt worden. Die Aussicht auf eine baldige Zeitenwende in Berlin hat in Bayern die Spekulationen um die Stoiber-Nachfolge neu angefacht.
Dass der Ministerpräsident nach einem Wahlsieg der Union ins Kabinett Merkel eintritt, gilt unter seinen Vertrauten als sicher. Nur sein potenzieller Nachfolger auf dem Chefsessel in Bayern steht diesmal keineswegs so eindeutig fest wie noch vor drei Jahren.
Denn Staatskanzleichef Erwin Huber wandelte sich in den Augen vieler Fraktionsmitglieder seit der Bundestagswahl 2002 vom Bruder Erwin zum Reform-Rambo: hart, aber nicht herzlich - so lässt sich Hubers neues Image zusammenfassen.
Mit der rigorosen Sparpolitik, der Verwaltungsreform und der Diskussion um die Bezirke hat sich Stoibers Staatskanzleichef eine stattliche Liste von Gegnern in der CSU gemacht. Seine Entscheidungen, so lautet ein häufiger Vorwurf, habe Huber an der Fraktion vorbei getroffen.
Die beiden neuen Lieblinge
Für jemanden, der Ministerpräsident werden will und dazu die Stimmen der Fraktion braucht, klingen solche Einschätzungen nicht gerade wie Zitate aus einem Empfehlungsschreiben. Auch Huber dürfte es kaum entgangen sein, dass die CSU-Fraktion jetzt zwei andere Lieblinge hat: Fraktionschef Joachim Herrmann und Innenminister Günther Beckstein.
Herrmann freilich hört die Lobpreisungen auf seine Führungsqualitäten zur Zeit nur ungern. An Spekulationen über die Nachfolge Stoibers werde er sich nicht beteiligen, beschied Herrmann am Montag knapp. Sein Ton legte dabei nahe, dass er Nachfragen diesbezüglich für unerwünscht hält.
Nur soviel gab er seinen diskussionsfreudigen Fraktionskollegen mit auf den Weg: Sie sollten sich bitte zuerst am Erlegen des Bären beteiligen, und sich keine Gedanken über die Verteilung des Fells machen.
Was gegen einen Ministerpräsidenten Joachim Herrmann spricht: Der Franke aus Erlangen hat im Gegensatz zu Huber bisher noch kaum Regierungserfahrung gesammelt. Lediglich einige Monate lang gehörte er dem Ministerrat an, und das auch nur als Staatssekretär im Sozialministerium. Huber hingegen bestimmt seit Jahren die Regierungspolitik.
15 Jahre lang Ruhe
Die Herrmann-Fans in der CSU stellen aber durchaus pragmatische Überlegungen an: Sollte der erst 48-jährige Fraktionschef zum Ministerpräsidenten gewählt werden, dann "hätte man 15 Jahre lang wieder Ruhe". Huber hingegen sei bereits 58 Jahre alt und damit schon wieder ein Übergangskandidat.
Insofern hat Huber sogar Glück, dass die rotgrüne Koalition womöglich vorzeitig abgewählt wird: Für ihn ist es die letzte und zudem unverhoffte Gelegenheit, Stoiber doch noch zu beerben. Das aber gilt noch viel mehr für Innenminister Günther Beckstein, der im November 62 wird - ein Alter, in dem andere Rosen züchten und den Winter auf Mallorca verbringen.
Der bayerische Innenminister hat jedoch Chancen auf einen Karrieresprung, sowohl in Berlin als auch in München. Wie bereits 2002 wird er in der CSU als möglicher Bundesinnenminister gehandelt. Das aber hängt von zahlreichen Unwägbarkeiten ab.
Die CSU könnte im Falle eines Wahlsiegs kaum mehr als drei Plätze im Kabinett Merkel beanspruchen: einen für Stoiber, einen für Landesgruppenchef Michael Glos und einen für Beckstein. So lauten jedenfalls die Planspiele in Bayern für den Idealfall.
Am liebsten in München
Ob mit Beckstein ein zweiter Bayern-Import in Berlin durchsetzbar ist, das erscheint zumindest fraglich. Als einfacher Abgeordneter würde Beckstein aber nie in den Bundestag wechseln.
Zumal ihn die CSU-Fraktion am liebsten in München behalten würde: "Er bindet uns optimal ein", sagt ein Abgeordneter. "Das kommt sehr gut an bei den Kollegen."
Müsste in den nächsten Wochen die Wahl zwischen Huber und Beckstein als Stoiber-Nachfolger getroffen werden, der Ausgang wäre klar: "Günther Beckstein ist der eindeutige Favorit." Auch deshalb, weil Beckstein - obgleich als Hardliner verschrieen - den liberalen CSU-Flügel besser integriert als der nationalkonservative Huber, der meist auf Polarisierung bedacht war.
Das aber wird jetzt anders. Die Abgeordneten dürfen sich in den nächsten Wochen auf einen sehr sehr netten Erwin Huber freuen, der beweisen wird, dass er noch immer so charmant ist wie einst. Und Günther Beckstein wird sich noch kumpelhafter geben als sonst.
Am Ende freilich, dessen sind sich die Mitglieder der Fraktion bewusst, entscheidet ohnehin vor allem einer, wer Stoibers Nachfolger wird, und das ist Stoiber selbst. Stoiber aber ist ein bekennender Huberist. Für Beckstein und Herrmann gebe es zwar in der Fraktion eine Präferenz, räumt ein Abgeordneter ein.
Ein Stirnrunzeln Stoibers würde aber im Zweifelsfall ausreichen, um "einen gewissen Meinungsumschwung" herbeizuführen. Dann wäre Huber doch noch am Ziel der Träume. Vorausgesetzt, der nächste Wahlabend in der Hanns-Seidl-Stiftung nimmt einen anderen Ausgang.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 24.5.2005)
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