Bauprojekte in der Türkei Osmanische Träume

Der Grundstein ist gelegt: Beginn der Bauarbeiten für die dritte Bosporus-Brücke.

(Foto: REUTERS)

Der Wiederaufbau der Kaserne auf dem Gelände des Istanbuler Gezi-Parks ist nur eines von mehreren umstrittenen Großprojekten, das der türkische Premier Erdogan mit großem Ehrgeiz vorantreibt. Ganze Stadtviertel müssen Neubauten weichen.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Recep Tayyip Erdogan, 59, hat seinen Aufstieg aus einem Istanbuler Slum in den Neunzigerjahren als Bürgermeister der Stadt begonnen. Von ihr kann er auch als Premier nicht lassen. Jedes größere Bauvorhaben macht er zu seiner Sache. Die Folge: Kritik an Erdogan und an den umstrittenen Großprojekten vermischen sich.

Der Gezi-Park: Die kleine Grünfläche direkt neben dem zentralen Taksim-Platz, ist eine der letzten Oasen in der Stadtmitte. Sie soll verschwinden - für den Wiederaufbau einer osmanischen Kaserne, die in den Vierzigerjahren gesprengt worden war. Bei der Vorstellung des Projekts empfahl Erdogan als Nutzung auch ein Einkaufszentrum. Letzteres hat die Kritiker, unter ihnen Stadtplaner und Architekten, besonders empört. Die Fläche aller Shopping Malls in Istanbul soll heute dem Territorium Luxemburgs entsprechen. Erst vor Kurzem musste ein historisches Kino im Zentrum für einen Einkaufstempel weichen.

Die dritte Bosporus-Brücke: Deren Bau ist seit Jahrzehnten umstritten. Am 29. Mai, dem 560. Jahrestag der Eroberung Istanbuls durch die Osmanen, legte Erdogan den Grundstein für die achtspurige Brücke, die mit 1,3 Kilometern Länge den Bosporus direkt vor der Mündung ins Schwarze Meer überspannen soll. Dafür müssen weit mehr Bäume fallen als am Taksim. 2015 soll die "Yavuz-Sultan-Selim-Brücke" fertig sein. Der Namensgeber, Sultan Selim I. aus dem 16. Jahrhundert, war im Westen als "der Grimmige" bekannt. Der religiösen Minderheit der Aleviten in der Türkei ist er als besonders grausam in Erinnerung geblieben, sie machen ihn für eines der größten Massaker an ihrer Bevölkerungsgruppe verantwortlich. Die Kritiker warnen, diese Brücke zwischen Europa und Asien werde mehr trennen als verbinden. Stadtplaner erinnern zudem daran: Bislang nahm noch nach jedem Brückenbau der Verkehr in Istanbul zu. Neue Autobahnen und Brücken zögen nur mehr Verkehr an.

Kanal Istanbul: Parallel zum Bosporus plant die Regierung eine künstliche Wasserstraße von 40 bis 50 Kilometern Länge. Solche Träume hegten schon die Osmanen, und auch Politiker der Türkischen Republik spekulierten über einen zweiten Bosporus. Erdogan spricht von "einem verrückten Projekt", das er aber nun als erster Regierungschef tatsächlich mit Verve vorantreibt. Machbarkeitsstudien sind bereits in Auftrag gegeben. Entlang des 150 Meter breiten und 25 Meter tiefen Kanals sollen Trabantenstädte entstehen. Umweltschützer warnen vor den Folgen.

Die Moschee auf dem Çamlıca: Auf dem höchsten Hügel am Bosporus soll die größte Moschee Istanbuls entstehen. Erdogan hat sich diesen Ort ausgesucht, weil man die Minarette von fast überall in der Stadt sehen können soll. Geplant ist ein Bau, der einer Replik der Blauen Moschee in der Altstadt von Istanbul nahekommt, diese aber an Größe in den Schatten stellt. Auch von einigen Religiösen gibt es Kritik. Sie schimpfen über Protz und Prunk und sagen, der Islam verlange Bescheidenheit.

Zement statt Geschichte: Ganze Stadtviertel, wie das historische Tarlabaşı in der Innenstadt, müssen Neubauten weichen. Begründet wird dies mit dem Erdbebenschutz. Kritiker klagen über Korruption bei dem bislang größten Stadtumbau in der jüngeren Geschichte Istanbuls und über die Vertreibung der angestammten, ärmeren Bevölkerung. Viele dieser Modernisierungsopfer können sich die angebotenen Neubauten am Stadtrand nicht leisten.