Bargeld Die Freiheit nehm' ich dir

Einige Ökonomen wollen das Bargeld abschaffen. Dafür gibt es gute Gründe. Den Drogenhandel zum Beispiel, den Schwarzmarkt oder die Möglichkeit, Menschen über Negativzinsen zum Kaufen zu zwingen. Aber es gibt auch einen guten Grund dagegen.

Von Harald Freiberger

Es mutet sonderbar an, wenn ein Wirtschaftssachverständiger wie der Würzburger Professor Peter Bofinger einfach mal die Abschaffung des Bargelds fordert. Ein jahrtausendealtes Kulturgut, das die Menschheit vom archaischen Tauschhandel befreit hat - weg damit. In der Tat gibt es eine Reihe von Argumenten, die gegen Bargeld sprechen: Es ist umständlich, teuer, begünstigt Schwarzarbeit und Drogenhandel. Wäre es da nicht konsequent, gleich ganz darauf zu verzichten? Zumal das bargeldlose Zahlen über Kreditkarte, Internet oder Smartphone immer einfacher wird?

Ohne Bares ist der Bürger noch leichter zu kontrollieren

Die Antwort lautet Nein. Es gibt ein Argument für das Bargeld, das alle anderen aufwiegt. Dieses Argument ist die Freiheit des Bürgers. Wenn es kein Bargeld mehr gäbe, würde eine der letzten Bastionen fallen, die noch die Privatsphäre schützen.

Es ist kein Zufall, dass die Debatte über die Abschaffung des Bargelds in Europa zuletzt an Fahrt aufgenommen hat. Dahinter stecken volkswirtschaftliche Interessen, die durchaus Gewicht haben. Europas Wirtschaft befindet sich in einer prekären Lage. Obwohl die Europäische Zentralbank den Leitzins auf fast null gesenkt hat, springt die Konjunktur nicht an. Statt zu konsumieren, horten die Verbraucher mehr als sechs Billionen Euro auf Bankkonten.

Ökonomen wie der Amerikaner Kenneth Rogoff argumentieren schon länger, dass sich dieser Zustand mit einem Negativzins von zum Beispiel zwei Prozent beenden ließe. Wenn Sparern das Geld auf der Bank zwischen den Fingern zerrinnt, würden sie umdenken und es lieber ausgeben. Doch es ist nicht möglich, einen höheren Negativzins zu erheben, solange es Bargeld gibt. Sparer würden ihre Ersparnisse schnell in Bares umwandeln und es unter dem Kopfkissen aufbewahren. Die Folge wäre ein viel gefürchteter "Banken-Run": das massenhafte Abheben von Geld, gefolgt von einem Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems. Denn die Banken haben nicht so viel Bargeld vorrätig, wie sie ihren Kunden schulden.

Wenn es kein Bargeld mehr gäbe, argumentieren manche Ökonomen, könnten die Notenbanken die Verbraucher zum Konsum zwingen: Bei Negativzinsen würden sie überlegen, ein Auto zu kaufen oder das Haus zu renovieren, und damit die Wirtschaft ankurbeln. Wenn nur ein Teil der sechs Billionen Euro, die als Ersparnisse bei den Banken liegen, dafür verwendet würden, käme dies einem gewaltigen Konjunkturprogramm gleich.

Ähnlich wären die Auswirkungen bei der Schwarzarbeit. Wenn der Handwerker nicht mehr bar bezahlt werden kann, würden die Steuereinnahmen deutlich steigen. Dasselbe gilt für Drogengeld: Ein großer Teil der hochdotierten Euro-Scheine dient der organisierten Kriminalität als Geld-Aufbewahrungsmittel. Manche Ökonomen fordern deshalb, zumindest keine 500-Euro-Scheine mehr zu drucken.

Für die Regierungen hätte die Abschaffung von Bargeld demnach eine Reihe von Vorteilen. Für die Bürger gilt das nicht, gerade im Zeitalter von Big Data. Suchmaschinenkonzerne wie Google und Internethändler wie Amazon sammeln und vermarkten Daten, wo immer es geht. Gleichzeitig hat der NSA-Skandal den Glauben an Datensicherheit nachhaltig erschüttert. Mit Bargeld zu bezahlen, ist ein wirksames Mittel für den Datenschutz. Wer dagegen mit Karte oder Smartphone bezahlt, überlässt seine Daten einem Unternehmen, das diese wie auch immer verwerten kann.

Jeder Bürger soll frei wählen können, ob er beim Bezahlen Spuren hinterlassen will. Für ihn gilt das, was der russische Schriftsteller Dostojewski schon 1861 feststellte: "Geld bedeutet doch geprägte Freiheit." Wer das Bargeld abschaffen will, schafft die freie Wahl der Bürger ab.