Symbolhafte Rede zu Beginn: Der von Obama beschworene Neuanfang ist das Leitmotiv der amerikanischen Geschichte.
Es ist noch viel zu früh, um Barack Obamas Antrittsrede ihren Platz in der Geschichte zuzuweisen. Ihre Wucht und Eloquenz wird nur zählen, wenn Präsident Obama seine Worte mit Taten untermauert. Eines bliebt jedoch von dieser Rede - es ist das Erlösermotiv von der Erneuerung, das die Buße und die Reinwaschung von allen Sünden in sich birgt.
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Keine Gesellschaft hat sich so oft gewandelt wie die amerikanische Nation. (© Foto:)
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Denn dies ist das Leitmotiv der amerikanischen Geschichte, der heilige Bund, der die ersten protestantischen Siedler der Neuen Welt gemäß ihres Dogmas zu Gottes Auserwählten machte, die in der Erneuerung sein Werk vollenden wollten. Es war schon immer ein großes Versprechen. Ein Versprechen, das Amerika zur Projektionsfläche machte für Ambitionen, Sehnsüchte und Träume von Menschen in und aus aller Welt.
Bisher hat das ganz gut funktioniert. Keine Gesellschaft hat sich so oft gewandelt wie die amerikanische Nation. Es war das historisch einmalige Zusammenspiel aus der gleichzeitigen Wandlung von außen und innen. Es war der stete Zustrom der Einwanderern, die ihre neue Heimat nach eigenen Vorstellungen gestalteten. Es war aber vor allem der Wandel von innen, der nach dem Credo der Calvinisten und Puritaner nach der Auserwählung der Dreieinigkeit nur vom Sünder selbst herbeigeführt werden kann. Es ist dieser aktive Weg der Buße durch Handeln, der jenem Unternehmergeist zu Grunde liegt, für den die Welt Amerika so bewundert.
Viele Beispiele findet man in der Geschichte Amerikas, die belegen, dass sich die Nation immer wieder von ihren Sünden befreit hat. Es waren oft schmerzhafte Prozesse. Der größte Makel der Nation, die Verschleppung der Sklaven aus Afrika und ihre Ausbeutung, wurde in einem Bürgerkrieg getilgt, der von 1861 bis 1864 über eine halbe Million Menschenleben kostete und die junge Nation fast gänzlich zerstört hätte.
Roosevelt verstand es meisterlich, das Erlösungsmoment zu beschwören
Die Last des europäischen Erbes warf Amerika ab, als es in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts als Sieger hervorging. Die Sünden der Industrialisierung bezahlte Amerika mit dem Kraftakt von Franklin D. Roosevelts "New Deal". Aus den Wirren und dem Chaos der Bürgerrechtsära tat die amerikanische Gesellschaft Riesenschritte, auf denen ihnen der Rest der Welt folgte. Selbst der technologische Kraftakt der Mondfahrten wurde so zum Akt der Erlösung, den die Fernsehserie Raumschiff Enterprise dann mit dem Leitspruch ihrer Sternenflotte aufnahm: "Per aspera ad astra". Durch das Raue zu den Sternen.
Letztlich war die nun schon seit 1968 andauernde Herrschaft der konservativen Kräfte in den Augen ihrer Anhänger auch nichts anderes, als eine gewaltige Erneuerungsbewegung. George W.Bushs Chefstratege Karl Rove hatte das ganz deutlich gesagt. Das historische Vorbild der Republikaner sei Franklin D.Roosevelt, hatte er gesagt, ein Präsident, der die amerikanische Gesellschaft von Grund auf verändert und der die Macht seiner Partei auf über drei Jahrzehnte zementierte.
Selbst der traumatische 11. September passt ins Bild der Erneuerung. Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.
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