Von Moritz Koch, New York

Obamas wichtigste Rede seit der Amtseinführung: Die USA müssen jetzt für die politischen Fehler der Vergangenheit zahlen - und haben trotzdem Grund zum Optimismus.

Es scheint, als wollten sie ihn nicht durchlassen. Die Damen und Herren des hohen Hauses stehen dem Präsidenten im Weg. Sie suchen seine Nähe, schütteln seine Hände und klopfen ihm auf die Schultern. Es sind Szenen wie bei einer Wahlkampfveranstaltung. Erst nach sechs Minuten hat sich Barack Obama seinen Weg durch die Menge gebahnt und das Podium erreicht.

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Präsident Obama: "Wir werden wiederaufbauen, wir werden uns erholen und die Vereinigten Staaten werden gestärkt aus der Krise hervorgehen." (© Foto: AP)

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Hinter ihm, vor einem großen Sternenbanner, stehen Vizepräsident Joe Biden und Nancy Pelosi, die Sprecherin des Abgeordnetenhauses. Obama hebt an, doch Pelosi unterbricht. Das Protokoll sieht vor, dass sie dem Präsidenten das Wort erteilt. Erst im zweiten Anlauf beginnt Obama seine Rede, seine erste Ansprache im Kongress.

Hunger nach Hoffnung

Das Land hatte sich nach diesem Auftritt gesehnt. Die Amerikaner hungern nach Hoffnung. In Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit außer Kontrolle gerät und die Wall Street vor der Verstaatlichung steht, wollen sie den Glauben daran zurück finden, dass bessere Tage bevorstehen.

Es würde nicht leicht werden für den neuen Präsidenten, die enormen Erwartungen an seine Rede zu erfüllen, hatten die Kommentatoren vorher gewarnt, so düster ist die Stimmung im Land. Die Menschen plagen Zukunftsängste, sie sparen, anstatt zu konsumieren. Für ihren naiven Glauben an den ewigen Aufschwung haben die Amerikaner einen hohen Preis bezahlt. Ihre Altersvorsorge hat sich aufgelöst, ihre Schuldenlast drückt sie zu Boden.

Not, Leid und zerbrochene Träume

Auch Obamas Rhetorik hatte sich in den vergangenen Wochen zunehmend verdüstert. So sehr, dass manch konservativer Kritiker ihm vorwarf, eine Depression herbeizureden. Zuletzt hatte Obama viel über das Leid der Arbeitslosen, die Not der Unversicherten und die zerbrochenen Träume der Mittelschicht gesprochen.

Gestern Abend schlug er einen anderen Ton an. Er will Amerika einen Traum zurückgeben. Einen Traum, der früher eine Gewissheit war. Der Glaube an die bessere Zukunft, der tief in das kulturelle Erbgut der Nation eingeschrieben, doch momentan in Vergessenheit geraten ist. Die Kommentatoren reagieren begeistert. Fast einhellig loben sie Obamas Rede.

Der Schlüsselsatz der Ansprache fällt gleich in der ersten Minute. "Wir werden wiederaufbauen, wir werden uns erholen und die Vereinigten Staaten werden gestärkt aus der Krise hervorgehen", ruft der Präsident in den Saal und in die Kameras, die die Bilder aus Washington live in die Wohnzimmer Amerikas übertragen.

Begeisterter Beifall brandet auf. Noch 32 weitere Male sollte seine Rede von Applaus unterbrochen werden. Obama macht dem Land Mut an diesem Abend, ohne die schlimme wirtschaftliche Situation zu beschönigen, in der sich die USA befinden.

Die Krise als Folge beharrlicher Selbsttäuschung

Der Präsident erinnert die Amerikaner daran, dass die Krise nicht von außen über sie hereingebrochen ist, sondern dass sie die Folge jahrzehntelanger Versäumnisse und beharrlicher Selbsttäuschung ist. "Der Tag der Abrechnung ist da und nun ist die Zeit gekommen, die Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen." Amerika habe zu lange auf den kurzfristigen Erfolg gestarrt und dabei die langfristigen Perspektiven aus den Augen verloren, sagte Obama.

Er kündigt neue Hilfen für die Wall Street an, ohne die Verschwendungssucht der Finanzwirtschaft subventionieren zu wollen. "Dieses Mal werden Vorstandschefs kein Steuergeld verwenden können, um ihr Gehalt aufzubessern, teure Gardinen zu kaufen oder sich in Privatjets davonzustehlen. Diese Tage sind vorbei."

Mit solchen Sätzen trifft Obama die Stimmung im Land. Die Menschen sind wütend über die Banker, die in Zeiten des Booms horrende Gewinne einstreichen und in Zeiten der Rezession die Verluste der Gemeinschaft überlassen wollen.

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