Ein Kommentar von G. Seibt

Die Nüchternheit ist vorbei: Präsident Obama holt den Idealismus in die Politik zurück - und entwirft ein Programm, das nicht in den Bedingungen der Gegenwart gefangen bleibt.

Geschichte sei Gedanke und Tat - so hat es der europäische Denker Benedetto Croce vor dem Ersten Weltkrieg formuliert. Croces berühmte Formel postulierte, dass es im Handeln der Völker mehr geben müsse als die Kette von Ursachen und Wirkungen, die sich wiederum aus den Interessen von Macht und Ökonomie ergeben. Dieses Mehr nannte er die "Religion der Freiheit", die seit 1789 die Führung übernommen und die alten, statischen Glaubensformen abgelöst habe: ein dynamisches Prinzip, dem am Ende niemand widerstehen könne.

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Barack Obama: Der US-Präsident sucht nicht die rasche Lösung. (© Foto: Reuters)

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Dieser politische Idealismus klingt für europäische Ohren wie eine Sage aus versunkenen Zeiten. Denn die Schrecken des 20. Jahrhunderts folgten ja nicht einfach aus dem Zynismus blanker Machtpolitik, sondern ebenso aus verkehrtem idealen Streben, aus Welterlösungsideen, Reinigungs- und Befreiungsphantasien, die aller Unvollkommenheit ein Ende machen sollten.

So starb die Religion der Freiheit in Materialschlachten, Massengräbern und Arbeitslagern, an bewaffneten Grenzen und unter dem stählernen Himmel des Kalten Krieges. Was blieb, waren weniger metaphysische Ziele: Rechtsstaat und Verfassung, durchlässige Grenzen, Wohlstand für alle, materielle Sicherheit im Sozialstaat, vor allem aber Abwesenheit von Krieg.

Wo politischer Idealismus sich in der letzten Generation überhaupt noch zeigte, da wirkte er nicht weniger abschreckend als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die Befreiungsbewegungen, die sich überall in der Dritten Welt entwickelten, glitten fast allesamt ins Terroristische ab, waren sie nun kommunistischer oder religiöser Prägung.

Die allerjüngste Gestalt des politischen Idealismus war der "Kampf der Kulturen", repräsentiert durch die Falken unter George W. Bush auf der einen und al-Qaida auf der anderen Seite - ein Konflikt von Fundamentalismen, die vor allem eines gemeinsam hatten: die Unfähigkeit zum Frieden.

Nicht zuletzt die Vereinigten Staaten, Führungsmacht der liberalen Welt, waren in parareligiösen Wahn abgeglitten. Ihr Vokabular, von der "Achse des Bösen" bis zu "feindlichen Kämpfern", teilte die Welt apokalyptisch in schwarz und weiß ein.

Der anfängliche Irrglaube Amerikas, man könne im Irak ein Regime durch einen Luftkrieg einfach wegbomben, um dann der Freiheit ihren Lauf zu lassen, war nicht bloße Leichtfertigkeit; an ihm hatte geschichtsphilosophisches Sendungsbewusstsein seinen fatalen Anteil. Hier agierte, so konnte man glauben, ein letztes, vergebliches Mal die Religion der Freiheit, um dann endgültig zu- schanden zu gehen.

Es ist dieses ernüchternde Panorama eines ganzen Jahrhunderts, das Barack Obamas Auftreten und Wirkung wie ein unerwartetes Wunder erscheinen lässt. Von seinem Wahlkampf mit der Formel "Yes, we can" bis zu seinem Auftritt vor der Prager Burg, wo er das Programm für eine atomwaffenfreie Welt entwarf, hat dieser Staatsmann dem Idealen in der Politik in kürzester Frist eine Wiederauferstehung verschafft, die ohne den Eindruck seiner Person wohl niemand für möglich gehalten hätte. Das fast Unglaubliche an diesem Phönix ist: Man könnte an ihn glauben.

Mit der Formel von der "atomwaffenfreien Welt" hat Obama jetzt nicht weniger vorgeschlagen als eine neue Grundlegung der internationalen Beziehungen. Denn Atomwaffen sind, ob es gefällt oder nicht, bis auf Weiteres unentbehrliche Bestandteile eines windschief zusammengewachsenen Weltgebäudes, das gleichwohl einigermaßen hält. Sie von heute auf morgen zu entfernen, hieße, dieses Gebäude zum Einsturz zu bringen, mit unberechenbaren Konsequenzen. Gewaltige Machtverschiebungen wären die Folge: zuungunsten Russlands und Indiens, zugunsten Amerikas und Chinas.

All das weiß Obama, deshalb sagte er auch, dass sich sein Ziel vielleicht nicht zu seinen Lebzeiten erreichen lasse. Der US-Präsident sucht nicht die rasche Lösung; ausdrücklich und gegen jedes Missverständnis hält er fest: "Solange diese Waffen existieren, werden die USA ein sicheres und effektives Arsenal behalten, um jeden Gegner potentiell abzuschrecken und unseren Verbündeten zu Hilfe kommen zu können."

Trotzdem wird hier zum ersten Mal seit langer Zeit ein politisches Programm entworfen, das nicht in den Bedingungen der Gegenwart gefangen bleibt, das sich aber auch nicht in ideologischer Hybris verliert. Obama verweist, wie ein guter Geschichtsphilosoph es tun muss, für seine Vision auf höchst unwahrscheinliche, aber doch reale Tatsachen: auf seinen eigenen Aufstieg zum amerikanischen Präsidenten - und auf die samtene Revolution, mit der vor zwanzig Jahren eine Atommacht zum Rückzug gebracht wurde.

So erlebt die Welt nicht einfach einen neuen Stil in der amerikanischen Politik. Sie erlebt die überraschende Wiederbelebung der amerikanischen Religion der Freiheit. Obama beschreibt sie als Freiheit von der generationenlangen Furcht, mit einem einzigen Blitz ausgelöscht zu werden. Das klingt bescheidener als der letzte derartige Vorschlag aus Amerika, Woodrow Wilsons "Selbstbestimmungsrecht der Völker" von 1917. Vielleicht darf man hoffen, dass die Folgen diesmal weniger zwiespältig ausfallen werden.

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(SZ vom 07.04.2009/bica)