Ein Kommentar von Kurt Kister

Die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten ist ein historisches Ereignis. Auch wenn ungewiss ist, ob der neue Mann eine grundsätzlich andere Politik machen wird, symbolisiert Obama den Wandel der amerikanischen Gesellschaft.

Amerika ist ein Land der großen Gesten. Besonders deutlich wird das, wenn es einen neuen Präsidenten gewählt hat und der sein Amt übernimmt. Die Feierlichkeiten dafür dauern Tage und sie sind voller Pathos und Ernst, manchmal auch von einer anrührenden Lockerheit, die es in Deutschland bei offiziellen Anlässen niemals gibt. Gewiss, bei uns haben die Nazis staatliches Pathos mit Nagelstiefeln für etliche Generationen zertrampelt.

Die Zeit des Wartens ist vorbei: Barack Obama wird in Kürze als neuer US-Präsident vereidigt. (© Foto: AFP)

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Was noch geblieben ist von der Bereitschaft, die res publica zu feiern, hat der SED-Staat mit Fahnenwäldern und Militärparaden endgültig lächerlich gemacht. Ein neuer Kanzler wird in einer eher unöffentlichen Zeremonie huschhusch im Bundestag vereidigt; für andere Anlässe, mit denen man Staat machen und ihn zeigen könnte, gibt es Streichquartette, Seniorenreden und hinterher blöde Witze von TV-Komödianten.

Barack Obama wird vor der marmorschweren Kulisse des Kapitols den Amtseid schwören. Er wird die Hand legen auf eine alte Bibel und sich einreihen in die Schar jener Männer, die seit George Washington Amerika regiert und die Welt beeinflusst haben. Die Bibel, auf die Obama schwört, gehörte einst Abraham Lincoln, jenem Präsidenten, der als Bewahrer der Einheit der USA und als ein Urvater der Emanzipation der Schwarzen gilt.

Lincolns Bibel ist ein Symbol für etliches, was gut ist an Amerika, auch wenn auf den Stufen des Kapitols schon Präsidenten vereidigt wurden, die manches schlechter gemacht haben im Land. Bei der Inauguration reihen sich Symbole wie an einer Kette aneinander, die den Neuen am Ende ins Weiße Haus führen.

Die Deutschen haben Inauguration als Lehnwort übernommen. Begriffe wie Einschwörung, Amtseinführung, Vereidigung sind nicht hinreichend - allein das "-ung" am Ende dieser Wörter weist darauf hin, dass bei uns ein Regierungswechsel nur so etwas ist wie ein bedeutender Verwaltungsakt.

Zur Inauguration aber gehört die Geschichte der Präsidentschaft - ein Bürgerkönigtum, das dem Inhaber Macht und Status verleiht, wie sie ein von koalitionärer, mühsamer Mehrheit im Parlament gewählter Premierminister nie erhalten kann.

Nicht von ungefähr nummerieren die Amerikaner ihre Präsidenten seit George Washington - Lincoln der 16., Nixon der 37. und Obama nun eben der 44. Präsident. Man tut das, wenn man sich in einer ungebrochenen Reihe seit Anfang einer Epoche, vielleicht sogar seit dem Beginn der erinnerungswürdigen Zeit sieht - bei Königen, Päpsten oder eben US-Präsidenten.

Am Dienstag übernimmt nicht nur ein Mann ein Amt, sondern auch ein Amt einen Mann. Der Einzug ins Weiße Haus steht am Ende der Inaugurationsfeierlichkeiten, denn damit ist der Neue angekommen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Bedeutung das Weiße Haus für jeden US-Präsidenten hat.

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