Bahnprojekt Stuttgart 21 Peter und die Dilettanten

Es ist fertig, das erste Loch in einem Berg, durch den irgendwann mal Schienen für Stuttgart 21 führen sollen. Im Tunnel geben sich Peter Ramsauer und Bahnchef Grube die Ehre. Doch andernorts versinkt das Bauprojekt im Chaos. In Stuttgart gibt es aktuell nur eine Bewegung: Es wächst wieder Gras auf der Brache.

Von Roman Deininger, Stuttgart

So knapp war das Rennen, dass es unfair gewesen wäre, einen einzelnen Sieger zu bestimmen. Peter Ramsauer und Rüdiger Grube hatten am Freitagvormittag alle beide eine Auszeichnung verdient: für das breiteste Grinsen auf der Schwäbischen Alb. Der Bundesverkehrsminister von der CSU und der Bahnchef hatten sich zu ihrem sportlichen Wettstreit in einem Tunnel getroffen, was zu ihrer guten Laune nicht unwesentlich beitrug.

Es gibt jetzt tatsächlich das erste Loch in einem Berg, in das irgendwann mal Schienen gelegt werden sollen für das Bahnprojekt Stuttgart 21. Oder wenigstens für die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Wendlingen nach Ulm, die nach Lesart der Bahn unabdingbar zum geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof gehört. Nach dem S-21-Spatenstich im Februar 2010 waren die Baubemühungen ja zunächst eher theoretisch geblieben: Schon längst sollen die ersten Züge nicht mehr, wie ursprünglich vorgesehen, 2019 rollen. 2021 lautet die neue Zielmarke. Und selbst die gerät jetzt ins Wanken.

Endlich mal ein guter Tag für S 21

Zuerst standen der Bahn Demonstranten, Grüne und Juchtenkäfer im Weg. Als der Weg nach dem Ja bei der Volksabstimmung im November 2011 frei gewesen wäre, stolperte der Konzern bevorzugt über die eigenen Füße. Von den 4,8 Kilometern, die der Steinbühltunnel hinauf auf die Alb am Ende lang sein soll, sind bisher auch nur ein paar Meter gegraben - als standesgemäße Kulisse, vor der Tunnelpatin Susanne Ramsauer am Freitag mithilfe eines gelben Bohrbaggers den symbolischen Anschlag vornehmen konnte.

Der Freitag war also endlich mal ein guter Tag für S 21. Zumal die Projektgegner gleichzeitig eine juristische Niederlage einstecken mussten: Das Stuttgarter Verwaltungsgericht wies eine Klage zurück, mit der sie die Stadt zur Zulassung eines Bürgerbegehrens gegen den Tiefbahnhof zwingen wollten. Ihr Argument: Die Mitfinanzierung des Bundesprojekts S 21 durch die Stadt sei verfassungswidrig.

Amt des größten Dilettanten wechselnd besetzt

Es wäre allerdings keine Überraschung, wenn Ramsauer und Grube die Glückseligkeit über den Anstich des ersten von insgesamt 25 Tunneln bald wieder vergeht. Und nicht nur, weil die Gegner Berufung gegen das Urteil einlegen wollen; sondern weil die Woche vor dem Freitag gar keine gute war für S 21. Die Rolle des größten Dilettanten wird ja im Bahnhofsstreit traditionell wechselnd besetzt - jetzt hat sie erstmals und mit Bravour das Regierungspräsidium Stuttgart übernommen. Die Bahn muss auf der größten von einem Dutzend Baustellen Unmengen Grundwasser abpumpen, das Konzept dafür ging nun in die öffentliche Erörterung.

In einem Musical-Theater geriet das amtliche Verfahren zur Burleske: Der Versammlungsleiter musste wegen Befangenheit abberufen werden - das Regierungspräsidium hatte übersehen, dass der Mann die Projektgegner kürzlich erst rustikal verunglimpft hatte. Die Erörterung wurde abgebrochen. Und der S-21-Zeitplan steht mehr denn je in Frage.

Denn ohne Genehmigung für ihr Grundwasser-Konzept kann die Bahn den Trog für den Tiefbahnhof in der Innenstadt nicht ausheben. Noch in diesem Jahr wollte sie damit beginnen. Derzeit gibt es im Grunde nur eine Bewegung auf dem riesigen Baufeld: Es wächst wieder Gras auf der Brache.