Bahn Wlan statt Wasser

Reisende erwarten unterwegs kostenlose Internet-Zugänge - und bekommen dafür immer weniger Service.

Kaum ist das Internet ein Vierteljahrhundert alt, kann man seine Mails nun auch schon in den Zügen der Deutschen Bahn lesen. In den ICE zumindest, gratis, sogar in der zweiten Klasse. "Wlan für alle und überall", verkündete Bahnchef Rüdiger Grube diese Woche stolz, und Verkehrsminister Alexander Dobrindt jubelte mit: Das sei ein "sehr, sehr großer Erfolg". Die flächendeckende Versorgung der Reisenden mit kosten- und kabellosem Internet schreitet voran und wird von den Kunden zunehmend als so selbstverständlich erachtet wie elektrisches Licht und fließendes Wasser.

Interessanterweise waren die Billig-Anbieter im Tourismus die Ersten, die ihren Gästen Gratiszugänge ins Internet anboten. So kann man etwa in den meisten Hostels schon seit Jahren kostenlos in den Mehrbettzimmern surfen, während manche Luxus-Hotelkette heute noch absurd hohe Preise dafür verlangt. Auch in Fernbussen gehörte Gratis-Wlan von Anfang an zum Standardangebot. Die jungen Transport-Unternehmen haben Internetzugang als wichtiges Mittel erkannt, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Außerdem ist es ein Marketinginstrument ersten Ranges. Wer unkompliziert auf Facebook kommt, postet auch gerne mal ein Selfie von sich im Flixbus oder in der Berliner Jugendherberge - und zieht weitere Kundschaft an. Der Deal funktioniert überall, wo Menschen Urlaub machen: Für eine Handvoll Gratis-Megabyte auf öffentlichen Plätzen, in Flughäfen, Hotelanlagen oder Skigebieten sind viele Reisende bereit, beim Einloggen vom Geburtstag über die Mailadresse bis zum Wohnort sensible Informationen herauszurücken, die sie einem Fremden auf der Straße niemals anvertrauen würden. Beim Wlan-Zugang im Zug ist das erfreulicherweise nicht so, den gibt es tatsächlich mit zwei, drei Klicks.

Paradox an der großen Wlanisierung ist das darin enthaltene Service-Versprechen. Mit dem Internetzugang soll alles Mögliche einfacher und bequemer für die Reisenden werden. Tatsächlich dient er auch dazu, Service abzuschaffen und Kosten einzusparen. Am deutlichsten wird das beim Fliegen. Die Billig-Airline Norwegian war im Jahr 2011 die erste europäische Fluglinie, die ihren Passagiere Gratis-Wlan an Bord anbot, während sogar ein Glas Wasser extra kostete. Die Strategie zahlt sich aus, wie das Unternehmen mitteilt. Lieber durstig als offline sein, ist anscheinend die Devise der Fluggäste. Durch diese Verschiebung der Grundbedürfnisse lässt sich der Profit erhöhen. In einer Studie des Unternehmens Juniper, einem der größten Netzwerkausrüster der Welt, heißt es: Wenn die Passagiere ihre eigenen Geräte mitbringen, auf denen sie Filme anschauen, spare das nicht nur die Kosten für eingebaute Monitore, sondern auch Gewicht, sprich Kerosin.

Vom Mitschleppen des Rechners zum Alles-Selbermachen ist es nur ein kleiner Schritt: mobil Tickets kaufen, einchecken, umbuchen - die Gäste sind ihre eigenen Sachbearbeiter, das spart Personal. Flexibilität, die früher als freundlicher Service galt, wird schleichend zur kostenpflichtigen Leistung. Nicht nur Wasser, Essen und Gepäck kosten extra, sondern auch die Wahl eines Gang- oder Fensterplatzes. Zunächst günstige Tickets lassen sich so leicht verteuern. Eine Praxis, die inzwischen auch arrivierte Fluglinien von der Billig-Konkurrenz abgeschaut haben.

Damit sind die Möglichkeiten des Wlan auf Reisen noch nicht ausgeschöpft. Apps statt Concierges im Hotel, Chatbots statt Kundenberater im Reisebüro - wer sich da in ein tiefes Funkloch wünscht, kann sich weiter auf die Bahn verlassen. In deren Regionalzügen gibt es noch lange kein Internet.