Baden-Württemberg Das K in Kretschmann

Winfried Kretschmann bezeichnet seine einstige Nähe zu kommunistischen Hochschulgruppen häufig als Irrtum seines Lebens.

(Foto: imago/Jakob Hoff)
  • Recherchen der "Stuttgarter Zeitung" haben eine Akte aus der Zeit des Radikalenerlasses über Winfried Kretschmann ans Licht gebracht. Bevor er Lehrer wurde, musste er sich vom Kommunismus lossagen.
  • Die Wandlung scheint sich nach und nach vollzogen zu haben. Eine Rolle spielte dabei wohl auch die Unterstützung durch politische Gegner.
  • Die Grünen im baden-württembergischen Landtag wollen Berufsverbote und abgelehnte Bewerbungen auf Beamtenposten aus der Zeit des Radikalenerlasses aufarbeiten.
Von Josef Kelnberger

Spricht man ehemalige Schüler auf den Lehrer Kretschmann an, so erinnern sie sich vor allem an den Dialekt. Dieses breite, langsame Schwäbisch, aus tiefer Brust heraus gesprochen, das jenseits von Baden-Württemberg gern belächelt wird - es klang schon Anfang der Achtzigerjahre altbacken. Dennoch galt Winfried Kretschmann als Respektsperson und überaus progressiv. Am Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium etwa debattierte man in seinem Biologieunterricht auch über Hausbesetzungen. Das hat den Schülern gut gefallen. Konservativen Eltern weniger. Wie konnte dieser ehemalige Kommunist überhaupt in den Staatsdienst gelangen, fragten sich manche.

Wie konnte er nur?

Winfried Kretschmann bezeichnet seine einstige Nähe zu kommunistischen Hochschulgruppen häufig als Irrtum seines Lebens. Eine Akte aus der Zeit des "Radikalenerlasses", nach Recherchen der Stuttgarter Zeitung entdeckt, zeigt, welch langen Weg er gegangen ist: vom mutmaßlichen Verfassungsfeind zum Ministerpräsidenten, der sich so leidenschaftlich auf die Verfassung, auf Recht und Gesetz beruft, dass sich Konservative bei ihm oft besser aufgehoben fühlen als Grüne. Vor allem aber zeigt die Akte, dass diese Wandlung einer zeitgeschichtlichen Logik folgt. Denn nicht zuletzt haben politische Gegner ihm den Weg geebnet.

Ehefrau Gerlinde hielt Kommunismus für völligen Blödsinn

Als Kretschmann 1975 zum Referendariat zugelassen werden wollte, bekannte er hartnäckig, er stehe den K-Gruppen "von der Gesinnung nach wie vor nahe". Das Leid der Welt, das ihn empörte, hatte sich ja nicht in Luft aufgelöst. Damals sprang ihm George Turner bei, der CDU-affine Rektor der Universität Hohenheim. Der junge Mann sei "weder als überzogen unsachlich noch als persönlich unangenehm" aufgefallen.

Zwei Jahre später wollte er in den Staatsdienst übernommen werden, doch die Regelanfrage beim Verfassungsschutz ergab: Kretschmann hatte an einer kommunistischen Wahlkampfveranstaltung teilgenommen. Bei seiner Anhörung distanzierte sich Kretschmann, mittlerweile Vater geworden, vom Kommunismus. Seine Ehefrau Gerlinde halte solche Ansichten für "völligen Blödsinn" und habe ihn bekehrt. Als größter Fürsprecher tat sich sein Ausbilder Ernst Waldemar Bauer hervor, ein FDP-Mann. Der schilderte Kretschmann als "ausgesprochen lernfähig" und lobte: "Für die Sorgen und Nöte anderer Menschen ist er ausgesprochen aufgeschlossen."

Grüne im Stuttgarter Landtag wollen Epoche des Radikalenerlass aufarbeiten

So steht das in der Akte, die Kretschmann als "Zeugnis der Zeitgeschichte" freigegeben hat. Die Auswüchse der damaligen Gesinnungsschnüffelei missbilligt er, doch gesteht er dem Staat jetzt grundsätzlich das Recht zu, Angestellte auf Verfassungstreue hin zu überprüfen.

Schätzungen zufolge wurden wegen des "Radikalenerlasses" bis Anfang der Neunzigerjahre 11 000 Berufsverbotsverfahren eingeleitet und mindestens 1250 Bewerbungen abgelehnt. In Stuttgart will die grüne Landtagsfraktion diese Epoche nun aufarbeiten lassen. Die Initiative "40 Jahre Radikalenerlass" verlangt schon jetzt eine Entschuldigung vom Staat. Die müsste für Baden-Württemberg der Ministerpräsident aussprechen. Es wäre die ultimative Wendung in der Vita des einstigen Kommunisten Winfried Kretschmann.