Autobiografie Erkenntnis und Ethos

Er hat seine moralischen Prinzipien und er hat seine Lehren aus dem Weltkrieg gezogen. Der SPD-Politiker Erhard Eppler erzählt aus seinem Leben: humorvoll, anrührend und tiefgründig.

Von Franziska Augstein

Erhard Epplers Mutter stammte aus einem protestantischen schwäbischen Pfarrhaus. Ihr Sohn hat moralische Prinzipien. Das wurde ihm übel ausgelegt, vor allem von seinen werten Parteifreunden. Herbert Wehner titulierte ihn als "Pietkong". Helmut Schmidt hielt ihn, wie Eppler resümiert, für einen "kurzschlüssigen, moralinsauren Gesinnungsethiker", womit ein Missverständnis umschrieben ist, das sich in Jahrzehnten nicht ausräumen ließ. Eppler selbst beschreibt sich nämlich als einen überlegten Verantwortungsethiker, nur dass Schmidt als Kollege in diesem Fach halt oftmals andere Ziele vertreten habe als er.

Erhard Eppler war Bundesminister und lange Jahre Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. Die ganz großartige politische Karriere war ihm nicht beschieden; aber nun hat er eine ganz großartige Autobiografie verfasst. Die Autobiografie: Das wäre die Gelegenheit gewesen, sich für erduldete Gemeinheiten zu rächen. Eppler lässt sie sausen. Er beschreibt seine Widersacher in der SPD ohne Ranküne. Und sich selbst schildert er so objektiv, wie es ihm nur möglich ist.

Erhard Eppler 2015 bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde in seiner Heimatstadt Schwäbisch-Hall. Die Laudatio hielt Gerhard Schröder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seine Darstellung, wie er sich als Junge während der NS-Zeit fühlte, vermittelt den Umfang und die Grenzen der ideologischen Aufrüstung anschaulicher als manch ein dickes Buch. Beim NS-Jungvolk sei man nicht politisch auf Kurs gebracht worden: "Schließlich galt das Prinzip, Jugend solle durch Jugend geführt werden, so dass meist niemand da war, der indoktrinieren konnte." Zur Zeit des "Anschlusses" Österreichs 1938 war Eppler elf Jahre alt: "Kaum war Österreich ,heimgeholt', da wurde am Ende jeder Nachrichtensendung der ,Egerländer Marsch' gespielt, so dass die Platte im Spätsommer schon ziemlich krächzte." Damals, mit elf Jahren, schreibt Eppler, sei er politisch wach geworden. Knapp zwei Jahre später, das "Dritte Reich" hatte den Zweiten Weltkrieg begonnen, wunderte er sich: "Warum stand in unseren neuen Geschichtsbüchern, die Kaiser des Mittelalters seien leider immer wieder gen Rom gezogen, statt im Osten neuen Lebensraum zu gewinnen?" Den Krieg, davon war Eppler damals noch überzeugt, sollte Deutschland aber schon siegreich beenden. Allerdings grub er gleich im September 1939 im Garten ein Stück Wiese um: zum Kartoffelstecken im Frühjahr. Denn von der Mutter hatte er gelernt: Krieg bedeutet Hunger.

Eppler wurde Flakhelfer, dann kam er zum "Reichsarbeitsdienst". Um nicht von der SS eingezogen zu werden, "sprang" er aus einem Fenster und "rannte schnurstracks zum Wehrbezirkskommando". Dort erhielt er einen Zettel, "eines der kostbarsten Papiere meines Lebens": Auf einen "Offiziersbewerber des Heeres" hatte die SS keinen Zugriff. Als er im September 1944 tatsächlich zu einem Offizierskurs geschickt werden sollte, meldet er sich "aus gut erwogenen Gründen" an die Front: Er, der junge Spund, wollte nicht ältere Soldaten befehligen. In seiner Einheit lernte er dann erfahrene Landser kennen. Die Altgedienten persiflierten "den prahlenden Hitler, der einmal gesagt hatte: ,Wo der deutsche Soldat steht, kommt kein anderer hin', mit dem Eingeständnis: ,Wenn der deutsche Soldat einmal läuft, kommt keiner ihm nach.'" Außerdem erfuhr er von ihnen, was sich in Russland abspielte, er hörte von unbeschreiblich vielen Toten. Heute spricht man vom "Vernichtungsfeldzug".

Erhard Eppler, Links leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen. Propyläen-Verlag 2015, 336 Seiten, 22 Euro. Als E-Book: 18,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Adenauers Aufrüstung machten den Friedenspolitiker "fassungslos"

Mindestens zwei Lehren hat Eppler aus dem Krieg mitgenommen. Erstens: Friedenspolitik ist wichtig. Konrad Adenauers Wiederaufrüstungspolitik machte ihn "fassungslos": Wenn die Amerikaner "jetzt, wenige Jahre nach der Kapitulation, deutsche Soldaten sehen wollten, dann war dies kein Beweis der Freundschaft, sondern einer der eiskalten Kalkulation und zwar einer amerikanischen, keiner deutschen". Im Kalten Krieg konnten die USA die Westdeutschen brauchen - gegen den Ostblock, die Ostdeutschen inbegriffen. Dessen ungeachtet, schwaddelte Adenauer, der "schlaue Fuchs", zu Epplers Empörung von der deutschen Einheit.

Mit seiner zweiten Erkenntnis stand Eppler lange ziemlich allein: Er habe, schreibt er, nie mit dem stetig beschworenen drohenden Überfall der Sowjetunion auf Westeuropa gerechnet. Das Land sei so am Boden gewesen, dass selbst ein Stalin sein Volk nicht mehr zu einem neuen Krieg hätte aufrufen können. "Wo immer die USA ihre Macht demonstrierten - zuerst mit der Berliner Luftbrücke -, wurde klar, wer der Stärkere war."

Epplers Weg in der Politik war mühselig. Er berichtet, wie er einmal gejammert habe: Seine einzige Leistung als Abgeordneter bestehe darin, "dass ich in der Fußballmannschaft des Bundestags ein Tor geschossen hatte". Das änderte sich für ihn grundlegend, als er 1968 in der Großen Koalition Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde. Von Anfang an war ihm klar, dass Entwicklungshilfe nicht funktioniert, wenn sie "von oben" verabreicht wird. Sein Ministerium verstand er nicht als Institution zur Förderung deutscher Exporte. Außerdem hatte er die Bedeutung der Ökologie entdeckt. Wenige Monate, nachdem Helmut Schmidt 1974 Bundeskanzler geworden war, demissionierte Eppler. Gar zu unterschiedlich waren die politischen Prioritäten der beiden. Anstatt sich bloß zu freuen, den komischen Kerl los zu sein, behauptete Schmidt: "Jetzt habe ich ihn rausgeworfen." Das war entwürdigend. Bis heute leidet Eppler unter dieser Lüge.

Epplers Autobiografie ist lehrreich - für jeden, selbst für politische Gegner. Die konservative FAZ schrieb, Epplers Buch tauge "allemal für einen Grundkurs ,Unpathetische Einführung in die Geschichte der SPD'". Darüber hinaus hat Eppler mit leichter Hand anhand seiner Person viele Aspekte der Nazi-Zeit und der bundesdeutschen Geschichte erklärt. Er schreibt ein sehr schönes Deutsch. Und sein Humor ist von entzückender Herzlichkeit.