Auswertung der Snowden-Dokumente Agenten müssen draußen bleiben

Treffen mit Edward Snowden, Teil 1

SZ-Mitarbeiter John Goetz war dabei, als Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele in Moskau den NSA-Whistleblower Edward Snowden traf. mehr...

Natürlich reizt eine Figur wie Snowden zu Spekulationen. Deshalb kursieren auch ständig Gerüchte, nach denen eigentlich der russische Geheimdienst FSB hinter den Enthüllungen stecke. Aber es sind nicht Agenten, die entscheiden, wann und wie die Dokumente ans Licht kommen - sondern Journalisten in einem harten Wettbewerb.

Von John Goetz und Hans Leyendecker

Schattenspiele gehören zur Welt der Agenten. Geheimnisvolle Dienste lancieren geheimnisvolle Geschichten - richtige und fingierte - von "Desinformazija" sprechen die Russen. Ziel ist es, den Gegner zu diskreditieren. So haben russische Geheimdienste mal die Meldung erfunden, das Aids-Virus stamme aus westlichen Kampflabors. Das machte Schlagzeilen.

Aber es gibt auch für die "active measures" der US-Dienste viele Beispiele, diese Technik wird im Fall des Whistleblowers Edward Snowden wieder eingesetzt. Hochrangige Sicherheitsbeamte erklären in Hintergrundgesprächen, hinter allem stecke der russische Geheimdienst FSB. Das wisse man zuverlässig ("completely reliable"). Der Abhörfall Merkel etwa sei eine Inszenierung des Kreml: "Man darf gespannt sein, was die Mitarbeiter des russischen FSB noch so alles in den streng geheimen Datensätzen ihrer Geisel Snowden gefunden haben, das sie demnächst gegen den Westen einsetzen können", orakelte am Wochenende eine deutsche Tageszeitung.

Das Recht schützt Snowden

Deutschland braucht Aufklärung über die US-Lauschangriffe. Und Snowden braucht Schutz vor Auslieferung in die USA. Beides lässt sich gut zusammenbringen: Deutschland sollte dem Aufklärer den Schutz gewähren. Das Recht gibt die Möglichkeit her, ihm sicheres Geleit und Abschiebungsschutz zuzusichern. Sogar im bilateralen Auslieferungsabkommen mit den USA kann man das nachlesen. mehr ...

Snowden, der erst in Hongkong war und seit dem 23. Juni in Moskau ist, hat immer wieder betont, weder die Chinesen noch die Russen hätten Zugang zu seinem Material bekommen. Darauf legt der Amerikaner, der sich als Patriot versteht, großen Wert. Auch betont er, dass er über die Methoden der amerikanischen Dienste nichts nach draußen lasse. Er habe das Material nicht mit nach Moskau gebracht. Aber darf man ihm glauben? Entweder ist er, so die Kritiker, ein Verräter oder Geisel.

Die Wirklichkeit ist trivialer. Die Enthüllungen des Informanten Snowden laufen nach journalistischen und nicht nach geheimdienstlichen Gesetzmäßigkeiten: mehr Aufklärung als Verfolgungswahn, viel Feuer, wenig Rauch - das Gegenteil also von gewöhnlicher Geheimdienstarbeit.

Treffen mit Edward Snowden, Teil 2

SZ-Mitarbeiter John Goetz war dabei, als Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele in Moskau den NSA-Whistleblower Edward Snowden traf. mehr ...

Snowdens libertäre Ideologie

Diese Feststellung ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte dieses journalistischen Scoops, die viel mit Snowdens libertärer Ideologie zu tun hat: "Unabhängige Journalisten sollen sich ihr eigenes Urteil darüber bilden, was die Dokumente beinhalten", hat Snowden dem grünen Politiker Hans-Christian Ströbele in Moskau gesagt. Er habe zwar das "Ganze in Gang gebracht, aber Journalisten, Politiker, technische Experten und normale Bürger" bestimmten am Ende, "in welchem Ausmaß wir davon profitieren". Er verfolgt jetzt im Netz, was mit seinen Sachen passiert (einige Videos vom Treffen in Moskau dokumentiert SZ.de hier).

Am 20. Mai flog Snowden von Hawaii nach Hongkong, um sein Material an Journalisten weiterzureichen. Anfang Juni traf er dort im Hotel The Mira die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, den damaligen Guardian-Blogger Glenn Greenwald und den in New York stationierten Guardian-Journalisten Ewen MacAskill.

Die drei Medienleute befragten Snowden zu Hintergründen. Er gab Material heraus. Am 5. Juni veröffentlichte der Guardian die erste Enthüllung: Wie die US-Regierung das Unternehmen Verizon durch einen geheim gehaltenen Gerichtsbeschluss zwang, Telefondaten von Millionen US-Bürgern herauszugeben. Am 9. Juni tauchte das Gesicht von Snowden in einem Video auf. Gut zwölfeinhalb Minuten lang erklärte er seine Mission und berichtete über den Datenwahn der NSA. Danach suchte er Unterschlupf bei einem Bekannten und nahm kurz Kontakt zu einem Journalisten der South Morning Post auf.