Von Peter Münch

Auf Anweisung Kabuls haben zwei hochrangige europäische Diplomaten Afghanistan verlassen. Sie sollen Kontakt zu den Taliban aufgenmommen haben. Das gesteht die Regierung Karsai Dritten nicht zu.

Es ist ein Eklat, wie es ihn in der Afghanistan-Diplomatie noch nicht gegeben hat: Die Regierung in Kabul hat zwei hochrangige Vertreter der internationalen Gemeinschaft - einen Briten in Diensten der Vereinten Nationen und den amtierenden Chef der Kabuler EU-Mission, einen Iren - zu unerwünschten Personen erklärt.

Bild vergrößern

Aleem Siddique, der Sprecher der UN-Mission in Afghanistan hat die Ausreise der beiden europäischen Diplomaten bestätigt. (© Foto: AP)

Anzeige

Am Donnerstagmorgen mussten die beiden überstürzt das Land verlassen. Der Vorwurf, der ihnen gemacht wird, klingt dramatisch: Sie hätten die nationale Sicherheit Afghanistans bedroht. Die Begründung wirkt eher verwirrend. Zur Last gelegt wird ihnen, dass sie mit Taliban-Vertretern geredet haben sollen. Damit jedoch wären sie gewiss nicht die einzigen, und selbst Präsident Hamid Karsai hat den feindlichen Korankriegern schon mehrmals öffentlich Gesprächsavancen gemacht.

Wenn aus dem blutigen Jahr 2007 überhaupt eine Lehre zu ziehen ist, dann ist es die, dass der Krieg gegen die Taliban nicht militärisch allein zu gewinnen ist. Angesichts der Selbstmordanschläge, gegen die keine Armee der Welt vorgehen kann, sehen sich die Regierung in Kabul und die internationale Gemeinschaft gezwungen, wo immer möglich die Konfrontation aufzulockern und Verhandlungslösungen auszuloten.

Eine "Kommission für Frieden und Versöhnung" als Ansprechpartner für abtrünnige Taliban gibt es schon länger. Zudem sind in Kabul ein paar Vertreter der alten Taliban-Führung zu finden, die als "gemäßigte Taliban" den Schutz und die finanzielle Unterstützung der Regierung genießen.

In diesem Herbst aber ist Präsident Karsai noch einen großen Schritt weiter gegangen: Er erklärte sich zu persönlichen Friedensgesprächen mit Talibanführer Mullah Omar bereit und stellte den Extremisten sogar Regierungsposten in Aussicht, wenn sie ihren Aufstand beenden würden.

Sollten die beiden ausgewiesenen EU- und UN-Vertreter also tatsächlich mit Taliban-Vertretern gesprochen haben, dann könnten sie sich sogar fast im Mainstream der Diplomatie gefühlt haben - zumal in diesen Tagen auch die britische Zeitung Daily Telegraph meldete, der britische Geheimdienst hätte im Sommer geheime Gespräche mit Taliban-Vertretern organisiert, an denen auch die afghanischen Behörden beteiligt gewesen seien.

Die UN jedoch sprechen von einem "Missverständnis" und bestätigen lediglich, dass in der südlichen Provinz Helmand Gespräche mit lokalen Stammesführern geführt worden seien. Der Ire Michael Semple und der Brite Marvyn Patterson waren demnach am Montag in die Ortschaft Mussa Kala gefahren, aus der erst kürzlich Isaf-Truppen die Taliban vertrieben hätten. Dort hätten sie mit Menschen geredet, "die vielleicht unentschieden sind, ob sie die afghanische Regierung unterstützen", sagte ein UN-Sprecher.

Das würde wohl auch erklären, warum bei einem Mitarbeiter der beiden Diplomaten relativ große Mengen Geld gefunden worden sind. So lassen sich seit ewigen Zeiten in Afghanistan Milizenführer von einer auf die andere Seite ziehen.

Aus diesen Vorgängen jedoch wird den Diplomaten nun von der afghanischen Regierung ein Strick gedreht. Die beiden hätten den Rebellen Geld gegeben, heißt es. In Kreisen westlicher Diplomaten kann man über die Kabuler Motivlage nur spekulieren. Womöglich sei es Präsident Karsai einfach zu viel geworden, dass nun von allen möglichen Seiten Gespräche geführt würden - und nur er selbst und seine Regierung blieben wieder einmal außen vor.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 28.12.2007/maru)