Von Felix Berth

Auswanderer-Shows im TV suggerieren, dass die Menschen Deutschland massenweise den Rücken kehren, weil hier alles nervt. Eine Studie zeigt andere Motive - und, dass viele wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Barbara Müllerschön bestieg am 1. März 1904 in Bremerhaven die Kaiser Wilhelm II. Nach der neun Tage dauernden Überfahrt auf dem Schiff kam die 26-Jährige in New York an. Sie hatte 40 Dollar dabei, war keine Anarchistin, sie konnte nicht lesen, war nicht behindert und hatte noch nie im Gefängnis gesessen. Auch "Polygamistin" war sie ausweislich ihrer Dokumente nicht. Ziel ihrer Reise war der Ort Buffalo im Staat New York, wo ihr Ehemann Adolf bereits in der Urbenstreet 77 lebte.

TV-Sendungen wie das Vox-Format "Goodbye, Deutschland" legen nahe, dass die Menschen hierzulande massenweise das Weite suchen, weil hier alles nervt. (© Foto: Vox)

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Viele solcher Momentaufnahmen aus dem Leben der Emigranten haben Wissenschaftler erstellt; die Auswanderer-Datenbank des Historischen Museums Bremerhaven zum Beispiel hat Schiffs-Passagierlisten des 19. Jahrhunderts erfasst - zur Freude von Historikern und Nachkommen, die auf diese Weise vieles über das Leben von Emigranten wie Barbara Müllerschön erfahren.

Deutlich schwieriger ist es, präzise Aussagen über die vielen Menschen zu machen, die derzeit die Bundesrepublik verlassen. Zwar ermittelt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, wie viele ins Ausland umziehen - im Jahr 2006 waren es 155.000 Deutsche, mehr als in den vier Jahrzehnten zuvor.

Doch warum sie gehen, welche Ausbildung sie haben und was sie planen, ist kaum festzustellen. Wer die Auswanderer-Shows des Privatfernsehens sieht, vernimmt viel Frust über Deutschland: Die Leute brechen offenbar massenweise auf, weil hier alles nervt - es fehlen die Perspektiven, die Aufbruchsstimmung, die notwendigen Reformen. Jeder fünfte Bundesbürger würde gerne emigrieren, meldete das Institut Allensbach im September 2007.

Eine neue Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) deutet jedoch darauf hin, dass ernsthafte Emigrationspläne erstens seltener sind und zweitens weniger mit ökonomischer Chancenlosigkeit zu tun haben als gedacht. So gab zwar jeder Vierte der 2000 Befragten an, bereits einmal eine Auswanderung erwogen zu haben. Doch ernsthaft informiert hatten sich deutlich weniger Menschen; konkrete Pläne, im nächsten Jahr wegzuziehen, hatten gar nur zwei Prozent der Interviewten.

Die Bundesrepublik profitiert von Auswanderung

Die Studie von Claudia Diehl, Steffen Mau und Jürgen Schupp, die im Rahmen des "Sozio-oekonomischen Panels" veröffentlicht wird, weist auch darauf hin, dass vor allem diejenigen ernsthaft eine Auswanderung planen, die Auslandserfahrungen haben: 20 Prozent von ihnen lebten schon einmal in einem anderen Land, 60 Prozent haben regelmäßige Kontakte ins Ausland.

Jürgen Schupp deutet die zunehmende Wanderung deshalb als - durchaus positive - Wirkung der Globalisierung: "Die Menschen haben mehr Gelegenheit, Erfahrungen im Ausland zu machen. Man muss sich nicht wundern, wenn sie mobiler sind als noch vor 20 Jahren."

Die Gruppe der potentiellen Emigranten zerfällt nach den DIW-Daten in zwei Hälften: Die einen möchten dauerhaft umsiedeln, die anderen nur für ein paar Jahre. Selbständige planen demnach sehr oft den Umzug auf Dauer; Hochschulabsolventen haben eher befristete Ambitionen, was andeutet, dass in den Karrieren der Akademiker ein paar Jahre im Ausland inzwischen nicht mehr außergewöhnlich sind.

Jürgen Schupp wirbt auch deshalb dafür, die Auswanderung lieber gelassen zu sehen: "Wenn Hochqualifizierte das Land verlassen und nach einigen Jahren zurückkehren, dürfte die Bundesrepublik davon letztlich profitieren."

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(SZ vom 26./27.01.2008/woja)