Ausspäh-Enthüllungen Frankreich reagiert schockiert auf Ausmaß der NSA-Spionage

Mehr als 70 Millionen Telefonverbindungen: Laut einem Zeitungsbericht soll der US-Geheimdienst NSA massenhaft die Telefondaten französischer Bürger ausgespäht haben. Mit einer Erklärung will sich Paris dieses Mal nicht zufriedengeben.

Der US-Nachrichtendienst NSA späht offenbar massiv die Telefonate französischer Bürger aus. Die französische Tageszeitung Le Monde berichtete am Montag unter Berufung auf Dokumente des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden, dass allein innerhalb eines Monats - nämlich zwischen Anfang Dezember 2012 und Anfang Januar 2013 - 70,3 Millionen Telefonverbindungen aufgezeichnet worden seien. Paris forderte von Washington umgehend eine Erklärung und bestellte den US-Botschafter in Paris ein.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls bezeichnete die Enthüllungen als "schockierend". Er verlange präzise Erklärungen von den US-Behörden. "Wenn ein verbündetes Land in Frankreich oder einem anderen europäischen Land spioniert, ist das vollkommen inakzeptabel", sagte Valls.

Der französische Außenminister Laurent Fabius kündigte an, der US-Botschafter in Paris werde noch am Montagvormittag in sein Ministerium einbestellt. Frankreich wolle nun eine schnelle Versicherung, dass diese Methoden nicht mehr angewandt würden.

Die französische Regierung wusste seit einigen Monaten von den Spähaktionen - das Ausmaß wird nun mit den Le Monde-Enthüllungen klar. "Wir sind bereits im Juni alarmiert worden und haben deutlich reagiert, aber offensichtlich muss man weiter gehen", sagte Außenminister Laurent Fabius.

Sieben Millionen Daten an einem einzigen Tag

Laut Le Monde zeichnete die NSA zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 an einzelnen Tagen bis zu knapp sieben Millionen Telefondaten auf. Bei der Verwendung bestimmter Telefonnummern würden die Gespräche automatisch aufgezeichnet. Auch würden SMS und ihre Inhalte aufgrund bestimmter Schlüsselwörter abgefangen. Die Verbindungsdaten der Zielpersonen würden systematisch gespeichert.

Die Ausspionierung der Telefonate französischer Bürger durch die NSA läuft laut Le Monde unter einem Programm mit dem Namen "US-985D". Wofür dieser Code stehe, sei unklar. Für das Abfangen von Telefondaten aus Deutschland gebe es Programme mit den Namen "US-987LA" und "US-987LB". Die zum Ausspähen der Telefonate in Frankreich verwendeten Technologien würden als "DRTBOX" und "WHITEBOX" bezeichnet. Einzelheiten seien nicht bekannt. Mittels "DRTBOX" seien 62,5 Millionen der 70,3 Millionen Telefondaten abgefangen worden, mit "WHITEBOX" die restlichen 7,8 Millionen.

Ziel waren laut Le Monde offenbar nicht nur Terrorverdächtige, sondern auch Franzosen, die nur wegen ihrer Geschäftstätigkeit oder der Mitarbeit in der Regierung und bei Behörden für die NSA interessant waren. Der US-Geheimdienst habe sich zudem besonders für E-Mail-Konten des französischen Internetanbieters wanadoo.fr interessiert, der etwa 4,5 Millionen Nutzer hat, sowie für E-Mail-Konten des US-französischen Telekommunikationsausrüsters Alcatel-Lucent.

Le Monde hat die Snowden-Dokumente nach eigenen Angaben von dem Journalisten Glenn Greenwald erhalten, der eng mit Snowden zusammenarbeitet und seine Enthüllungen in der britischen Zeitung The Guardian veröffentlichte. Die französische Zeitung plant in den kommenden Tagen weitere Veröffentlichungen.