Guido Westerwelle kann gezielter und geschickter mit der deutschen Sprache umgehen als zum Beispiel sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier. Der pflegte seine Wortbeiträge im Ausland mit langatmigen Rückgriffen auf bereits Geäußertes zu beginnen, um sich dann in den Sackgassen seiner Schachtelsätze zu verlaufen.

Anzeige

Westerwelle ist anders. Er versteht sich darauf, aus dem Nichts Bedeutungsschwere zu erzeugen. Das gehört zu den Talenten, die ihn als Oppositionspolitiker schließlich zum Erfolg geführt haben, und auf die er sich nun auch als Außenminister verlassen will.

Worte, die nicht gewichtig genug sein können

Im rot gestrichenen Saal seines Kollegen in Uruguay erklärt der Außenminister während einer Pressekonferenz: "Wir haben uns ganz bewusst entschieden, nach Montevideo zu kommen." Auch ohne diesen Hinweis hätte vermutlich niemand angenommen, dass die Reisegesellschaft des Außenministers rein zufällig in diese Stadt eingefallen ist.

Westerwelle aber genügt es nicht, die Rolle der kleinen Staaten zu würdigen. Er muss auch noch sagen, dass er sich etwas dabei gedacht hat.

Dabei entsteht durchaus der Eindruck, als sei sich der Außenminister eines Vakuums bewusst, das es zu füllen gilt. Er versucht es mit Worten, die nicht gewichtig genug sein können.

Der große Saal im Erziehungsministerium von Buenos Aires, wo die Max-Planck-Gesellschaft eine Ausstellung eröffnet, ist dafür ein verlockender Ort.

Verbaler Maximalist

Als Westerwelle ihn betritt, brandet Jubel auf, was freilich daran liegt, dass er es zusammen mit Cristina Fernández de Kirchner tut. Die Jubler der modebewussten Präsidentin mögen bestellt sein; die Stimmung im Saal aber weiß Westerwelle zu deuten. Seine Leute haben ihm ein eher nüchternes Manuskript über die Segnungen der Forschung vorbereitet.

Er legt es weg, bringt sein Gesicht mit nach oben gezogenen Mundwinkeln zum Strahlen. Er freue sich "außerordentlich", sagt Westerwelle, an der "sehr schönen" Eröffnung teilzunehmen. Er lobt auch die "enorme Entwicklung", die Argentinien genommen habe.

Verbal ist Westerwelle Maximalist.

Damit hat er lange Jahre gute Erfahrung gemacht, ebenso wie mit einem anderen Kniff, der Kunst der unermüdlichen Wiederholung.

Als FDP-Vorsitzender konnte und kann er gar nicht oft genug Sachen von der Art sagen, dass Arbeit sich wieder lohnen müsse und jener, der arbeite, mehr haben müsse, als jener, der nicht arbeite. Die ständige Wiederholung kann man sich als einen Leuchtturm vorstellen, der verlässlich blinkt. Freund wie Feind können sich daran orientieren. Das schärft das Profil.

Westerwelle wendet diese Leuchtturm-Methode auch als Außenminister an. Es gibt Sätze, die wiederholt er vor fast jedem Publikum. "Deutsche Außenpolitik ist werteorientiert und interessengeleitet", ist so ein Satz.

Kontinuität oder Einfallslosigkeit?

Die Wiederholung des immer Gleichen vor wechselndem Publikum kann ein Zeichen sein für Kontinuität. Oder für Einfallslosigkeit.

Westerwelle hat in mehr als vier Monaten als Außenminister keine ernsten Fehler gemacht. Er hat ein Mandat für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auch mit den Stimmen der SPD durch den Bundestag gebracht, er kümmert sich um die Krise um das iranische Atomprogramm. Als er aber leidenschaftlich eine Debatte anzettelt, geht es um Hartz IV.

"Ich will mir nicht ein paar schöne Jahre im Auswärtigen Amt machen und die Welt kennenlernen. Ich will, dass dieses Land sich ändert, einen neuen Aufbruch erlebt", erläuterte er jüngst in der Bild am Sonntag. Das erklärt, warum der Außenminister auch kampfeslustiger Innenpolitiker bleiben will. Es verrät nichts darüber, warum der Innenpolitiker den Job des Außenministers wollte.

Die vollständige Reportage über Guido Westerwelles Auslandsreise lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 11. März 2010.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Reisen mit Guido
  2. Sie lesen jetzt Westerwelle ist anders
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 11.3.2010/cgn/plin)