Eine Welt ohne Atomwaffen? Die Vorschläge von US-Präsident Obama klingen gut, können aber kaum umgesetzt werden. Keine der anderen Nuklearmächte wird den Schritten folgen.
In seiner umjubelten Rede in Prag am vergangenen Sonntag hat der amerikanische Präsident Barack Obama die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt beschworen. Obama räumte ein, dass sich dieses Ziel womöglich nicht zu seinen Lebzeiten erreichen lasse. Dennoch müsse nun ernst gemacht werden mit der nuklearen Abrüstung, oder es drohe die nukleare Anarchie.
Vor tausenden Zuhörern warb Obama in Prag für die Vision einer atomwaffenfreien Welt. (© Foto: dpa)
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Mehrere Schritte sollen nach den Worten des Präsidenten den Weg in die nuklearwaffenfreie Zukunft weisen: eine amerikanisch-russische Vereinbarung über tiefe Einschnitte in die Arsenale beider Länder, die lange überfällige Ratifizierung des umfassenden Teststopp-Abkommens durch die USA, ein weltweites Verbot der Herstellung spaltbaren Materials, sowie die Kontrolle allen nuklearen Materials der Welt binnen vier Jahren. So weit, so gut.
Doch weder die bombastische Rhetorik des Präsidenten noch seine konkreten Vorschläge dürften dazu führen, dass die nuklearwaffenfreie Welt tatsächlich Realität wird. Das zeigte sich schon einen Tag nach Obamas Rede. Am Widerstand Russlands und Chinas scheiterte eine UN-Resolution, die den Raketenstart Nordkoreas vom Sonntag verurteilen und dem stalinistischen Regime weitere Sanktionen auferlegen sollte.
Die Nuklearmacht Nordkorea besitzt nun eine Trägerrakete, die große Teile Asiens erreichen kann. Auf den Straßen Japans wird man künftig wohl häufiger Raketenabwehrsysteme sehen. Damit nicht genug: Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde ist Iran nur noch Monate von der Fähigkeit entfernt, einen nuklearen Sprengkörper herstellen zu können. Und Indien, China und Pakistan modernisieren mit großem Aufwand ihre Nuklearstreitkräfte. Willkommen in der Welt des 21. Jahrhunderts!
Die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt ist nicht neu. Alle amerikanischen Präsidenten haben sie zu Beginn ihrer Amtszeit formuliert - um sie dann still zu den Akten zu legen. Obama mag dies anders sehen, aber auch er muss sich der Tatsache stellen, dass die Aussicht, den nuklearen Geist in die Flasche zurückzuzwingen, heute geringer ist als je zuvor. Nach dem Ende des Kalten Krieges und im Zuge der Globalisierung hat längst ein neues, ein zweites Nuklearzeitalter begonnen.
Der allgemeine technische Fortschritt, die Zunahme des internationalen Handelsvolumens und des Technologietransfers, der weltweite Transport von Gütern über schwer zu kontrollierende Knotenpunkte wie Containerhäfen, sowie E-Mail und Internet haben eine völlig neue Lage geschaffen: Ein Staat, der Nuklearmacht werden will, ist heute nicht mehr auf die Hilfe durch andere Kernwaffenstaaten angewiesen. Die Bauteile für Zentrifugen und sogar vollständige Pläne für chinesische oder pakistanische Nuklearsprengköpfe sind auf dem schwarzen Markt zu kaufen. Gleiches gilt bei der Beschaffung von Trägerraketen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Das klassische internationale System der Nichtverbreitung von Nuklearmaterial ist mit diesen Entwicklungen hoffnungslos überfordert. Aber selbst dort, wo die Dinge offen zu Tage liegen und Handeln geboten wäre, geschieht nichts. Der Fall Iran beweist dies jeden Tag aufs Neue. Unter Berufung auf sein "unveräußerliches Recht" zur friedlichen Nutzung der Kernenergie wird Iran unter den Augen der Weltöffentlichkeit zur Nuklearmacht. Welche Folgen wird dies haben für eine Welt, in der in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich mehrere Hundert neue Kernkraftwerke gebaut werden, und in der immer mehr Staaten den vollständigen nuklearen Brennstoffkreislauf beherrschen?
Vor diesem Hintergrund ist Obamas Absicht, durch tiefe Einschnitte in die amerikanischen und russischen Arsenale zunächst mit gutem Beispiel voranzugehen, taktisch richtig. Er will den Vorwurf entkräften, die Kernwaffenmächte kämen ihrer Abrüstungsverpflichtung nicht nach - und so die moralische und politische Autorität wiedererlangen, die zur Reparatur des angeschlagenen Nichtverbreitungssystems unabdingbar ist.
Doch die Rechnung wird nicht aufgehen. Denn jenseits der in naher Zukunft zu erwartenden amerikanisch-russischen Abrüstungsschritte ist nichts in Sicht, was auch nur entfernt die Realität einer nuklearwaffenfreien Welt andeuten könnte. Keine der anderen Nuklearmächte wird den amerikanisch-russischen Schritten folgen. Obamas Vision ist und bleibt letztlich eine rein westliche Vision. Wenn der iranische Präsident Ahmadinedschad das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt ausdrücklich begrüßt, zugleich aber - entgegen aller einschlägigen UN-Resolutionen - darauf besteht, Uran anzureichern, so sagt dies mehr über die Realität aus als jede Sonntagsrede.
Und Deutschland? Deutschland ist in dieser neuen Realität bisher noch gar nicht angekommen. Für ein Land, das Globalisierung bislang nur als wirtschaftliches, nicht aber als sicherheitspolitisches Phänomen zur Kenntnis nimmt, sind die nuklearen Entwicklungen im Nahen Osten und in Asien weit, weit weg. Seit dem Ende des Kalten Krieges und des "Einstiegs in den Ausstieg" aus der Kernenergie scheinen sich die Interessen Deutschlands nur noch auf ein Ziel zu reduzieren: nukleare Abrüstung.
Und so verlangen manche nur einen Tag nach dem Beschluss des Nato-Gipfels, ein neues strategisches Konzept für die Organisation zu erarbeiten, bereits den Abzug der in Deutschland stationierten amerikanischen Kernwaffen. Denn wozu sich überhaupt noch auf einen langwierigen multilateralen Abstimmungsprozess im Bündnis einlassen, wenn Obama bereits den Weg gewiesen hat?
Doch wer als Mahner in Sachen Abrüstung glaubt, auf diese Weise den Schulterschluss mit den USA erreichen zu können, dürfte sich schon bald getäuscht sehen. Denn auch das Amerika Obamas wird den Weg nicht gehen, den manche in Berlin ihm gerne verordnen würden. Der Versuch, den dunklen Seiten der Globalisierung trotzig die Stirn zu bieten, ist letztlich zum Scheitern verurteilt.
Und fast scheint es so zu sein, als spüre dies auch Obama, wenn er seinem optimistischen "Yes, we can" eine andere, eine hilflose Parole vorausschickt: "We must insist" (wir müssen darauf bestehen). Und dann stellt er lapidar fest, dass die Vereinigten Staaten, solange Nuklearwaffen in der Welt existierten, auch selbst Nuklearmacht bleiben werden. Genau dasselbe sagt Pakistan. Und Indien. Und China. Und Russland. Und Großbritannien. Und Frankreich. Und wohl auch Israel. Noch Fragen?
Michael Rühle ist stellvertretender Leiter der Politischen Planungseinheit der Nato in Brüssel. In der Edition Körber-Stiftung ist soeben sein Buch "Gute und schlechte Atombomben" erschienen.
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(SZ vom 11.04.2009)
Youtube-Hit aus USA
Sind mit Sicherheit nur hohle Worte von Obama. Bei einer Abrüstung würden sie ihre Vormachtsstellung weltweit aufgeben und das können sie sich garantiert nicht leisten.
Atomwaffen gut zu heißen ist völlig verrückt. Andererseits gab es, seit es sie gibt, (außer in Hiroshima und Nagasaki) keinen 3. Weltkrieg. Ich bin sicher, den hätte es schon längst wieder gegeben. Weltwirtschaftskrisen sind, so lange man das Problem nicht an der Wurzel packt und den Reichen an die Börse geht, immer der Auslöser von Weltkriegen gewesen, mit dem Wirtschaftsschub der durch Aufrüstung auch erst einmal entsteht.
Sind wir nicht 4 größter Waffenlieferant in der Welt???
Nun gut, keine Atomwaffen. Ich hoffe immer wieder, dass diese Atomwaffen nicht in Terroristenhände geraten. Das wäre das wahre Übel. Denn die reißen alles mit sich in den Tod. Länder würden das erst in höchster Not tun. Der Iran ist für mich keine Bedrohung, der fühlt sich garantiert auch sehr bedroht, nach dem Spielchen um Öl im Irak.
Die Russen können nicht Atomar abrüsten. Ich hörte vor kurzem, dass sie keine gute Armee haben, sondern nur Atomwaffen als Abschreckung.
Wenn der Mensch nicht langsam umdenkt und im fairen Handel und einer gerechten Welt, wo jeder sein auskommen hat, seine Zukunft sieht, wird sich nichts ändern.
Unterdrückte werden immer aufbegehren. Bedrohte werden sich immer verteidigen wollen.
Wenn da kein grundlegendes Umdenken stattfindet, sondern nur Raubteirkapitalismus, kann es sehr bedrohlich für die Menschheit werden.
Und wir Deutschen haben doch schon immer gut an Kriegen verdient. Was interessiert mich die Mutter von Krupp, oder dessen angeblicher Patriotismus mit Hitlerdeutschland. Das ist ein Witz! Der hat alle beliefert Freund und Feind. Deutsche und Alliierte!
Heute macht das u.a. Mercedes Benz und liefert Waffen überall hin. Anschließend ein kleines Benefiz für die Opfer. Wir waren schon immer zynisch.
Schön auch, wenn Frau Merkel ein Paket Waffen nach Israel schleppt, sogar in offizieller Mission.
Das sorgt sicher auch für ein entpanntes Verhältnis im Nahen Osten! Angela unser Friedensengel...wollte sie nicht schon im Irak ??? Fragt sie nicht immer verschärft nach dem Iran?????
Die Arroganz der neokonservativen Transatlantiker und ihrer journalistischen Speerträger, die derzeit die Kampagne gegen die überfällige nukleare Abrüstung betreiben, ist durchaus bemerkenswert.
Gestern noch lagen sie Bush und Rumsfeld zu Füßen und mögen heute nicht akzeptieren, dass in Washington Nüchternheit und Realitätssinn Einzug gehalten haben.
Obama in dieser Sache Traumtänzerei zu unterstellen ist so ziemlich der deplatzierteste Vorwurf, den man - nach genauerem Hinsehen - machen kann.
Die Betreiber dieser Kampagne würden es sicher nicht wagen, diesen Vowurf gegen die eigentlichen Urheber der Abrüstungsinitiative vorzubringen, da in diesem Fall jeder erkennen würde, dass er abwegig ist.
Die Initiative erfolgte nämlich von Henry Kissinger und anderen früheren US-Außenpolitikern, Schwergewichten ihres Metiers gegen die unsere arroganten Kommentatoren kleine journalistische Naseweise sind. Unterstützt wurde sie auch von Helmut Schmidt und Joschka Fischer, die ebenfalls einen etwas klareren Blick für die aussenpolitisch-strategischen Perspektiven haben, als die journalistischen Anhänger des Doktor Seltsam, der Aussicht auf den nuklearen Holocaust.
Die Anhänger des finalen Big-Bang, die sich offenbar vorwiegend in den Reihen der Luftwaffe, ihrer Think-Tanks und des zuliefernden militärisch-industriellen Komplexes befinden, konnten vermutlich ein Budget aus dem von Rumsfeld aufgebauten milliardenschweren Propagandaetat des Pentagon abgreifen, um mit dieser Kampagne Obama als Traumtänzer zu diffamieren, um die Umsätze der Nuklearindustrie auch in Zukunft zu sichern, unterstützt hierzulande u.a. von Ex-General Naumann und seinen wahnwitzigen Konzepten, nach denen die NATO nukleare Erstschläge vorzubereiten hat,
Bush sr. träumte noch vom "winnable nuclear war" gegen die strategischen Gegner der USA. Er und seine Anhänger sind die eigentlichen und wirklich gefährlichen Traumtänzer, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben.
Dass die SZ diesen Hazardeuren ihre Unterstützung gibt, ist bezeichnend für den traurigen moralischen Zustand, in dem sich unsere Presse befindet.
Auch die Urheber der Abrüstungsinitiative verdienen vor dem Hintergrund der von ihnen betriebenen Aussenpolitik keine Auszeichnung als Friedensengel.
Sie sind aber - im Gegensatz zu unseren neokonservativen Journalisten und Transatlantikern - immerhin realistisch genung, dass sie keine Begeisterung hegen für die Perspektive auf einen nuklear verseuchten und verwüsteten Planeten
Mag ja sein das Obamas Vision heute wie ein schöner Traum erscheint. In Zukunft, und hiermit meine ich die nächsten Jahrzehnte, ist Abrüstung zwingend notwendig. War im kalten Krieg die Lage noch sehr übersichtlich, wird sich das in den nächsten Jahrzehnten ändern. Es wird eine nur schwer zu kontrollierende Anzahl an atomwaffenbesitzenden Staaten sein. Das einzige was da hilft, ist die Lage wieder übersichtlicher zu machen. Und zwar durch Abrüstung. Obama als Traumtänzer oder Populist zu bezeichnen ist unsinnig. Es gibt keine Alternative!