Außenansicht Von Brecht lernen

Jürgen Wertheimer, 67, lehrt Internationale Literaturen an der Philosophischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen.

(Foto: OH)

Vielen Flüchtlingen geht es um Rückkehr, nicht um Integration. Darauf sollte die Politik sich einstellen.

Von Jürgen Wertheimer

Jüngst wurde ein junger Filmemacher aus Kosovo, Visar Morina, ("Babai") nach seinen großen Erfolgen auch und gerade in Deutschland gefragt (die derzeit obligatorische Frage), ob er sich nach langen Jahren in Lagern und auf Migration als Musterbeispiel einer "gelungenen Integration" betrachte. Er antwortete klugerweise: "Wenn ich Integration höre, habe ich immer den Eindruck, ich müsse mir ein Kostüm überziehen."

Präziser kann man die mögliche Wirklichkeit hinter dem Wort, dem Programm, der Konzeption "Integration" nicht beschreiben. Von Zeit zu Zeit geschieht es, dass sich Begriffe plötzlich mit brachialer Gewalt noch vorne drängen und mit breiten Schultern jeden Zweifel beiseiteschieben. Vor einigen Jahren geschah genau dies mit dem Begriff der "Inklusion", der gleichsam über Nacht zum Dogma wurde. Heute, im Angesicht der Flüchtlingskrise, steht der Begriff "Integration" genauso breitbeinig in der Landschaft und niemand wagt es, sich ihm in den Weg zu stellen. Wahrhaft kein neuer Begriff, seit Jahrzehnten als die abgeschwächte Variante der in Verruf geratenen "Assimilation" im Umlauf, hat er nun erst einen fulminanten Neustart hingelegt: Integrationsprogramme, Integrationsgesetze, Integrationskurse schießen förmlich aus dem Boden und, mehr noch, werden als Allheilmittel zur Linderung der drohenden Überfremdung feilgeboten.

Sieht man etwas genauer hin, beginnt die blendende Integrationsfassade freilich zu bröckeln, noch während man an ihr bastelt: Letztlich handelt es sich um ganz banale Sprachkurse, garniert mit ein wenig Basisinformation über unsere wichtigsten Werte - Mülltrennung, Sexualkunde , steigender Dax ... Aber darum soll es hier nicht gehen, obwohl das extrem flache Design dieser Kurse schon an sich ein Ärgernis darstellt. Schlimmer als die unfreiwillige Selbsterhöhung all dieser Aufklärungstechnokraten ist die Art und Weise, wie sie mit denen umgehen, um die sie sich zu kümmern vorgeben - nämlich wie mit unmündigen Kindern.

Man muss es sich vorstellen: Jemand quält sich 6000 Kilometer lang mit nichts als ein, zwei Plastiktüten, ein paar Tausend Dollar und einem Handy durch halbe Kontinente, passiert Durchgangslager, Hotspots, Grenzen; er versteht es, mit Schleppern, Grenzschützern, Schmugglern, Polizisten, Beamten und Konkurrenten so umzugehen, dass er weiterkommt, schließlich in Deutschland ankommt - um dann über alles Menschenmögliche belehrt und aufgeklärt zu werden.

Für viele Flüchtlinge ist Deutschland eine pragmatische Lösung, nicht das Traumland

Eine Flucht ist kein Spaziergang, und die da ankommen, sind mit allen Wassern gewaschen und jedem Alteingesessenen an Motiviertheit, Kundigkeit und Flexibilität überlegen. Ich meine das nicht als Vorwurf, sondern als Kompliment. Wie kann man bloß auf die Idee kommen, all diese Menschen hätten kein anderes Ziel als integrierter Bestandteil Deutschlands zu werden? Woher glaubt man zu wissen, dass Deutschland ihre einzige wahre Destination sei? Die Wirklichkeit sieht anders aus - wir sind ein mögliches Ausweichziel, nicht mehr und nicht weniger. Wie antwortete ein syrischer Migrant so trocken, dem, an der Grenze bei Idomeni festsitzend, ein Journalist die obligatorische Frage stellte, ob denn Deutschland sein Traumziel sei: Nein, eigentlich nicht, aber für Libanon habe er einfach keine Arbeitsgenehmigung bekommen.

Bisweilen ist es erhellend, sich noch einmal die Situation zu vergegenwärtigen, als Deutsche massenweise auf der Flucht waren und Asyl in allen möglichen Ländern suchten - etwa Menschen jüdischer Herkunft in den Dreißigerjahren, unter ihnen auch viele Schriftsteller. Und was sind Autoren anders als etwas sprachmächtigere Stellvertreter von uns allen? Manche wie Bert Brecht erfassten die Situation rasch und suchten das Weite. Andere, wie Nelly Sachs, konnten sich erst im letzten Moment dazu aufraffen. Wenn man die Biografien der deutschen Exilautoren durchgeht, fällt auf, dass viele auf ihr malträtiertes Vaterland fixiert blieben. Wie Bert Brecht, der immer wieder die Präsenz der Absenten beschwor: ". . . Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns aufnahm / Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen / Warten des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung / Jenseits der Grenze beobachtend . . ."

Ob Bert Brecht oder Helene Weigel, Thomas oder Heinrich Mann, Anna Seghers oder Hilde Domin, Hannah Arendt oder Ernst Bloch - sie alle warteten auf die Stunde der Rückkehr. Und auch wenn diese Rückkehr sich in vielen Fällen als problematisch oder enttäuschend erweisen sollte - sie war alternativlos. Für viele Millionen Geflohene. Ein Geflohener, Emigrierter nimmt, um das alte Wort aus Büchners "Danton" aufzugreifen, immer ein Stück Heimat an den Schuhsohlen mit. Im Zeitalter der Globalisierung und der Virtualität hat sich daran nichts geändert.

Erst wenn die auch noch so minimale Rückkehroption sich als Unmöglichkeit erweist, kann es - auch bei noch so verlockenden Angeboten der neuen, der Gastkultur - zur Katastrophe kommen: Der Suizid Stefan Zweigs in den ganz und gar nicht "traurigen Tropen" Brasiliens zeigt dies. Als ihm klar wurde, dass nichts von der Welt, deren Chronist er gewesen war, bleiben würde, setzte er seinem Leben ein Ende.

Nimmt man den Befund ernst, dass das Vergangene, die Erinnerungen, die gesamte bis zum Moment der Flucht - ob mit 20 oder 40 - gespeicherte Lebenswirklichkeit, konkreter Bestandteil der Realität bleibt, wird man sich nicht länger mit Integrationsprogrammen herumschlagen, die vielleicht zehn Prozent der Betroffenen berühren, sondern ganz andere Akzente setzen. Es geht im Wesentlichen darum, möglichst viele fit für die Rückkehr, eine Rückkehr ohne allzu viele Enttäuschungen, zu machen. Ihnen eine stabilisierende Übergangs- und Atempause zu gewähren, sie mental für die Aufgabe auszurüsten, ihr Land wieder zu besetzen, es in einen menschenwürdigen Zustand zurückzuverwandeln.

Integration hier jedenfalls ist Kapitulation vor den externen Problemen der Welt. In Zeiten globaler Verantwortung eine inadäquate Haltung. Nicht Ausweisung, Abschiebung oder Rückführung sind das Gebot der Stunde, sondern koordinierte Unterstützung beim Versuch, nach einiger Zeit in den Ländern der Herkunft wieder Fuß zu fassen. Wer hilft, die Geflohenen wieder zu stabilisieren, zu aktivieren und ein Stück weit zu begleiten, trägt automatisch dazu bei, auch die Fluchtursachen zu bekämpfen. Alles andere spielt nur den Terroristen und Despoten in die Hände, denn es bedeutet den Verzicht auf Widerstand wo er am Dringlichsten ist: daheim.