Außenansicht Unternehmen Kurie

Die katholische Kirche ist kein Konzern, trotzdem sollte sie von den großen Firmen lernen.

Von Thomas von Mitschke-Collande

Die Kurie und viele ihrer Mitarbeiter leisten einen beachtenswerten Dienst bei der Führung der katholischen Weltkirche. Und doch muss diese Kirche ihre Leitung umfassend erneuern - sie wird den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht. Skandale, Fehlentscheidungen und das Auftreten einiger ihrer führenden Mitglieder haben Glaubwürdigkeit und Reputation stark beschädigt. Drei Ziele müsste eine Kurienreform verfolgen: Sie sollte die Ortskirchen gegenüber der römischen Zentrale stärken, die Kurie muss organisatorisch leistungsfähig werden - und sie muss die verloren gegangene Glaubwürdigkeit und Legitimation wiedergewinnen.

Die Globalisierung bietet gerade der katholischen Kirche mit ihrer weltweiten Präsenz die Chance, eine funktionierende, pluralistische, globale Gemeinschaft zu werden, mit der notwendigen Einheit und der wünschenswerten Vielfalt. Doch dazu genügt es nicht, die bestehende Struktur der Kirchenspitze zu optimieren. Es braucht eine grundlegend neue Struktur; in sie ist zu integrieren, was sich bewährt hat. Am Ende dieser Reform sollte man als Katholik wieder mit Stolz auf den Vatikan und die Kurie blicken können.

Die katholische Kirche ist kein Unternehmen, die Weltkirche kein Weltkonzern. Trotzdem sind Analogien möglich zu erfolgreichen, globalen Unternehmen, die mit einer schlanken Führung viele Märkte in den unterschiedlichsten Regionen mit den unterschiedlichsten Anforderungen erfolgreich managen. Sie zeigen, wie eine Einheit in der Vielfalt erreicht werden kann.

Warum kann nicht eine Mutter mit drei Kindern das Sekretariat für die Laien leiten?

Das Führungsmodell einer Kirche ist zwangsläufig wertebasiert und nicht strukturbasiert. In den Management-Wissenschaften gilt der Satz "structure follows strategy". Auf die katholische Kirche übertragen hieße dies: Welches Kirchenmodell will die katholische Kirche leben? Sie könnte einen strengen Zentralismus anstreben oder einen losen Verbund unabhängiger Ortskirchen, der in Rom koordiniert wird. Beides wäre nicht richtig. Der radikale Zentralismus hat sich überlebt, doch die oberste Lehrautorität und Jurisdiktion des Papstes ist ein elementares Merkmal der katholischen Kirche. Anzustreben wäre vielmehr ein ausbalanciertes Verhältnis von Zentrale und Ortskirche, wobei gemäß dem Subsidiaritätsprinzip möglichst viele Kompetenzen an die Ortskirchen zu geben sind. Die Kurie sollte sich eher als Unterstützerin und Beraterin denn als oberste Kontrollbehörde verstehen.

Die Ortskirchen sind gegenwärtig vor allem durch die Bischofssynoden vertreten, die nur alle drei Jahre tagen. Sinnvoller wäre es, zusätzlich den jetzt bestehenden Kardinalsrat zu einem ständigen Beratungsgremium mit etwa 20 bis 30 Mitgliedern weiterzuentwickeln, dessen Mitglieder die Ortskirchen in Abstimmung mit dem Papst bestimmen. Das Gremium könnte zum Beispiel alle zwei Monate tagen.

Um eine funktionierende und transparente Entscheidungsstruktur zu erreichen, sollten die Kongregationen, päpstlichen Räte, Kommissionen und weitere Behörden neu geordnet werden. Sie sollten in zehn bis 15 auf gleicher Ebene stehende Sachgebiete und Ressorts zusammengefasst werden. Alle Einheiten, die Finanz-, Verwaltungs- und Servicecharakter inklusive der Aufsicht über die Vatikanbank haben, sollten in einem Ressort zusammengefasst werden. Es könnte von einem ausgewiesenen Verwaltungsfachmann geleitet werden, der kein Kleriker sein muss.

Dass die Leiter der Kongregationen aus theologischen Gründen Bischöfe sein müssen, ist eine Schutzbehauptung. Warum soll das neu geschaffene Wirtschafts- und Finanzsekretariat nicht von einer erfahrenen Investmentbankerin geleitet werden - oder das Sekretariat für die Laien von einer Frau, die drei Kinder großgezogen hat? Die Leiter dieser Ressorts und Sachbereiche sollten zu regelmäßigen gemeinsamen Sitzungen zusammenkommen und entsprechend einer vorgegebenen Tagesordnung Entscheidungen fällen oder Empfehlungen für den Papst erarbeiten. So entsteht ein System von Checks and Balances, das autoritäres Verhalten reduziert. Noch wichtiger ist der damit verbundene Mentalitätswandel: Aus der bisherigen Ressort-Verantwortung wird Kollegialverantwortung.

Es wäre auch die Personalauswahl und Personalführung zu erneuern. Bislang schien es oft wichtiger zu sein, den Vertreter einer bestimmten Ortskirche, eines Ordens oder innerkirchlichen Strömung zu berufen, als nach fachlicher Kompetenz zu entscheiden. Manchmal wäre es besser, keinen Kleriker auszuwählen, sondern einen qualifizierten Laien. Die Kurie braucht eine systematischen Entklerikalisierung - das Zweite Vatikanische Konzil hat die Position der Laien gestärkt, doch in der Leitung der Kirche spiegelt sich das nicht wider. Um der männlich dominierten Kultur entgegenzuwirken, sollten mehr Frauen in Führungspositionen berufen werden. Die Kommunikation im Vatikan ist auch noch zu oft geprägt durch falsch verstandenen Gehorsam, Hierarchiegläubigkeit und Angst. An ihre Stelle muss eine konstruktive Streit- und Diskussionskultur treten. Zu ihr gehört auch der loyale Widerspruch.

Das von Johannes Paul II. eingeführte Prinzip einer nur fünfjährigen Berufung in bestimmte Führungsfunktionen sollte ausgeweitet und konsequent angewendet werden. Im Idealfall folgt auf die Arbeit in Rom eine Tätigkeit im pastoralen Bereich in der Ortskirche. Nicht mehr eine erfolgreiche Karriere in der Kurie darf das Lebensziel sein, sondern der Dienst in der Weltkirche, bei der der Vatikan nur eine zeitlich begrenzte Station ist.

Gerade für eine wertebasierte Institution wie die katholische Kirche muss die Glaubwürdigkeit ihrer Leitungsorganisation von höchster Bedeutung sein. Hier sollte ein Verhaltenskodex für alle Mitarbeiter erstellt werden, der durch eine "Compliance Organization", wie sie jeder größere Konzern hat, weiterentwickelt und überwacht wird. Um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen, sollte sie direkt an den Papst berichten. Ein festgelegtes Compliance-Verfahren schafft klare Kriterien und einen eindeutigen Ablauf bei Regelverletzungen und damit Vertrauen. Themen solcher Verfahren könnten Vertraulichkeit sein, Unbestechlichkeit, untadelige Lebensführung, vertrauensvoller und kollegialer Umgang miteinander. Zu überdenken sind auch Statussymbole wie die Ausstattung der Büros und Wohnungen oder die genutzte Fahrzeugklasse. Insgesamt muss das Auftreten und Verhalten von Kurienmitarbeitern grundlegend überdacht werden.

"Falsch verstandene Tradition ist die Treue zur Asche", hat Papst Franziskus gesagt. Viel Asche ist wegzublasen, damit das Feuer des Glaubens wieder weithin sichtbar brennen kann.