Außenansicht "Sunnistan" - ein Irrweg

Nora Müller, 38, leitet den Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung.

(Foto: oh)

Die Gewalt im Nahen Osten lässt sich nicht dadurch beenden, dass Grenzen neu gezogen werden.

Von Nora Müller

Im Nahen Osten hat das Jahr 2016 düster begonnen, selbst nach den Maßstäben der Region: Saudi-Arabien und Iran steuern auf einen direkten Konflikt zu. Eine Lösung im Syrien-Krieg liegt in weiter Ferne. Die Terrormiliz IS ist in Bedrängnis, aber noch lange nicht besiegt. Ausgerechnet in diesem Jahr jährt sich nun zum hundertsten Mal der Abschluss des Sykes-Picot-Abkommens - benannt nach den beiden Diplomaten François Georges-Picot und Mark Sykes - mit dem die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien im und nach dem Ersten Weltkrieg aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs eine neue regionale Ordnung schufen, ohne Rücksicht auf ethnische, religiöse und kulturelle Zusammenhänge. Angesichts der Konflikte in Syrien und dem Irak zeigt diese Ordnung heute deutliche Zerfallserscheinungen; vielen Menschen gilt sie zudem als Inbegriff kolonialer Arroganz und als Wurzel aller Übel der Region. Sie eignet sich damit bestens als Projektionsfläche für Propaganda aller Art.

Höchste Zeit also, die überkommene Sykes-Picot-Ordnung mit ihren von den damaligen Großmächten Europas geschaffenen Staaten, darunter Syrien und der Irak, auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen und über neue, organische Grenzen im Nahen Osten nachzudenken?

Ja, finden die Anhänger der seit einiger Zeit durch die westlichen Hauptstädte geisternden Idee, einen unabhängigen sunnitischen Staat im Osten Syriens und den westlichen, mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinzen des Irak zu errichten. Auf den ersten Blick scheinen ihre Argumente einleuchtend: Die traditionellen Machtzentren der sunnitisch-arabischen Welt sind ins Wanken geraten. In Bagdad regieren seit dem Sturz Saddam Husseins schiitisch dominierte, Iran-freundliche Parteien, Kairo erholt sich nur langsam von den Folgen der revolutionären Umbrüche, und Damaskus versinkt in einem blutigen Bürgerkrieg.

Und der Westen? Er tut nichts, um der brutalen Gewalt der alawitischen Herrscher-Clique um Baschar al-Assad Einhalt zu gebieten, die sich vor allem gegen die sunnitische Bevölkerungsmehrheit Syriens richtet - so jedenfalls eine in der sunnitisch-arabischen Welt verbreitete Lesart. Die Sunniten des Nahen Ostens fühlen sich verraten und verkauft; in das Gefühl tiefer Verunsicherung mischt sich Wut, von der vor allem einer profitiert: der IS, in dem viele - wenn auch bei Weitem nicht alle - sunnitische Syrer und Iraker eine Mischung aus Heilsbringer und Schutzmacht gegen die Willkür schiitischer Milizen sehen. Wie also die Herzen und Hirne der Sunniten zurückgewinnen und sie für den Kampf gegen den IS mobilisieren? Indem man ihnen eine überzeugende Alternative zum IS-Kalifat bietet, und die - so der Kern der Argumentation - liegt in einem unabhängigen Sunnistan. "Schafft einen sunnitischen Staat, um den IS zu bekämpfen", mit dieser Forderung reihte sich zuletzt John Bolton, George W. Bushs ebenso umstrittener wie streitbarer UN-Botschafter, in die Riege der Sunnistan-Befürworter ein. Bolton ist heute für eine neokonservative Denkfabrik in Washington tätig.

Mit der Aufteilung des Irak und Syriens gäbe es einen gefährlichen Präzedenzfall

Eine Position muss nicht automatisch falsch sein, nur weil sie Zuspruch von einem Vordenker der Neocons erhält. Doch es gibt gewichtige andere Gründe, die sich gegen einen unabhängigen sunnitischen Staat ins Feld führen lassen. Wichtiger als der Verlauf von Grenzen ist für die Stabilität der Region, was innerhalb dieser Grenzen geschieht. Regime, die ihrer Bevölkerung gute Regierungsführung ebenso wie politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe systematisch verweigern, bergen das eigentliche Stabilitätsrisiko. Eine territoriale Neuaufteilung des Nahen Ostens würde daher keine Probleme lösen, sondern neue schaffen.

Die Lehnstuhl-Strategen, die neue Linien im Sand des Nahen Ostens ziehen wollen, vergessen, dass es heute - anders als 1916 - weder internationale noch regionale Kräfte gibt, die willens oder in der Lage wären, eine Neuordnung der Region durchzusetzen. Hinzu kommt: Die Sunniten im Ostteil Syriens und im Westen des Irak bilden keineswegs einen monolithischen Block mit einheitlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen und ohne jegliches Zugehörigkeitsgefühl zu ihren Heimatländern. Und ohne Zugang zum Meer und mit einer vom Krieg zerstörten Verkehrsinfrastruktur könnte ein neuer sunnitischer Staat wirtschaftlich kaum auf eigenen Füßen stehen. So wäre Sunnistan wohl eher ein failing state, in dem rivalisierende Milizen um Macht und Ressourcen kämpfen, als ein funktionierendes Staatswesen. Mehr noch: Von einem Sunnistan ginge die Botschaft aus, dass nur ethnisch und konfessionell homogene Staaten auf die Dauer stabil sind; das wäre Wasser auf die Mühlen derer, die konfessionellen Hass säen und das schon jetzt stark beschädigte Mosaik ethnischer und religiöser Vielfalt im Nahen Osten vollends zerstören wollen. Wer Sunnistan fordert, schickt sich an, die Büchse der Pandora zu öffnen. Denn wie ließe sich Abspaltungstendenzen in anderen Ländern Einhalt gebieten, hätte man einmal den Präzedenzfall in Syrien und im Irak geschaffen?

Solange keine neue tragfähige Ordnung für die Region in Sicht ist, wäre die Verschiebung bestehender Grenzen ein gefährliches Spiel. Stattdessen ist die internationale Gemeinschaft gut beraten, die politische Transformation mit langem Atem in den existierenden Staaten zu unterstützen. Auf lange Sicht ist dies vielleicht der beschwerlichste, mit Sicherheit aber der einzig Erfolg versprechende Weg zu nachhaltiger Stabilität. Bei der Suche nach Lösungen für die Konflikte der Region, vor allem für den syrischen Bürgerkrieg, sollten internationale wie regionale Kräfte versuchen, eine weitere Fragmentierung zu verhindern. Eine Balkanisierung des Nahen Ostens ist langfristig in niemandes Interesse. Klar ist, dass für Syrien und den Irak das Modell Zentralstaat ausgedient hat. Auch föderale Strukturen haben im Irak zu enttäuschenden Ergebnissen geführt - und sind möglicherweise doch das geringste aller Übel. Gilt das auch für das kurdische Unabhängigkeitsstreben, vor allem in der de facto unabhängigen Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak? Ja - zumindest vorläufig. Wie freundschaftlich die von den Kurdenführern in Erbil propagierte "Trennung in aller Freundschaft" tatsächlich verlaufen würde, lässt sich kaum vorhersagen - ebenso wenig wie die Signalwirkung auf die kurdischen Minderheiten in Iran, Syrien und der Türkei.

Die post-osmanische Ordnung, die französische und britische Diplomaten Anfang des 20. Jahrhunderts am grünen Tisch entwarfen, ist alles andere als perfekt - aber wohl bis auf Weiteres alternativlos.