Israelis und Palästinenser halten an ihren bösen Wunschträumen fest. Ihnen muss die Zwei-Staaten-Lösung abgenötigt werden.
Israel hat seit seiner Gründung 1948 sieben Kriege gegen seine arabischen und palästinensischen Nachbarn geführt, einschließlich des jetzigen in Gaza. Rechnet man die erste und die zweite Intifada der Palästinenser in den besetzten Gebieten noch hinzu, so waren es sogar neun Kriege. Militärisch hat der Staat Israel am Ende alle diese Kriege gewonnen oder zumindest nicht verloren. Was aber hat sich für Israel durch all diese Kriege seit seiner Gründung strategisch verändert? Die Antwort lautet: Nicht allzu viel. Denn strategisch ist die Ausgangslage im Kernkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern in den vergangenen 60 Jahren nahezu unverändert geblieben.
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Israelischer Panzer an der nördlichen Grenze zum Gaza-Streifen: "Wenn die Waffen schweigen und die Toten begraben sein werden, wird sich erneut und mit Macht die Frage nach einer politischen Lösung stellen." (© Foto: dpa)
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Der Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen von 1947, der das ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina zwischen den beiden Völkern aufteilte, wurde und wird bis heute - mal von der einen, dann wieder von der anderen Seite - immer noch nicht akzeptiert. Deswegen sterben bis auf den heutigen Tag Menschen auf beiden Seiten, wie jetzt erneut in Gaza.
Gewiss, Israel hat einen Kalten Frieden mit Ägypten und Jordanien geschlossen und auch mit einigen wenigen weiteren Ländern der Arabischen Liga diplomatische Beziehungen aufgenommen. Aber im Kern des Konflikts hat sich trotz Oslo und all der anderen Verträge und Vereinbarungen mit den Palästinensern nicht wirklich etwas verändert. Bis heute bleibt die zentrale Frage für beide Seiten unbeantwortet: Wo beginnt, wo endet Israel, wo Palästina?
Ohne einen Kompromiss über die Aufteilung des Territoriums zwischen Israel und den Palästinensern wird der Konflikt endlos weitergehen, denn er wird von beiden Seiten als existentiell angesehen. Alle Beteiligten wissen, dass dabei am Ende nur die Grenzen vom Juni 1967 für beide Seiten unter Schmerzen akzeptabel sein werden, unter Einschluss Jerusalems und eines verhandelten, kleineren Gebietsaustauschs. Alles andere bleiben böse Wunschträume, für die weiter Unschuldige ihr Leben werden lassen müssen. Weder wird Israel verschwinden, noch werden die Palästinenser die weiße Fahne hissen und gehen.
Obwohl dies nach all den Jahrzehnten des Konflikts mehr als klar ist, wurden und werden die Bedingungen für eine Zwei-Staaten-Lösung immer schlechter. Mehr als vier Jahrzehnte hat es gedauert, bis die PLO zu einer Anerkennung Israels bereit war. Aber mit dem Sieg der Hamas über die Fatah und Präsident Abbas sind die Palästinenser zurück auf Los gegangen, in das Jahr 1948. Denn die Hamas lehnt jeden Frieden mit Israel ab und ist maximal zu einem befristeten Waffenstillstand bereit. Zudem verfolgt sie als Teil der Muslimbruderschaft noch eine arabische Agenda und wird von Syrien und Iran unterstützt.
Und auf israelischer Seite wiegen 200.000 Siedler in der Westbank und der weitere Ausbau der Siedlungen mehr als alle hehren Worte über zwei Staaten. Zu Recht bestehen angesichts der von Israel geschaffenen Fakten am Boden ernste Zweifel, ob eine Zwei-Staaten-Lösung überhaupt noch durchsetzbar sein wird. Der Krieg in Gaza wird diesen negativen Trend noch massiv verstärken. Denn eines lässt sich jetzt schon mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen: Einen politischen Totalschäden auf palästinensischer Seite haben Präsident Abbas und die Fatah erlitten.
Deren Legitimationsverlust wird kaum noch auszugleichen sein. Und egal, was aus der Hamas militärisch wird, politisch hat sie mit dem Krieg in Gaza endgültig die Rolle der PLO als legitime Vertretung der Palästinenser übernommen. Damit aber ist die westliche Politik der Isolation und Schwächung der Hamas, wie sie seit deren Sieg 2006 in freien und geheimen Wahlen betrieben wurde, endgültig gescheitert.
Wenn die Waffen schweigen und die Toten begraben sein werden, wird sich erneut und mit Macht die Frage nach einer politischen Lösung stellen. Ein anfänglicher Waffenstillstand kann dank internationaler Vermittlung zu einem überwachten, langfristigen Waffenstillstand und zu Wiederaufbau in Gaza führen. Und dann? Sowohl Israel als auch der Westen werden die Frage des Umgangs mit der Hamas nicht mehr vertagen können. Denn mit Abbas und einer erneuerungsunfähigen Fatah wird keine ernsthafte Friedenslösung mehr möglich sein. Dazu sind diese zu schwach und zu delegitimiert.
Die Schlüsselfrage des Umgangs mit der Hamas wird dabei nicht einfach zu beantworten sein, da die Bewegung durch Verhandlungen aufgewertet wird und zugleich bei ihrer Position bleiben wird, Israel zu vernichten. Will man allerdings auch künftig auf Verhandlungen setzen, dann wird diese Frage zwingend entschieden werden müssen.
Oder aber man akzeptiert de facto die strategische These der Hamas, dass ein Frieden zwischen Israel und den Palästinensern nicht möglich ist und Friedensgespräche daher keinen Sinn machen. Dann wird man sich mit der Organisation eines Waffenstillstandes bis zur nächsten heißen Runde bescheiden müssen. Allerdings ginge damit die Zwei-Staaten-Lösung endgültig verloren, und Hamas hätte zwar militärisch verloren, politisch aber mehr als gewonnen.
Die Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung ist die Fortdauer des Konflikts und de facto die Realität einer Ein-Staaten-Lösung, in der eher früher als später die Palästinenser zwischen Jordangraben und Mittelmeer die Mehrheit bilden werden. Für Israel und die Palästinenser ist dies strategisch wie humanitär eine düstere, weil hoffnungslose Perspektive.
Will man dieses strategische Dilemma, in das sich beide Konfliktparteien hineinmanövriert haben, aufzulösen versuchen, dann wird dies nur von außen gehen: Erstens müssen die USA versuchen, Syrien und Iran in eine regionale Lösung einzubinden, die auch die Bedingungen für beide Konfliktparteien im Nahostkonflikt grundsätzlich verändern würde.
Und zweitens müsste den Konfliktparteien die Zwei-Staaten-Lösung von außen aufgezwungen werden. Dabei wird die Entschlossenheit der USA, ebenso wie die Geschlossenheit der wichtigsten internationalen Akteure, von entscheidender Bedeutung sein. Scheitert eine solche von außen aufgezwungene Lösung, so wird schon während der ersten Jahre Barack Obamas die gesamte Region in eine gefährliche Konfrontation hineinrutschen, die nicht auf Israel und die Palästinenser beschränkt bleiben wird.
Joschka Fischer (60, Grüne) war Bundesaußenminister und Vizekanzler von 1998 bis 2005. Er schreibt exklusiv für Project Syndicate und die Süddeutsche Zeitung.
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(SZ vom 27.01.2009/gba)
Müll an der Isar
In einem Beitrag fragte ich: Für Welche Werte steht Israel? Das zu vermitteln wäre ein mögliches Angebot an alle Menschen in der Region. Denn eines ist klar, wenn man einen Menschen fragt, was er sich wünscht, was er vom Leben erwartet oder erhofft, so werden die Antworten auf der ganzen Welt ähnlich ausfallen: Eine Frau / ein Mann, Familie, Kinder, ein gesichertes Auskommen, Natur, Kultur, Teilhabe, Einbindung in ein soziales Netz.
In einer gerade veröffentlichten Studie wurden die so genannten Opportunitätskosten (zB hier: wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3856&Alias=WZO&cob=393753¤tpage=0) seit 1991 auf 12 Billionen Dollar (9,24 Billionen Euro) hochgerechnet, wobei noch einige Faktoren fehlen, die kaum berechnet werden können.
Damit hätte (beinahe) jeder Mensch in der Region seinen Traum erfüllen können und es wäre auch noch Spielraum für Kompromisse geblieben.
Tatsächlich sind diese Mittel (oder auch Möglichkeiten) in Zerstörung investiert worden, haben sich die Psychen der Menschen in den Jahren an militärische Denkweisen, Zwänge und Logic angepasst. Widersprüche im Lebensverlauf müssen mit einer für den einzelnen Menschen auszuhaltenden Begründung gerechtfertigt sein: Wie erkläre ich mir, dass mein eigener Sohn ein spielendes Kind erschossen hat? Eine Israelin erklärte in einem Leserbrief (Haaretz) sinngemäß, es gebe gar keinen Bettenmangel in den Krankenhäusern in Gaza, es seien dort jedemenge freie Betten-eine Leugnung zum Schutz der psychischen Stabilität. Weitere Sinnstiftungen verbreiten die polititschen Akteure auf beiden Seiten durch gebetsmühlenartige Wiederholungen der immergleichen Mythen und Vorwürfe.
Ein Frieden kann es nur durch klare Benennung und Dokumentation von Tatsachen geben. Behauptungen müssen hinterfragt werden, Interessen dargelegt werden und Mythen entlarft. Militärische Abrüstung ist unumgänglich, verbunden mit einer internationalen Kontrolle.
Versteh ich Sie richtig - Weil einige jüdische Attentäter in den 40er Jahren unkontrollierte Gewalt gegen Araber und Briten verübt haben, darf Hamas heute ebenfalls unkontrollierte Gewalt gegen israelische Zivilisten anwenden?
Oder wie jetzt? Wenn es nicht legitim ist, wieso dann "verständlich"?
Entweder man fordert von beiden Seiten die Einhaltung des Kriegsvölkerrechts (meine Meinung), oder eben nicht. Dann kann man aber auch nicht an Israel andere Maßstäbe anlegen als an die Palästinenser.
Und wieso "Besatzer"? Aus Gaza hat sich Israel doch zurückgezogen. Danach hagelte es Raketen und Mörsergranaten. Land gegen Frieden scheint bei Hamas ja nicht so zu ziehen.
Oder meinten Sie mit "Besatzer" dass die Existenz Israels an sich ein illegaler Akt ist? Dann erübrigt sich ja ohnehin jede weitere Diskussion.
Der Knackpunkt ist, dass die Hamas bzw. die Araber Israel nur in den Grenzen von 1967 anerkennen wollen - warum nicht generell ?
Ganz einfach: Mit dem Teilungsplan 1947/48 hätten die Araber mehr Land bekommen als sie heute haben - und auch mehr, als sie bei einem Israel in den Grenzen von 1967 hätten.
1948 dachten die Araber aber, dass sie Israel mit Gewalt ganz verhindern und alles Land selbst haben könnten. Das ging bekanntlich völlig daneben. Inzwischen, nach 4 verlorenen Kriegen (1948/1956/1967 und 1973), versuchen Sie, ihre Anerkennung Israels mit einer Bedingung zu verknüpfen, die ihnen weit mehr zugesteht, als sie selbst mittels Gewalt jemals erreicht haben.
Ich kann gut verstehen, dass Israel sich darauf nicht einläßt.
"Dass Israel sich gegen Raketenbeschuss und Attentate verteidigt, ist wohl verständlich, über die Form mag man sich streiten."
Für mich ist das nicht so wahnsinig verständlich, dass ein Besatzer ein Selbstverteidigungsrecht haben soll. Warum? Ein Besatzer darf bekämpft werden. Dass der Widerstand der Palästinenser auch nicht legitime Züge annimt, ist natürlich ein berechtigter Kritikpunkt, aber man muss auch berücksichtigen, dass Israel von Anfang an Terror gegen Zivilisten (sowohl britische als auch palästiensische) für sich als legitimes Mittel betrachtete und auch benutzte. Beispielsweise indem man Bombe in Milchkannen versteckt ,auf arabischen Märkten plazierte und damit dutzende Einkäufer tötete (http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/History/defense.html). Dass man sich gegen einen derartigen Gegener auch nicht-legal zur Wehr setzt ist zwar trotz allem nicht rechtmässig aber in gewisser Weise auch verständlich.
@Schnolfi - wenn Sie es so formulieren, bin ich einverstanden.
@Gersti - mir ging es nicht um ein gegenseitiges Aufrechnen von Toten, die israelische Armee sollte auch meiner Meinung nach den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit mehr beachten. Andererseits ist es natürlich ein Grundproblem der islamistischen Kriegsführung, dass sie ihre eigene Bevölkerung als Geiseln nehmen. Wenn ich in einer Moschee neben 2 Hochhäusern ein Waffenlager errichte, verstoße ich wohl genauso gegen das Kriegsrecht wie der, der die Moschee dann in die Luft jagt und dabei genau weiß, dass dutzende Zivilisten ums Leben kommen werden.
Egal, ich wollte eigentlich auf was anderes hinaus: Wieviele Deutsche sind in den letzten 10 Jahren von Afghanen getötet worden? Dass Israel sich gegen Raketenbeschuss und Attentate verteidigt, ist wohl verständlich, über die Form mag man sich streiten.
Was haben wir in Afghanistan zu suchen? Und warum regt sich darüber keiner auf, während Israel-Bashing zum guten Ton gehört? Warum hat keiner tolle Lösungsvorschläge für Darfur, Kongo, Sri Lanka?
Der Grund dafür ist meiner Meinung nach eben im immer noch vorhandenen antisemitischen Reflex zu suchen. Wenn israelische Soldaten an einer Straßensperre durchdrehen und 4 Palästinenser töten, sind sie böse Besatzer - wenn deutsche Soldaten in Afghanistan die Nerven verlieren und 3 Afghanen töten, ist es ein bedauerliches Versehen.
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