Krieg in Syrien Putins Plan

Eine Welt, in der Staaten danach trachteten, die UN zu umgehen, so Putin, werde "immer stärker vom Diktieren und weniger von Gleichberechtigung" geprägt sein.

(Foto: dpa)

Russlands Eingreifen in Syrien wird Diktator Assad nicht retten. Trotzdem kann es die Gewichte verschieben - zum Nachteil des Westens.

Gastbeitrag von Bente Scheller

Als Fan des Völkerrechts und seiner Institutionen gab sich der russische Präsident Wladimir Putin bei seiner jüngsten Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen, bei der er zur Gründung einer Koalition gegen den "Islamischen Staat" aufrief, die auch Russland und das syrische Regime einschließen sollte. Eine Welt, in der Staaten danach trachteten, die UN zu umgehen, so Putin, werde "immer stärker vom Diktieren und weniger von Gleichberechtigung" geprägt sein.

Bevor die westlichen Staaten dazu kamen, die so beworbene Koalition zu diskutieren, ließ die Eile der russischen Luftschläge in Syrien den Vorschlag bereits zur Makulatur werden. Russland bemühte sich noch nicht einmal, den Anschein zu wahren, sein Engagement richte sich gegen Terroristen. Die Luftangriffe konzentrierten sich auf Rebellen und Zivilisten fernab der vom IS kontrollierten Gebiete. Genau so war es offensichtlich geplant, hatten doch auch die vorherigen Überflüge russischer Drohnen lediglich diese Gegenden ausgekundschaftet.

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Es mangelt an Bodentruppen

Luftschläge mögen helfen, die Opposition aus bestimmten Gegenden zu verdrängen - doch um größere Teile des Landes wieder unter Kontrolle zu bringen, bräuchte das syrische Regime Bodentruppen. Genau an denen mangelt es ihm. Nach viereinhalb Jahren ist die syrische Armee so geschrumpft, dass lokale Milizen und ausländischen Kämpfer von der Hisbollah, aus Iran, dem Irak oder Afghanistan die Fronten halten. In den Regime-Gebieten leben immer weniger Männer, und diese haben angesichts der Verluste des Regimes wenig Ansporn, sich in einem immer aussichtsloser erscheinenden Krieg verheizen zu lassen. Zwangsrekrutierungen machen das Regime zudem unter der eigenen Klientel immer unpopulärer.

Bodentruppen zu schicken jedoch wird auch Putin kaum gewillt sein. Unübersehbar ist die russische Intervention eine Machtdemonstration auf internationaler Ebene. US-Präsident Obama hat bekundet, dass er eine Konfrontation mit Russland in Syrien auf jeden Fall vermeiden wolle. Auch wenn er und andere westliche Staaten sich nicht auf eine Koalition unter russischer Führung einlassen werden: ein Arrangement, bei dem der Westen dem russischen Vorgehen nichts als ein paar kritische Worte entgegensetzt, reicht bereits, um Russland zu bestärken - und um das westliche Scheitern in Syrien umso deutlicher zutage treten zu lassen. In beiden Fällen geht Putins Rechnung auf.

Die Luftangriffe richten sich nämlich genau gegen jene, die der Westen als Partner dringend bräuchte. Jenseits der Kurdengebiete sind die Rebellen derzeit die einzigen, die den IS daran hindern, noch weiter vorzudringen. Die syrische Armee hat vorsorglich Panzer, Raketenwerfer und andere schwere Waffen aus Sweida und Salamiya zurückgezogen, den letzten Städten vor der Front zum IS.

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