Außenansicht Heraus aus der Trauerecke

Sergey Lagodinsky, 39, lebt als Jurist und Publizist in Berlin. Er wurde in Astrachan, Russland, geboren und kam 1993 als jüdischer Zuwanderer nach Deutschland.

(Foto: Privat)

Sehr persönliche Anmerkungen zum Streit um "Stolpersteine" in München.

Von Sergey Lagodinsky

Dass Meyer und Rosa Katz bei mir um die Ecke gewohnt hatten, erfuhr ich erst, als ich auf ihre Namen getreten bin. Rosa war 1885 in Berlin geboren, Meyer war einen Tick jünger und kam aus Wilna im Russischen Reich. Ich bin gerade in die verschlafene Friedrichshainer Ecke gezogen und war auf dem Weg zum Edeka. Plötzlich entdeckte ich die Namen auf dem Stolperstein.

Was für eine Entdeckung! Ich sah meine Gegend plötzlich mit anderen Augen. Sie erzählte mir Geschichten vom Leben, von der Liebe und letztendlich vom Tod und von der Leere. Ich versuchte mir, Rosa und Meyer in meiner Straße vorzustellen. Wie sahen sie aus? Hatten sie Kinder, die es geschafft hatten wegzuziehen? Und was für einen Schmerz mussten sie empfunden haben, als sie am 3. März 1943 diese Straße verließen, um nach Auschwitz abtransportiert zu werden? Unter den Blicken ihrer Nachbarn, die aus diesen Fenstern auf diese Straße schauten. Und noch eine Frage gab mir keine Ruhe: Hielten sie, Meyer und Rosa, sich damals an den Händen, als sie die Tür zu ihrer Wohnung für immer verschlossen?

Meine Straße und meine Gegend sind für mich seitdem nicht mehr wie früher. Der DDR-Charme ist verflogen. Ich suche nach dem Jüdischen und nach dem Nationalsozialistischen. Die schnell voranschreitende Gentrifizierung bringt da wenig: Unter den spanisch- und englischsprachigen Neuberlinern suche ich immer wieder nach den Silhouetten von Meyer und Rosa, die gemeinsam die Straße entlanggehen müssten. Und so wirkt die Straße nicht mehr postsozialistisch oder gentrifiziert, sondern mal bedrohlich nationalsozialistisch, mal melancholisch jüdisch. Der Stolperstein war nur eine Zündung, die Gedenkstätte ist in meinem Kopf.

Der Stolperstein rüttelt mich auf. In meinem Versuch, mir die spärlich beschriebenen Nachbarn vorzustellen, will ich mehr wissen. Zunächst bekomme ich Zweifel: Wurden die beiden tatsächlich direkt nach Auschwitz transportiert? Sind nicht viele Berliner Juden erst in eines der Ghettos Osteuropas verfrachtet worden? Ich suche im Internet: "Berlin, Juden, Abtransporte". In der nächsten Sekunde stele ich fest, 61 sogenannte Osttransporte" brachten 35 000 Berliner Juden in die Vernichtung. Weitere 123 Transporte fuhren nach Theresienstadt, dort überlebten nur elf Prozent. Von 66 000 Juden, die in Berlin zu Beginn des Krieges lebten, überlebten nur 7000. Ich gehe die Liste der Transporte durch. Der erste Zug fuhr im Oktober 1941 von Grunewald nach Lodz, danach fuhren viele nach Minsk und Riga, von Juli 1942 an auch direkt nach Auschwitz. Unter Nummer 33 finde ich den Zug, der Berlin-Moabit am 3. März 1943 verlassen hat. Rosa und Meyer Katz wurden also an diesem Tag mit 1724 weiteren tatsächlich direkt nach Auschwitz gebracht. Sie müssen den Bahnhof in Auschwitz-Birkenau einen Tag später erreicht haben. All das ergibt die akribisch geführte Transportliste der Nazis. Ich tippe ihre Namen in die Datenbank für Schoah-Opfer des israelischen Museums Yad Vashem ein. Dort erscheinen alleine elf Berliner mit dem Namen Rosa Katz. Eine von ihnen ist Rosa aus Friedrichshain, die als Rosa Arndt geboren wurde. Ihr Todestag ist ungeklärt. Bei ihrem Mann ist es anders: Er starb am 28. April 1943.

Nur 56 Tage lagen zwischen meiner Straße in Berlin-Friedrichshain und der Gaskammer in Auschwitz. Ich erfahre auch, dass Meyer Katz mit dem zweiten Vornamen Max hieß. Aus unerfindlichen Gründen freue ich mich über diesen neuen Fund, wie ein Nachfahre, der ein Stück mehr über seine Familie entdeckt. Ich will wissen, wie sie aussahen, was sie arbeiteten, ich suche nach Bildern im Archiv des Holocaust-Museums in Washington, ich suche überall. Ich finde nichts mehr. Mir verbleibt nur der Stolperstein in meiner Straße. Und das Gefühl, meine Gegend von nun an, mit zwei Schatten zu teilen.

Unglaublich, was eine kleine Messingplatte auslösen kann. Alle reden davon, dass wir gerade für die junge Generation nach Anschlusspunkten zur Erinnerung an die grausame deutsche Geschichte suchen sollten. Es wird bemängelt, dass die Geschichte der Verbrechen der Deutschen ihre eigene neue Generation - ob deutschstämmig oder migrantisch - nicht mehr erreicht. Wieso sollen sie sich auch betroffen fühlen - für die einen sei diese Geschichte zu weit weg, für die anderen zu fremd, lautet die übliche Unterstellung.

Doch diese Unterstellung greift zu kurz. So als ob sich Interesse und Betroffenheit nur über die eigene Biografie oder über Familiengeschichten herstellen ließen. Dabei ist die Sache viel einfacher: Die Bezüge sind unsere Straßen, unsere Wohnungen und Arbeitsstätten. Viele von uns leben in Häusern, die jüdischen Menschen gehörten, wir schlafen in Zimmern, in denen ihre Kinder geschlafen haben, wir machen die Türe auf, die sie geschlossen haben, wir betreten die Pflastersteine, die sie betraten, als sie zur Arbeit oder zur Schule gingen. Oder zur Sammelstelle für die Transporte nach Auschwitz.

Wer sagt, dass Erinnerung immer nur Trauer-"Arbeit" sein muss?

Wir leben auf einem jüdischen Friedhof und es reicht nicht, auf diesem Friedhof eine Trauerecke zu demarkieren, auch wenn diese die Größe eines Fußballstadions hat. So wie das jüdische Leben früher und der jüdische Tod danach, so ist auch die Geschichte darüber in Deutschland überall. Sie füllt unsere Städte und bedeckt unseren Boden. Die Stolpersteine sind die Merkposten dafür. Sie sind unsere Trauer, unser schlechtes Gewissen und sie sind die letzten Erinnerungen an das, was Deutschland früher war. Im Guten wie im Schlechten.

Wer sagt, dass Erinnerung hart erarbeitet werden muss? Wer sagt, dass es immer Trauer-"Arbeit" sein muss? Reicht nicht manchmal ein Blick, ein Stein, eine Berührung? Und muss diese Berührung mit der Hand sein? Wer sagt, dass wir Geschichte nicht treten, nicht auf ihr laufen, nicht uns auf sie stützen dürfen? Auf jüdische Namen treten? Ich trete nicht auf die Messingpaletten, ich stolpere über sie. Ich schaue sie an und ich weiß, ich bin nicht der Erste hier. Wir sind nicht die Ersten hier und wahrscheinlich sind wir auch nicht die richtigen. Eigentlich gehören wir nicht hierher, weil wir dort wohnen, wo Meyer und Rosa Katz gewohnt hatten, eher sie abtransportiert wurden. Wir laufen auf demselben Boden. Wenn wir nicht auf jüdische Opfer treten dürften, müssten wir alle fliegen: Der deutsche Boden ist mit jüdischen Namen übersät.

Diese Geschichte gehört zum Bild unserer Städte. Sie gehört aber nicht in die Ghettos der Gedenkstätten, sondern überall hin, weil Juden, bevor sie in die Ghettos und KZs gedrängt wurden, auch überall lebten. Wie Meyer und Rosa in Friedrichshain. Jetzt gibt es dort ihre Namen.