Außenansicht Die Jungen kommen

Demografie ist eine wichtige und häufig übersehene Ursache von Flucht und Migration.

Von Almut Wieland-Karimi

Die deutsche Gesellschaft ist eine der ältesten weltweit. Mit einem mittleren Alter von 46 Jahren liegen wir nur knapp hinter Japan auf dem zweiten Platz. Das mittlere Alter der Zuwanderer der vergangenen Jahre dagegen liegt einer neuen Studie zufolge bei 25 Jahren. Eine beachtliche Differenz. Flucht und Migration hängen oft damit zusammen, dass die Gesellschaften der Herkunftsländer so jung sind. Dieser Zusammenhang wird in Deutschland häufig übersehen.

Youth bulge ist der Fachbegriff für diesen "Jugendüberhang". Gemeint ist ein sehr hoher Anteil Jugendlicher (15-24 Jahre) an der Gesamtbevölkerung eines Landes. Diese Ausbuchtung (bulge) entsteht, wenn weniger entwickelte Länder erfolgreich ihre Kindersterblichkeitsraten senken, die Geburtenraten aber weiter hoch bleiben. Eine solche Wölbung gibt es in Deutschland vor allem bei der Generation der sogenannten Babyboomer - also jenen, die heute über 50 Jahre alt sind. Bei den Jüngeren gehen die Zahlen dramatisch zurück. Während eine Frau in Deutschland heute durchschnittlich 1,39 Kinder zur Welt bringt, sind es in Niger - dem Land mit der jüngsten Bevölkerung der Erde - durchschnittlich 7,63.

Ökonomische Ungerechtigkeit und Ungleichverteilung in Verbindung mit dem großen Jugendüberhang lösen Flucht und Migration aus. Nur ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über 50 Prozent des Welteinkommens. Von der Ressourcenausbeutung profitiert nur eine kleine Elite, der Klimawandel zerstört Lebensgrundlagen, und große Teile der Entwicklungshilfe erreichen nicht jene, die sie erreichen sollen.

Konfliktanfälligkeit und Jugend hängen eng miteinander zusammen: Zwischen 1970 und 2007 fanden 80 Prozent aller gewaltsamen Konflikte in Ländern statt, in denen 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre waren. Impulsgeber für und Träger von Konflikten ist die immer weiter wachsende junge Generation, die besser ausgebildet als ihre Eltern und gleichzeitig unterbeschäftigt ist. Dies geht einher mit Landflucht, mit dem Wachstum der Städte und der Erschließung neuer Lebensräume, wie in den Golfstaaten.

Ein junger Mann aus Bangladesch beschrieb mir kürzlich in Oman, dass der Bauboom, die Entstehung eines neuen Tourismuszentrums und die Hoffnung auf ein neues Leben, Tausende junger Südasiaten anziehe. Sie erschlössen sich "neue Siedlungsräume" und wollten der Korruption und Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat entfliehen. Der junge Mann wäre lieber nach Deutschland gekommen, das Geld für die Schlepper reichte jedoch nicht.

Demografie und Wirtschaft sind also entscheidend für Flucht und Migration. Gesellschaften, in denen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren alt und diese zu 90 Prozent arbeitslos oder im informellen Sektor beschäftigt sind, fehlt eine nachhaltige sozio-ökonomische Grundlage. Auch ist die Ungerechtigkeit so eklatant, dass die traditionellen sozialen und religiösen Identitäten nicht mehr tragen - und vermeintliche Heilsbringer, wie der "Islamische Staat", die diese Themen aufgreifen, insbesondere für junge Männer attraktiv werden. Hier ist allerdings Differenzierung angesagt: Die Mehrheit der jungen Männer wird nicht zu Extremisten.

Die Diskussion über die vielen zu uns kommenden Menschen enthielt lange Zeit eine Unschärfe. Jene, die von Krieg und Gewalt bedroht werden oder wegen ihrer Ethnizität, Religion oder politischen Überzeugung verfolgt werden, haben nach der Genfer Flüchtlingskonvention und dem Grundgesetz Rechtsanspruch auf Schutz oder Asyl. In Ermangelung einer Einwanderungspolitik nutzen jedoch auch Migranten diese Brücke, um in Europa oder Deutschland bleiben zu können. Sie brauchen Ausbildung und Arbeit, nicht Asyl. Eine genaue Trennlinie fehlt: Es gibt Menschen aus Kriegsländern, die nicht unmittelbar vom Konflikt bedroht sind, aber unbedingt arbeiten müssen, um den Rest der Familie im Kriegsland zu ernähren. Und es gibt Menschen aus Osteuropa, augenscheinlich aus Demokratien, die schwer diskriminiert werden. Insgesamt sind die Hintergründe der zu uns Kommenden sehr heterogen - einig sind sich fast alle in dem Wunsch, arbeiten zu wollen.

Gewiss, die Flüchtlinge und Zuwanderer bringen auch politische Meinungen und Weltanschauungen mit, die uns nicht gefallen werden. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir bereits derartige Erfahrungen gemacht. Zudem bringen sie die Heterogenität ihrer Herkunftsländer mit. Dem werden wir uns stellen müssen. Dies gilt genauso für Pegida mit ihrer mitunter populistischen und auf gefährlichem Halbwissen basierenden Stimmungsmache.

Neueste demografische Hochrechnungen lassen erahnen, dass uns das Thema Flüchtlinge und Einwanderung nicht nur im Jahr 2015 beschäftigen, sondern dass es eher zu einer Konstante wird. Bis zum Jahr 2100 werden sich in mehr als 30 Ländern - größtenteils in Sub-Sahara-Afrika - die Bevölkerungszahlen höchstwahrscheinlich verdreifachen.

Wir haben also nicht nur die aktuelle Situation zu bewältigen. Es gilt auch, mittel- und langfristig eine vorausschauende, präventive Außen- und Entwicklungspolitik zu gestalten. Die Jugend ist das größte Kapital in den Gesellschaften des globalen Südens. Wir müssen mehr auf die Bedürfnisse der nichtprivilegierten Jugendlichen jenseits der Elitezirkel eingehen. Bildung, politische Partizipation und zivilgesellschaftliches Engagement, Gesundheitsvorsorge und Berufsausbildung sind die Ansatzpunkte, um jungen Leuten in ihrer Heimat Perspektiven zu geben. Schon der Weltentwicklungsbericht der Weltbank von 2007 hat auf diesen engen Zusammenhang hingewiesen.

Die Politik in Brüssel, Berlin und auf Länderebene sollte ihre Partnerschaften mit der Wirtschaft verstärken und auch neue, legale Wege der Arbeitsmigration ermöglichen. Dies wäre im Sinne des langfristigen Eigeninteresses aller Beteiligten. Gewinner einer solchen Partnerschaft wären zum Beispiel wir Babyboomer, deren Versorgung im Rentenalter nur von einer ausreichenden Anzahl gut verdienender Beitragszahler gewährleistet werden kann. Ein weiterer Gewinner wäre die deutsche Wirtschaft, für deren zukünftige Konkurrenzfähigkeit gut ausgebildete und interkulturell kompetente Arbeitnehmer eine Voraussetzung sind. Gewinner wären auch jene Menschen aus Krisenregionen, denen wir so eine sichere Zukunftsperspektive bieten können. Nicht zuletzt gewinnen die Ursprungsländer: Ein gezielterer Einsatz von Entwicklungshilfe und die Heimatüberweisungen werden dazu beitragen, deren Wirtschaftslage zu verbessern.