Außenansicht Der Wert des Waldes

Christian Friis Bach, 60, ist Exekutivdirektor der UN-Wirtschaftskommission für Europa.

(Foto: Keld Navntoft/dpa)

Alte Fehler im Umgang mit Ökosystemen werden immer wieder neu begangen. Meist geschieht das aus Unwissen.

Von Christian Friis Bach

An unseren Wäldern können wir uns jederzeit kostenlos erfreuen. Trotzdem würden die meisten zustimmen, dass der Wald und die Leistungen, die er erbringt, einen enormen Wert haben. Dieser Wert ist mehr ein subjektives Empfinden als eine konkrete Zahl - und genau aus diesem Grund wird er bei wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen nur allzu häufig ignoriert.

Das Ökosystem Wald erbringt viele Leistungen, von denen alle profitieren. So produzieren die Blätter Sauerstoff, filtrieren die Böden das Regenwasser und bietet der Wald insgesamt eine Heimat für Pflanzen und Tiere. Diese Leistungen werden als Ökosystem-Dienstleistungen bezeichnet. Es ist schwer, ihnen einen Geldbetrag zuzuordnen. Trotzdem ist die monetäre Zurechnung ein Weg, um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, wenn ein Ökosystem zum Beispiel Baumaßnahmen zum Opfer fällt.

Jüngste Untersuchungen bemessen den Wert der von Wäldern erbrachten Leistungen auf 16,2 Billionen Dollar im Jahr, den der Feuchtgebiete auf 26,4 Billionen Dollar. Zusammen ist dies mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Man könnte denken, die Zahlen repräsentierten vor allem den Wert der Holzressourcen. Was jedoch viel wertvoller ist, sind die Ökosystem-Dienstleistungen der Wälder.

Ein verbesserter Wertmaßstab könnte politische Entscheidungen und nachhaltiges Management erleichtern. Das soll nicht bedeuten, dass jeder Zweig im Wald und jedes Tröpfchen Wasser mit einem Preisschild versehen werden, vielmehr soll das Bewusstsein bezüglich der mehrdimensionalen Werte gefördert werden.

Aus einer globalen Perspektive ist laut "Earth Index" die Erneuerung von Süßwasserreserven die wertvollste vom Ökosystem erbrachte Dienstleistung. Der Wasserkreislauf beginnt mit der Verdunstung von Wasser. Das verdunstete Wasser steigt in die Atmosphäre auf und wird in Wolken und Nebel transportiert, bevor es in Form von Regen, Schnee oder Hagel wieder auf der Erde ankommt. Dieser Zyklus ist stark von der Funktionstüchtigkeit von Wäldern geprägt. Der Waldboden dient als natürliche Filteranlage für Wasser sowie zusammen mit der Vegetation als Speicher. Regen trifft meist nicht direkt auf den Waldboden, sondern erst auf den Baumkronen auf. Das verringert den Aufprall und somit auch das Risiko, dass Boden weggeschwemmt wird. Unkontrollierte Abholzung kann erhebliche negative Auswirkungen auf den Wasserhaushalt haben und zu Überschwemmungen, Hochwassern und Schlammlawinen führen.

Das Ökosystem Wald erbringt Leistungen, die in keiner Bilanz auftauchen

Gesunde Waldökosysteme und Feuchtgebiete sind von wesentlicher Bedeutung für die Grundwasserbildung. Feuchtgebiete liegen im Übergangsbereich zwischen permanent feuchten und ständig trockenen Ökosystemen. Sie sind vielschichtig und produktiv und werden besonders durch den Abbau und die Umwandlung in andere Nutzungsformen bedroht. Der weltweite Rückgang von Feuchtgebieten zwischen 1997 und 2011 lag schätzungsweise bei 142 Millionen Hektar, also dem Vierfachen der Grundfläche Deutschlands für einen Preis von 9,9 Billionen Dollar pro Jahr, was dem 2,6-Fachen des deutschen BIP des vergangenen Jahres entspricht! Es ist demnach dringend notwendig sicherzustellen, dass die Ökosysteme Dienstleistungen erbringen können und nicht zum Vorteil kurzfristiger Gewinne zerstört werden. Für Verluste, die jemand erleidet, wenn er Ökosysteme schont, könnte er auch entschädigt werden. Das würde ihn davon abhalten, auf Kosten der Allgemeinheit zu handeln und ihn zugleich anregen, das öffentliche Interesse zu berücksichtigen.

Die mangelnde Rücksicht auf die Ökosystem-Dienstleistungen hat im vergangenen Jahrhundert in vielen Ländern zu Fehlentscheidungen geführt. In Deutschland hat die Begradigung von Flüssen und die Beseitigung von Ufer- und Flussvegetation am Rhein, der Elbe, der Donau, der Emscher oder der Isar für Schifffahrt und Wasserkraftwerke zur Zerstörung von Ökosystemen und starker Umweltbelastung geführt. Die Baumaßnahmen schufen neue Probleme, mehr Überschwemmungen, mehr Umweltverschmutzung und den Verlust der biologischen Vielfalt.

Heutzutage werden viele Sanierungsprojekte eingeleitet, um diese negativen Effekte umzukehren. Für viel Geld werden einstmals begradigte Flussläufe renaturiert, neue Überschwemmungsflächen, Vegetationspufferzonen und Fischtreppen geschaffen - man will also dem Ursprungszustand wieder näherkommen. Die Wirkung solcher Projekte ist oft erst Jahrzehnte später sichtbar, wenn das Ökosystem Zeit hatte, sich anzupassen. Viele dieser Projekte gelten schon heute als großer Erfolg, wie die Renaturierung der Isar. Dort können die Bewohner heute attraktive Erholungsstätten genießen, an denen Flora und Fauna zu genesen beginnen und deren Entstehung auch noch ein gutes Beispiel für Bürgerbeteiligung ist. Dies zeigt, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und alle uns zur Verfügung stehenden Mittel nutzen müssen, um über den Wert unserer Ökosysteme aufzuklären.

In vielen Regionen der Welt werden einstige Fehler wiederholt und Ökosysteme weiterhin ohne Rücksicht auf langfristige Folgen zerstört und erschöpft. Dies ist der Grund, warum es besonders wichtig ist, um Ursache und Wirkung solcher Aktivitäten zu wissen, die breite Folgen für unsere Ökosysteme haben. Gerade Bäume, Tiere, Boden-, Wasser-, und Ernährungskreisläufe sind betroffen. Wir verlieren somit nicht nur einzelne Arten, sondern auch die ganze Reihe von Dienstleistungen, die ein intaktes Ökosystem zur Verfügung stellen kann.

Im Rahmen der 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung hat sich die internationale Gemeinschaft das Ziel gesetzt, "Land- und Binnensüßwasser-Ökosysteme und ihrer Dienstleistungen, insbesondere der Wälder, der Feuchtgebiete, der Berge und der Trockengebiete zu erhalten, wiederherzustellen und eine nachhaltige Nutzung zu gewährleisten". Ein besseres Verständnis des wirtschaftlichen Wertes von Ökosystemen stellt einen wichtigen Faktor dar, um politischen Entscheidungsträgern in allen Ländern dabei zu helfen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Im Rahmen der Waldwasserwoche, die an diesem Sonntag begonnen hat, kommen derzeit mehr als 3000 internationale Experten, Entscheidungsträger, Projektmanager und Unternehmer von einer ganzen Reihe an beteiligten Sektoren zusammen, um Wasserprobleme unserer Zeit mit innovativen Lösungen und Entwicklungen anzugehen. Wasser ist weltweit einer der wichtigsten Faktoren für unseren zukünftigen Wohlstand, deswegen müssen wir heute Aufmerksamkeit schaffen und handeln.