Außenansicht Der wahre Wert von Olympia

David M. Pritchard, 46, ist Research Fellow am Institut d'Études Avancées an der Universität Straßburg. Übersetzung: Helena Nageler

(Foto: oh)

Was die heutige Sportförderung von den alten Griechen lernen kann.

Von David M. Pritchard

Wie viel sollten wir für Olympische Spiele zahlen? Je näher Rio 2016 rückt, desto häufiger wird diese Frage gestellt. Westliche Länder geben enorme Summen für ihre Olympioniken aus. So investierte Großbritannien 340 Millionen Euro in sein Team für die Sommerspiele in London 2012 und gibt noch mehr Geld für Olympia 2016 aus, um sicherzustellen, dass mindestens ebenso viele Goldmedaillen nach Hause gebracht werden. Großbritannien steckt inzwischen viermal mehr Geld in seine Olympioniken wie in den Sportunterricht seiner Kinder.

Australien ist ein weiteres Beispiel. Obwohl die Bevölkerung Australiens nur etwa einem Drittel jener Großbritanniens entspricht, investierte das Land unglaubliche 240 Millionen Euro in sein Team für London. Die sieben Goldmedaillen jedoch, welche die Australier 2012 erringen konnten, waren das schlechteste Ergebnis seit 1988. Jede einzelne Goldmedaille kostete den australischen Steuerzahler 34 Millionen Euro. In der Hoffnung, seinen Medaillenspiegel zu verbessern, gibt Australien nun noch mehr Geld für Rio aus - trotz heftiger staatlicher Sparmaßnahmen in den Bereichen Bildung und Gesundheit.

Sogar Deutschland, das sich jahrzehntelang weigerte, Olympioniken zu subventionieren, steckt inzwischen viel Geld in seine Spitzensportler. Die Auswüchse der DDR-Trainingspolitik hatten für einen schlechten Ruf dieses Systems gesorgt. Vor den Spielen in Peking 2008 begann die Bundesregierung jedoch, ihre Politik zu ändern. Zahlreiche Sportschulen im DDR-Stil wurden eröffnet, als Prunkstück gilt die erweiterte Werner-Seelenbinder-Schule in Berlin. Als Folge der enttäuschenden Ergebnisse in London 2012 wurde die staatliche Unterstützung noch weiter ausgebaut.

Die Athener wussten, dass ein Sieg bei den Spielen ihre Polis berühmt machen würde

Die staatliche Förderung der olympischen Teams wird heiß diskutiert. In jedem Land verlangt das Nationale Olympische Komitee Subventionen, um den "offensichtlichen" Nutzen von Goldmedaillen zu sichern. Kritiker argumentieren, dieser Nutzen sei illusorisch. Für sie sind Subventionen bei gleichzeitiger Sparpolitik unethisch und eine Verschwendung. Stattdessen sei es wichtiger, in die Ausbildung von Ärzten und Sportlehrern zu investieren.

Nützlich ist in diesem Zusammenhang eine Analyse der tatsächlichen Vorteile olympischer Medaillen. Die Griechen der Antike traten fast tausend Jahre lang im Rahmen von Olympischen Spielen gegeneinander an und hatten genaue Vorstellungen, welche Vorteile ein Sieg für sie brachte. Wenn wir ihre Sichtweise studieren, erkennen wir vielleicht besser, was eine Goldmedaille für uns heute bedeuten kann.

Die Griechen der Antike wären wohl entsetzt über die Subventionen für olympische Teams. Sie verschwendeten keine öffentlichen Mittel, um Athleten zu den Spielen zu schicken. Sportler waren olympiareif, weil ihre Familien private Sportlehrer bezahlten, sie kamen auch für ihre Kosten rund um die Spiele selbst auf.

Und doch würdigten die alten Griechen einen Sieg bei Olympia weit mehr als wir es tun. So gewährte jede Polis (Stadtstaat) seinen Gewinnern kostenlose Verpflegung und die besten Plätze bei Sportveranstaltungen - ein Leben lang. Dies waren die höchsten Ehren, welche die Griechen vergeben konnten; sie wurden sonst nur siegreichen Generälen zuteil. Was zeigt, dass die Griechen in einem Sieg tatsächlich einen Nutzen für den Staat sahen.

Nationale Olympische Komitees tun sich schwer, den Nutzen genau zu definieren - die Griechen hingegen brillierten darin. Ein gutes Beispiel hierfür ist eine Siegesrede nach dem Wagenrennen der Olympischen Spiele 416 v. Chr. Darin erklärte der Sohn des Athener Gewinners, dass sein Vater in sieben Teams bei diesen Spielen angetreten war, mehr als jeder andere zuvor, weil er die politischen Vorteile, die ein Sieg Athen bringen würde, erkannt hatte. Er wusste, dass die "Polis der Sieger berühmt wird". Die Gewinner würden ihre Polis repräsentieren und den Sieg "im Namen ihres Stadtstaates erringen, vor den Augen ganz Griechenlands."

Was einen Sieg politisch so wertvoll machte, war die damit verbundene Aufmerksamkeit. Die Olympischen Spiele waren die größte öffentliche Veranstaltung Griechenlands. 45 000 Zuschauer fanden im Olympiastadion Platz. Folglich wurde alles, was sich während der Spiele ereignete, in der gesamten griechischen Welt bekannt, da Botschafter, Athleten und Zuschauer bei ihrer Heimkehr davon berichteten. Deutsche Archäologen zeigten, dass die Griechen diese Gelegenheit schamlos ausnutzten. Als sie 1875 mit den Ausgrabungen in Olympia begannen, entdeckten sie außerhalb des Stadions Denkmäler, die die Griechen dort errichtet hatten, um an ihre militärischen Siege zu erinnern. Während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin finanzierte Adolf Hitler Ausgrabungen im antiken Stadion in Olympia. Dabei wurden Zehntausende Waffen gefunden, die von militärischen Monumenten stammen, welche die Stadtstaaten auf den Tribünen aufgestellt hatten.

Da so viele Griechen die Spiele besuchten, war es möglich dass ganz Griechenland von den sportlichen Erfolgen einer Polis durch einen ihrer Wettkämpfer erfuhr. Solch sportliche Erfolge verliehen einem ansonsten eher unwichtigen Stadtstaat internationale Berühmtheit. Und für jene, die bereits großen Einfluss in ihrer Region hatten, dienten sie als Beweis für ihre Überlegenheit gegenüber ihren Rivalen.

Die einzige andere Möglichkeit für eine Polis in der internationalen Rangordnung aufzusteigen, bestand darin, eine gegnerische Polis in einer Schlacht zu schlagen. Der Ausgang einer solchen Schlacht war aber immer ungewiss und kostete viele Menschenleben. Folglich war für einen griechischen Stadtstaat ein siegreicher Olympionike der höchsten öffentlichen Ehren würdig, da er das internationale Ansehen gesteigert hatte, ganz ohne das Blut seiner Mitbürger zu vergießen.

Auch heute sehen wir Olympioniken als Repräsentanten unseres Landes. Eine wichtige Lektion, die wir von den antiken Spielen lernen können: Durch internationale sportliche Erfolge kann das Ansehen eines Staates tatsächlich steigen. Somit liefern die antiken olympischen Spiele eine gewisse Rechtfertigung für die Subventionierung olympischer Teams.

Allerdings sollten wir den Vergleich nicht zu weit treiben. Der internationale Wettbewerb ist nicht mehr auf Sport oder Krieg beschränkt. Moderne Organisationen wie die G 20, die OECD und die UN bewerten Staaten auch hinsichtlich Bildung oder Gesundheitsversorgung. Innerhalb dieser neuen Weltordnung werden wir unseren Platz in der Rangliste nur behalten, wenn wir ebenso viel in Ärzte und Sportlehrer investieren.