Frankreich Diskussionen und Verbote führten zur Stigmatisierung der Muslime

All die Diskussionen und Verbote haben die Gesellschaft keinesfalls befriedet, sondern die Muslime weiter stigmatisiert. Die Republik tut sich schwer mit der zweitgrößten Religion des Landes. Die beispiellose Anschlagserie, die Frankreich seit 2015 heimsucht, verschärft nur noch die Angst vor einem Krieg der Kulturen und Religionen.

Die nahe Präsidentenwahl 2017 und die Umfragewerte des Front National erlauben keine souveräne Debatte. Der Autor Michel Houellebecq hat die Themen in seinem Buch "Unterwerfung" schon aufgegriffen. Darin beschreibt er die Islamisierung Frankreichs und die Wahl eines muslimischen Präsidenten.

"Der Burkini ist eher ein Zeichen von Integration"

Weniger Freiheit - oder viel mehr: Muslimische Frauen erklären, warum sie einen Burkini tragen und was sie von der Debatte darüber halten. mehr ... jetzt

Dennoch sollte man den Burkini nicht als reines Modeaccessoire verniedlichen. Auch wenn er nur ein Randphänomen in Frankreich darstellt, bleibt die Intention fragwürdig. Ein Taucheranzug wehrt Kälte ab, der Burkini soll vor männlichen Blicken schützen. Vor etwa hundert Jahren sahen die Badeanzüge der Frauen in Europa fast genauso aus. Es galt als unsittlich, nackte Beine oder Bauch zu zeigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt der neu erfundene Bikini erst einmal als Provokation. Inzwischen haben sich die Normen zumindest im Westen geändert, der Körper einer Frau im Bikini gilt weder als obszön, noch wird er gleich als Sexobjekt betrachtet.

Bei Burkinis ist im Gegensatz zur Vollverschleierung nicht klar, ob Frauen zur Verhüllung gezwungen werden

Selbstverständlich wollen wir nicht in alte Zeiten zurück. Es gehört zur Emanzipation, dass Frauen sich am Strand so bewegen können, wie sie wollen. Wenn sie sich lieber verhüllen, weil sie sich mit ihrem Körper unwohl fühlen oder weil es ihr Glaube verbietet, bleibt es ihnen überlassen. Wenn sie aber den Burkini auf Druck des Ehemannes oder des Vaters anziehen, wird es problematisch. Nur: Wie soll man das wissen? Ein präventives Verbot passt nicht zu einer Demokratie. Selbst wenn wir aus dem Maghreb wissen, dass die Burkinis sich in den vergangenen Jahren so vermehrt haben, dass Bikinis inzwischen an vielen Stränden unerwünscht sind. Der Zweck dieser Kleidung ist einfach nicht so eindeutig wie die Vollverschleierung.

Ganz anders wirkt eine Burka oder ein Niqab im öffentlichen Raum. Da hat die Verbotsdebatte, die Deutschland gerade führt, viel mehr Berechtigung. Man kann gut begründet vermuten, dass vollverschleierte Frauen noch nicht einmal an den Strand gehen dürfen. Welches Signal senden wir da an diese Frauen oder an Frauen in anderen Ländern, die um ihr Leben bangen müssen, weil sie entweder gar nicht allein aus dem Haus gehen dürfen und oder nur in einem Gefängnis aus Stoff? Die Fragen sind nicht so leicht wegzuwischen.

Trotzdem hat das Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum in Frankreich die Erwartungen nicht erfüllt. Es ist sehr schwer in die Praxis umzusetzen. Etwas anderes ist es, wenn die Vollverschleierung in bestimmten Bereichen verboten wird, etwa in Einrichtungen des Staates. Die Verteidigung der offenen Gesellschaft bleibt kein leichtes Unterfangen. Wir dürfen aus Angst nicht die Toleranz aufgeben, nicht alle Themen vermischen und keine Glaubensgemeinschaft stigmatisieren.

Ein Burkini ist keine Burka

Bürgermeister in Frankreich lassen Frauen nicht mehr im Ganzkörperbadeanzug schwimmen - und wollen damit die öffentliche Ordnung wahren. Das Verbot zeugt aber nur von einem: Islamophobie. Kommentar von Leila Al-Serori mehr ...