Außenansicht Demontage der Wissenschaft

Wie der akademische Nachwuchs systematisch von den Hochschulen vertrieben wird.

Von Christian Dries

In diesen Tagen ist viel von Deutschlands internationaler Verantwortung die Rede. In groteskem Gegensatz dazu steht der desolate Zustand einer nur bedingt einsatzbereiten Bundeswehr. Das Kriegsgerät, mit dem der neuen Rolle notfalls Nachdruck verliehen werden soll, entpuppt sich zur Blamage der Verteidigungspolitiker als Schrott. Das erinnert an einen anderen Sanierungsfall der Republik: die deutsche Hochschule.

Sie geht kaputt an der perfiden Logik des sogenannten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) aus dem Jahr 2007 - eines der handwerklich schlechtesten, zudem frauen- und familienfeindlichsten Machwerke in der bundesdeutschen Geschichte: Wer es nach insgesamt zwölf Jahren Promotions- und Habilitationsphase nicht auf die rettende Professur, sprich eine entfristete Dauerstelle an Universität oder Fachhochschule geschafft hat, der landet im beruflichen Aus. Das kommt einer Selbstdemontage des Wissenschaftsstandorts Deutschland gleich, es ist ein Programm zum systematischen Abbau wissenschaftlicher Exzellenz.

Um im Vergleich zu bleiben: Während es der Bundeswehr an tüchtigem Gerät mangelt, das sie nicht selbst herstellt, wird an unseren Hochschulen tüchtiges und in langen Jahren kostspielig ausgebildetes Personal mutwillig aussortiert, ins Exil der Forschungsinstitute oder auf den außerakademischen Arbeitsmarkt getrieben. Das ist so, als gäbe der Generalinspekteur der Bundeswehr den Auftrag, die noch einsatzbereiten Hubschrauber und Jagdflieger ebenfalls fluguntauglich zu machen, oder an Nachbarländer zu verkaufen - und die besten Piloten gleich mit.

Zur Person Christian Dries, 39, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Freiburg und war von 2005 bis 2008 Chefredakteur des Online-Wissenschaftsmagazins sciencegarden.de.

Der Ansatz von Edelgard Bulmahn und der rot-grünen Bundesregierung war ja seinerzeit gar nicht schlecht. Das von ihr initiierte, inzwischen mehrfach ergänzte und notdürftig reparierte Hochschulrahmengesetz sollte die oft quälend lange und unwägbare akademische Qualifikationsphase planbarer und kürzer machen. Allein, die Realität ist eine andere. Wer sich heute in das Wagnis Wissenschaft begibt, wird von Anfang an mit einer absurden Fülle an Erwartungen und Zusatzanforderungen konfrontiert. Nicht nur soll man sich mit einem auf drei Jahre befristeten Promotionsstipendium oder als Mitglied eines Graduiertenkollegs möglichst früh schon in der Lehre engagieren. Auch regelmäßige Kolloquien, Workshops, Vorträge, Konferenzen und eine eigene Publikationsliste gehören dazu, idealerweise ergänzt um eine Tagungsorganisation, Drittmittelakquise inklusive, und das alles am besten transdisziplinär und international. Nicht zu vergessen die eigene mediale Selbstvermarktung qua Internet und freier Redakteursarbeit. Moderne Wissenschaft kommuniziert schließlich auch nach draußen. Zeitraubende Workshops für gute Lehre (in denen man Kennenlern-Spiele probt, für die Studierende sich schämen würden, setzte man sie tatsächlich in Seminaren ein), machen die Überforderung komplett.

Den Jungen bleibt keine Zeit mehr für gediegene Forschung

Die wenigen, die in diesem Rennen eine mehr als drei Jahre dauernde Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiter ergattert haben, sind zudem meist noch für den täglichen Kampf mit den bürokratischen Monstern der Bachelor- und Masterstudiengänge verantwortlich. Ohne ihre Kärrnerarbeit in der akademischen Selbstverwaltung liefe im Alltagsbetrieb der meisten Institute und Seminare gar nichts - so wie bei ihren eigenen Qualifikationsarbeiten, die im Multitasking des gegenwärtigen akademischen Kapitalismus untergehen.

Christian Dries

(Foto: privat)

Die vielleicht dramatischste Folge dieser politisch motivierten Fehlsteuerung ist kaum in Zahlen zu fassen. Dass immer mehr kluge Köpfe die Hochschule in Richtung Ausland oder attraktivere Berufsfelder verlassen, ist nur die eine Seite . Weil zugleich die Zeit immer knapper wird, die den Jungen für gediegene wissenschaftliche Forschung bleibt, verringert sich (vor allem in den notorisch leseintensiven und mußebedürftigen Geisteswissenschaften) beinahe zwangsläufig auch die Qualität der abgelieferten Forschungsarbeiten. Den Effekt dieser Beschleunigungsdynamik spürt man schon jetzt: Massen von Aufsätzen und Doktorarbeiten mit höchsten Ansprüchen, aber dürftigen Ergebnissen. Der tendenzielle Fall der akademischen Profitrate hat viele Facetten. Über eine Empirie, die kaum von Belang ist, wird mangels gründlicher Reflexion ein dünnes, aber möglichst exotisches Theoriesößchen gegossen. Statt eigener, mutiger Entwürfe, die auch scheitern können, bleibt man bei der gängigen Mode oder erfindet gleich das Rad neu: Körper, Raum, Zeit, Emotionen - alles wird rhetorisch pompös zum zweiten Mal entdeckt, der dernier cri zum neuesten Paradigma gepäppelt. Aus einer Nullinformation lassen sich im Stakkato zehn Salami-Publikationen herausschneiden, und jedes einmal im Studium belegte Seminar wird auf der eigenen Webseite prompt zum "Forschungsschwerpunkt" aufgeblasen.

Wen wundert's? Wer keine Zeit mehr hat, seiner wissenschaftlichen Intuition zu folgen, unausgegorene Gedanken reifen zu lassen und in einem (sei es noch so begrenzten) Feld substanzielle Expertise zu erlangen, wird beinahe notwendig zum Blender. Weil ständig anderes dringlicher ist als das Wesentliche - die Erlangung neuer, fruchtbarer und inspirierender Erkenntnisse -, am Ende der befristeten Existenz aber das vertraglich fixierte berufliche Aus an der Universität steht, verfahren selbst die Besten der Besten nach der Devise "Augen zu und durch". Das funktioniert, indem man egoistisch nur das macht, was der eigenen Karriere und der Festanstellung dient. Hinten runter fallen dann die intensive Betreuung von Studierenden, ausgefeilte Seminare für den neuen akademischen Nachwuchs oder auch die eigenen Kinder.

"Karriere mit Zukunft", so lautet der Werbeslogan der Bundeswehr. De facto scheinen die Aussichten angesichts zahlreicher Materialmängel und sonstiger Engpässe trüber. Die Verantwortlichen aber sind aufgeschreckt. Um die fatale Lage des akademischen Mittelbaus macht man sich hingegen weniger Sorgen. Die Folgen der Vernachlässigung sind jedoch schon jetzt gravierend. Daran wird auch die Absicht von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka wenig ändern, gegen das Unwesen der Einjahresverträge vorzugehen und das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu überarbeiten. Besser wäre es, völlig neue Ideen für attraktive und vor allem planbare Mittelbaukarrieren auch jenseits der Professur zu entwickeln und das ganze Gesetz zu verschrotten. Wenn die Bildungsrepublik Deutschland Wirklichkeit werden will, muss sie ihrem akademischen Spitzenpersonal eine echte "Karriere mit Zukunft" bieten.