Wer Günter Grass die Ehrenbürgerwürde nehmen will, handelt in schlechter kommunistischer Tradition.
Mein erster Gedanke, als ich die Nachricht hörte, Günter Grass habe bekannt, als Siebzehnjähriger in den letzten Kriegsmonaten der Waffen-SS angehört zu haben: das ist unmöglich.
Pawel Adamowicz ist Oberbürgermeister von Danzig, der Geburtsstadt von Günter Grass. (© Foto: dpa)
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Wie ist es möglich, dass ein so großer Schriftsteller, ein bewährter Freund Polens und der Polen, ein Ehrenbürger unserer Stadt, in der Waffen-SS war?
Ausgerechnet in der SS, deren verbrecherischer Ruhm bis heute in Polen präsent ist, in der Literatur, in Familienerinnerungen.
Was war zu tun? Wie sollte auf dieses um Jahrzehnte verspätete Bekenntnis reagiert werden? Am einfachsten wäre in Anbetracht der bevorstehenden Kommunalwahlen zweifellos folgende Lösung gewesen: eine Erklärung abgeben, dass Grass uns getäuscht hat, dass er gelogen hat, und ihm den Ehrenbürgertitel aberkennen.
Aber eine derart überstürzte Reaktion wäre nichts anderes als eine Schweinerei gewesen. Denn dieser herausragende Humanist, Schriftsteller, schließlich auch politische Akteur, dem unsere Stadt und unser Land so viel zu verdanken haben, kann kein Kriegsverbrecher sein.
Die Schicksale der Deutschen und der Polen, die sich viele Jahre in den Fängen zweier großer Totalitarismen befanden, waren ungewöhnlich kompliziert.
"Für das Gift empfänglich"
Viele meiner Landsleute ließen sich vom Stalinismus vergiften, so wie viele Deutsche sich vom Nationalsozialismus betäuben ließen. Grass hat nie verborgen gehalten, dass er in seinen jungen Jahren für dieses Gift empfänglich war.
Der verbrecherische Charakter der SS-Formationen ist heute für jeden offensichtlich. Doch konnte ein Heranwachsender in einem totalitären Staat dies erkennen? Woher?
Überdies hat der Schriftsteller als Erwachsener in seinem Werk wie auch in seiner politischen Tätigkeit alles getan, um den Deutschen das ungeheure Ausmaß der Verbrechen zu verdeutlichen.
Wäre die Anerkennung unserer Nachkriegsgrenzen durch die Bundesrepublik Deutschland zustande gekommen, wenn nicht Grass systematisch auf die Lösung dieses Problems gedrungen hätte? Ich denke: eher nicht.
Auf jeden Fall nicht im Jahr 1970. In die Waagschalen der Gerechtigkeit muss also auf der einen Seite der Fehler eines unreifen Jungen gelegt werden, auf der anderen Seite aber das Verdienst des reifen Mannes. Welche Waagschale ist schwerer?
Leider fanden sich in Polen Politiker, die beschlossen, aus der Jahrzehnte zurückliegenden Jugendsünde eine Waffe für die kommenden Kommunalwahlen zu machen. Dies würde sich auch hervorragend in die derzeit ohnehin nicht sehr guten deutsch-polnischen Beziehungen einpassen. Warum sollte man also nicht auf die Pauke hauen?
Warum sollte man nicht fordern, dass Grass selbst auf den Ehrenbürgertitel verzichtet? Und wenn er nicht wollte, ihm den Titel per Ratsbeschluss aberkennen?
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