Außenansicht Beleidigt sein hilft nicht

Thomas Matussek, 69, war von 2002 bis 2006 deutscher Botschafter in London. Er ist Vizepräsident des Internationalen Wirtschaftssenats e. V. und Berater bei Flint Global.

(Foto: oh)

Die Verhandlungen um den Brexit sollten ohne Emotionen geführt werden. Deutschland hat viel zu verlieren.

Von Thomas Matussek

Für viele Europäer war die Entscheidung der Briten für den Brexit ein Akt kollektiver Dummheit, erklärbar nur aus bornierter Inselmentalität. Die beleidigte Reaktion aufrechter Europäer darauf ist, ihnen den Austritt so schmerzhaft wie möglich zu machen. Außenminister Boris Johnsons markige Sprüche ("We want to have the cake and eat it") und die unbekümmerte Planlosigkeit der Westminster-Regierung vor der offiziellen Austrittserklärung sorgten dafür, dass der Grad der Empörung hoch blieb. So weit, so schlecht.

Wenn man sich in Berlin, Brüssel und London umhört, bekommt man den Eindruck, als rasten zwei führerlose Hochgeschwindigkeitszüge ungebremst aufeinander zu - mit dem Risiko eines Frontalzusammenstoßes unterm Ärmelkanal, der für die Briten mit einem Totalschaden enden und die EU 27 zumindest lädiert zurücklassen würde. Die Gefahr ist, dass sich aus gegenseitigem Unverständnis alternative Realitäten bilden, die einen vernünftigen Deal im beiderseitigen Interesse politisch unmöglich machen.

Die unbestritten größte Herausforderung wird die Rechnung für den Brexit sein, nach der Großbritannien der EU etwa 60 Milliarden Euro schuldet. Es ist nicht auszuschließen, dass die Scheidungsverhandlungen schon am lieben Geld scheitern, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben. Daher ist es höchste Zeit, die Emotionen herunterzukühlen, sich auf gemeinsame Interessen zu besinnen und die Öffentlichkeit auf beiden Seiten auf einen Deal vorzubereiten, der zwangsweise Kompromisse beinhalten muss.

Es geht schließlich darum, die Briten als europäische Nuklearmacht mit ständigem Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als unerlässlichen Partner für unsere innere und äußere Sicherheit möglichst nah an der Brust zu halten und den Schaden eines Austritts für unsere eng verflochtenen Volkswirtschaften gering zu halten. Klar ist, dass die britische Wirtschaft deutlich stärker auf den EU-Binnenmarkt angewiesen ist als umgekehrt. Gut 44 Prozent der britischen Exporte gehen in die EU, nur 6,5 Prozent der EU-Exporte gehen nach Großbritannien.

Jedoch ist Großbritannien gerade für Deutschland als Handelspartner wichtig. Es ist unser drittgrößter Markt weltweit mit einem Exportvolumen von fast 90 Milliarden Euro, das sind über sieben Prozent der deutschen Exporte. Großbritannien liegt bei den deutschen Importen auf dem neunten Platz mit 38 Milliarden Euro, was vier Prozent der deutschen Importe entspricht. Deutschlands Handelsüberschuss mit Großbritannien war 2016 mit mehr als 50 Milliarden Euro der zweithöchste nach dem mit den Vereinigten Staaten.

Es wird oft unterschätzt, dass die deutsche Wirtschaft aufgrund ihres hohen Exportüberschusses von den Folgen eines Brexit stärker betroffen sein wird als andere EU-Mitgliedsstaaten. Deutsche Unternehmen von Weltrang forschen, produzieren und verkaufen Teil- oder Endprodukte in Großbritannien. Der deutsche Mittelstand bildet ein starkes und wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette aus und nach Großbritannien. Oft werden Einzelteile dieser hochgradig vernetzten Produktionsketten mehrfach zwischen Standorten in Großbritannien und Kontinentaleuropa hin und her gesandt.

Deutsche Unternehmen sollten sich in den Brexit-Prozess einmischen - im eigenen Interesse

Was sollte die deutsche Wirtschaft demnach tun? Auch wenn die Zeit drängt, sollte jede Firma mit Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich drei Dinge tun: Erstens nüchtern analysieren, wie sich der britische EU-Austritt auf das eigene Geschäft auswirken könnte. Zweitens nicht zu lange warten und der Vernunft eine Stimme geben, um diejenigen in der Politik zu stärken, die pragmatische Lösungen über emotionalen Revanchismus stellen. Und drittens, sich strategisch in den Brexit-Prozess einbringen.

Dieser Prozess wird gespickt sein mit vielen politischen, ökonomischen und technischen Finessen. Vielfach bewegt man sich da auf neuem Terrain - die Ermittlung der Anzahl der Europäer und Briten im Unternehmen oder auch die Bestimmung der Transportrouten verschiedener Produkte, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Regierungen werden dankbare Abnehmer für praxisbezogene Einschätzungen sein.

Eines ist klar. Der Brexit wird die Handelsbedingungen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich massiv verändern. Es liegt im Interesse der Wirtschaft diesseits und jenseits des Kanals, Handelsbeschränkungen jeder Art so klein wie möglich zu halten. Diese würden deutsche Firmen unverhältnismäßig stark treffen. Bisher scheint sich die heimische Wirtschaft der höchst komplexen Wirkungsanalyse des Brexit noch nicht ausreichend angenommen zu haben. Zölle, wie hoch auch immer, sind nur ein kleiner Teil des Problems. Nichttarifäre Handelshemmnisse, unterschiedliche Standards im Bereich des Umwelt- und Verbraucherschutzes, Grenzkontrollen und Zollformalitäten können in Zukunft für deutsche Firmen zu einem erheblichen Kostenfaktor werden. Das Argument, dass die Briten der Scheidungskrieg mit der EU viel stärker treffen würde, ist zwar richtig. Für manche im EU-Binnenmarkt tätige Firma könnte die firmeneigene Brexit-Rechnung dennoch überraschend hoch ausfallen, wenn die komplexe europäische Wertschöpfungskette zu reißen beginnt.

Nach der Ankündigung von Premierministerin Theresa May am 17. Januar dieses Jahres hat sich der Nebel etwas gelegt. Während das Vereinigte Königreich eine Zollunion abzulehnen scheint, sträubt sich der Rest Europas gegen sektorale Verträge zugunsten einzelner Industrien. "Rosinenpicken", also die selektive Auswahl von Handelsregeln, die vorteilhaft für das Vereinigte Königreich wären, wird der Rest der EU nicht akzeptieren. Ein Freihandelsabkommen scheint am wahrscheinlichsten. Aber wie weit dieses gehen wird, welche Sektoren es beinhalten wird und zu welchen Bedingungen, ist umstritten und noch völlig unklar.

Ein nachhaltiges Engagement deutscher Unternehmen im Brexit-Prozess ist nicht nur im Interesse der deutschen Wirtschaft. Es würde auch eine der größten Kritikerinnen der EU, die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, Lügen strafen. Diese behauptete einst vollmundig, dass zwar die meisten Probleme, welche die Welt während ihrer Lebenszeit beschäftigten, von Kontinentaleuropa ausgegangen seien, jedoch fast immer von außerhalb Kontinentaleuropas gelöst werden mussten. Der Brexit jedoch, wenn auch als britisches Problem begonnen, ist ein europäisches, und Lösungen können nur durch Kompromisse und Zusammenarbeit der Partner gefunden werden.