Sicherheitskonferenz Afrika ist unser Schicksal

Bono, (Paul David Hewson), 56, ist Lead-Sänger der Band U2 und Mitgründer von "One", einer Kampagnenorganisation, die sich für das Ende von Armut und vermeidbaren Krankheiten einsetzt.

(Foto: OH)

Deutschland sollte die Führung übernehmen bei einer Art modernen Marshall-Plan, der dem bedrohten Nachbarkontinent eine Perspektive gibt.

Gastkommentar von Bono

Manch einer mag mit den Augen rollen, wenn er an internationale Konferenzen wie das Außenministertreffen der G 20 in Bonn oder die Münchner Sicherheitskonferenz denkt, an der ich jetzt teilnehmen werde. Zugegeben, das habe ich früher auch getan. Aber nachdem ich fast zwei Jahrzehnte lang solche Treffen besucht habe und den anderen Teilnehmern auf die Nerven gegangen bin, weiß ich: Bei diesen Veranstaltungen werden nicht nur schöne Reden gehalten, sie sind sinnvoll. Die vergangenen drei G-8- und G-7-Gipfel unter deutscher Führung etwa waren Wendepunkte für die Entschuldung armer Länder, den Kampf gegen Aids und die Ernährungssicherung.

Op-Ed by Bono - English version

Bono, 56, is the lead singer of the band U2 and co-founder of "One", a campaigning organisation which fights to end poverty and preventable diseases. Read the English version of his Op-Ed here. mehr...

Wenn, wie zurzeit, das Konzept der globalen Zusammenarbeit selbst auf bizarre Weise infrage gestellt wird, danken Europäer wie ich den Deutschen für ihre Führungsrolle. Mit der Menschlichkeit, mit der Deutschland auf die Flüchtlingskrise geantwortet hat, verwandelte es den europäischen Gedanken in ein Gefühl.

Indem es weitsichtig die strategische Zusammenarbeit mit Afrika auf die Tagesordnung der G 20 gesetzt hat, zeigt Deutschland erneut Führungsstärke. Einerseits erkennt es die wirtschaftlichen Möglichkeiten des riesigen Nachbarkontinents, andererseits sieht es die Stabilitätsrisiken, die dort drohen.

Syrien, Nigeria, Boko Haram

Syrien zeigt dies überdeutlich. Die Umbrüche, die der Bürgerkrieg dort nicht nur für die Menschen ausgelöst hat, haben auch Europa verändert, seine Institutionen und den europäischen Gedanken selbst. Und Syrien ist nicht das einzige Land am Rande des Chaos, nicht der einzige regierungslose Raum, in dem gewalttätiger Extremismus auf dem Vormarsch ist. Syrien ist - oder war - ein Land mit rund 20 Millionen Einwohnern.

In Ägypten leben 93 Millionen Menschen. In Nigeria 186 Millionen. Was würden wir tun, sollte ein Land in Brand geraten, das zehnmal so groß ist wie Syrien? Vor wenigen Monaten konnte ich mir ein Bild von der Lage in Nordost-Nigeria machen. Ich habe die durch Boko Haram verursachte Zerstörung in den Augen von Amina sehen können, einer 20-jährigen Mutter von sechs unterernährten Kindern, die ihren Mann an Boko Haram verloren hat.

Wie sie nun ihre Kinder so großzieht, dass aus ihnen keine Extremisten werden, geht uns alle an. Ich glaube nicht, dass Nigeria in Flammen aufgehen wird - auch wenn dies das erklärte Ziel von Boko Haram ist. Aber sollte dies geschehen, sind unsere Länder darauf nicht vorbereitet - weder politisch, wirtschaftlich noch militärisch. Das höre ich von Militär- und Sicherheitsexperten.

Ihre Probleme werden unsere Probleme

Sie sagen auch: Prävention ist günstiger als Intervention. Damit meinen sie zivile Maßnahmen - zur Verbesserung der Lebensbedingungen und zur Förderung der Stabilität in fragilen Staaten. Wir müssen unsere Sicherheits- mit einer Entwicklungsstrategie vereinen, die dafür sorgt, dass diese Länder den Menschen Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur bereitstellen. Ohne Sicherheit ist Entwicklung unmöglich, aber ohne Entwicklung ist Sicherheit nicht nachhaltig.

Wenn wir dies falsch machen, werden aus fragilen Staaten gescheiterte Staaten, und ihre Probleme zu unseren Problemen. Machen wir es richtig, wird der Erfolg dieser Staaten auch unser Erfolg sein. Ihre Stabilität wird zu unserer beitragen.

Was können die G 20 also tun? Fragt man die Menschen in Afrika, bekommt man drei Dinge zu hören: Bildung, Beschäftigung und Beteiligung. Konkret könnte das Folgendes bedeuten, vorausgesetzt, die G 20 krempeln die Ärmel hoch:

Bildung

Wir brauchen einen Plan, der sicherstellt, dass alle Mädchen zur Schule gehen können. Für 130 Millionen Mädchen auf der Welt ist das bisher ein unerfüllter Traum. Dabei steigert jedes Jahr, das ein Mädchen zur Schule geht, ihr späteres Einkommen um zwölf Prozent. Wenn sie lesen lernt, halbiert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr künftiges Kind vor dem fünften Geburtstag stirbt. Studien legen nahe, dass Bildung von Jugendlichen das Konfliktrisiko eines Landes um 20 Prozent senken kann.

Beschäftigung

Die afrikanische Bevölkerung wird sich bis 2050 von heute 1,2 auf 2,5 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln. Entweder, diese junge rastlose Generation findet Arbeit oder sie findet Ärger. Die heranwachsende Generation wird für den Kontinent eine demografische Dividende bringen, wenn - und auch nur wenn - afrikanische Staaten und ihre Partner bewährte Initiativen zur Schaffung von Jobs weiter ausbauen und gleichzeitig Reformen umsetzen, um eigene Ressourcen besser nutzen zu können. Diese Dividende kann und sollte zum Nutzen von Afrika und Deutschland sein. Ich höre, dass von den rund 400 000 im Ausland tätigen deutschen Unternehmen nur 1 000 in Afrika aktiv sind - eine verpasste Chance. Die Compacts with Africa von Finanzminister Wolfgang Schäuble sind eine Kurskorrektur.

Beteiligung

Reformen sind elementar, damit sich Bürger stärker beteiligen können und mehr investiert wird. Korruption ist tödlicher als jede Krankheit - sie lässt Geld versickern, das in Bildung, Gesundheit und Beschäftigung fließen sollte. Deutschland ist ausschlaggebend dafür, dass europäische Gesetze den Kampf gegen Korruption und Kapitalflucht unterstützen. Daher muss Deutschland die EU auch dabei anführen, die Besitzer von zwielichtigen Briefkastenfirmen offenzulegen. Mehr Entwicklungszusammenarbeit und zusätzliche Investitionen müssen an die Bedingung guter Regierungsführung geknüpft werden. Dies kann den Kampf gegen Korruption beschleunigen und viele vernetzte junge Leute ermutigen, die mit ihren Handys Geldflüsse verfolgen.

Ich freue mich, diese Woche über diese Ideen in Deutschland zu sprechen, weil es kein Land gibt, das den Zusammenhang von Entwicklung und Sicherheit besser versteht. Umfragen zeigen, dass 84 Prozent der Deutschen eine höhere finanzielle Unterstützung für afrikanische Länder befürworten. Das ist mitfühlend und intelligent. Vielleicht ist diese Erkenntnis das dauernde Vermächtnis des Marshall-Plans, der Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aus Verzweiflung und Zerstörung befreit und den ganzen Kontinent auf sichere Beine gestellt hat.

Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass einige Stimmen in Deutschland die Rufe führender afrikanischer Unternehmer und Wirtschaftsexperten wie Aliko Dangote, Afrikas reichster Geschäftsmann und Philanthrop, und Akinwumi Adesina, Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank, aufgreifen, wenn diese einen modernen Marshall-Plan fordern. Die Details und die Umstände sind völlig andere, aber das ehrgeizige Ziel ist richtig, weil die Aufgabe genauso historisch ist.

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