Ausschreitungen in Kairo Ägyptens Armee im Zwielicht

Die Christen in Ägypten fühlen sich seit langem schikaniert - und oft zu Recht. Für das neue Blutbad am Nil aber ist der religiöse Zwist nur der Hintergrund, der Anlass ist politisch - und dafür ist Europa mitverantwortlich.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Es klingt so eingängig und so schrecklich: konfessionelle Gewalt, religiöse Konflikte. Die Christen in Ägypten fühlen sich seit langem schikaniert - und oft zu Recht. Sie können keine Kirchen bauen, wie sie möchten. Misstrauisch beobachten sie den Aufstieg der Islamisten nach dem Sturz Mubaraks, fühlen sich als Geduldete im Land, das einst das Mönchstum erfand, und reagieren ihrerseits mit Kompromisslosigkeit, stolzer Selbstisolierung, Märtyrergestus, Kirchenbauten ohne Genehmigung und, ja, manchmal auch mit Gewalt.

Wut und Trauer mischen sich in den Protesten der Kopten nach dem jüngsten Blutbad in Kairo.

(Foto: AP)

Für das Blutbad am Nil aber ist der religiöse Zwist nur der Hintergrund, der Anlass ist politisch, die Angreifer waren keine Islamisten, sie schickte wahrscheinlich der Staat. Ägyptens Militärherrscher drucksen bei der Machtübergabe herum, suchen Komplizen, um ihre Privilegien in die Demokratie zu retten und möchten sich so lange den Zugriff auf die rustikalen Herrschaftsinstrumente - Notstandsgesetze, Militärjustiz, vielleicht Kriegsrecht - offenhalten. Die Kopten als neues Feindbild kommen ihnen da gerade recht - so wie zuvor der Freund-Feind Israel, wie Blogger, Journalisten und die Revolutionäre selbst.

Gewiss, in Ägypten geht es in den nächsten Jahren auch um Religionsfreiheit, aber nicht nur. Und wenn sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton alarmiert äußern, weil in Ägypten Christen bedroht sind, dann greift dies viel zu kurz. Ägyptens Christen sind politisch zwischen alle Stühle geraten, und die Klügeren unter den Kopten wissen das. Der Westen sollte sich für die Rechte aller Ägypter einsetzen, nicht nur für die der Christen - gerade im Interesse der Kopten.