Ausschreitungen in Hamburg Syrien ganz nah

Die Hamburger Polizei stoppt am Mittwochabend eine Spontandemonstration von Kurden.

(Foto: dpa)

Der Krieg erreicht auch Deutschland: In Hamburg gehen Kurden und IS-Anhänger mit Dönerspießen und Macheten aufeinander los. Polizei, Politik und Muslime vor Ort sind fassungslos.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Daniel Abdin hat gehört, dass die Hamburger Polizei nach den jüngsten Krawallen besonders wachsam sein will an diesem Freitag, wenn die islamische Gemeinde der Stadt ihr wöchentliches Hauptgebet begeht. Und Abdin kann bestätigen, dass diese Vorsicht ein Spiegel der aktuellen Stimmung ist in seinem Umfeld. Daniel Abdin ist Vorsitzender des Rates der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg (Schura) sowie Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al-Nour.

Er hat am Dienstagabend zusehen müssen, wie ihm unbekannte Salafisten vor aufgebrachten Kurden in die Moschee seines Zentrums im Stadtteil St. Georg flüchteten und nicht mehr hinauszubewegen waren. Er hat einen Ausbruch von Gewalt auf den Straßen erleben müssen, den er in Hamburg noch nicht kannte. "Ich dachte, ich bin in Hamburgistan", sagt er. Dass die Polizei nach diesen Vorkommnissen jetzt besonders aufpasst, ist für ihn das traurige Symptom einer angespannten Atmosphäre, aber verständlich. Er sagt selbst: "Ich habe um meine Gemeindemitglieder Angst. Ich habe keine Lust, dass unbeteiligte Leute gewaltbereiten Leuten zum Opfer fallen."

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Die Lager gingen mit Dönerspießen und Macheten aufeinander los

Der Krieg in Syrien reicht mit seinen Ausläufern bis nach Deutschland, so zumindest sieht es gerade aus in Hamburg. Am Dienstagnachmittag demonstrierten Kurden friedlich gegen die Belagerung der Stadt Kobanê durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Wenig später gab es in St. Georg die Auseinandersetzung mit IS-nahen Salafisten, von der Abdin mit Schrecken berichtet und die selbst erfahrene Polizeikräfte überraschte. Etwa 800 vorwiegend junge Männer, gleich verteilt auf beide Lager, gingen mit Dönerspießen, Macheten und Holzlatten aufeinander los. Die Bilanz: 14 Verletzte, vier Schwerverletzte, 22 Festnahmen.

Tags darauf hatte die Polizei ihren nächsten Großeinsatz nach einer weiteren Anti-IS-Kundgebung von Kurden in Altona. 46 Personen wurden vorläufig festgenommen, 18 in Gewahrsam gebracht. Ein polizeilich gesuchter Mann wurde verhaftet. Die Leute waren zwischen 18 und 38 Jahre alt, "aber die meisten waren Anfang zwanzig", teilte ein Polizeisprecher mit. "Türken, Syrer, auch Deutsche waren dabei." Bei einem 29-jährigen Türken wurde eine Schusswaffe sichergestellt, das beschlagnahmte Arsenal umfasste außerdem Schlagstöcke, Macheten, Messer, Munition.

Ein junger Kurde protestiert in Hamburg gegen den IS-Terror.

(Foto: Markus Scholz/dpa)

"Das waren muslimische Hooligans"

Das Hamburger Kriminalamt formierte eine Ermittlungsgruppe. Schura und Kurden-Verbände gaben gleich am Mittwoch eine gemeinsame Pressekonferenz, auf der sie die Straßenkämpfe verurteilten. Und die fassungslosen Betrachter fragen sich: Was ist in diesen Nächten über die schöne Hansestadt gekommen? Eine Eskalation zwischen einzelnen Radikalen, die den entfernten Kriegsschauplatz in ihre Wahlheimat tragen wollten? Oder der Ausdruck einer ausbaufähigen Integrationspolitik? Das glaubt der Grünen-Politiker Volker Beck, der im Bundestag sagte: "Sowohl die Bundesregierung als auch die meisten Bundesländer haben es versäumt, Präventionsprogramme gegen Islamisten auszuarbeiten."

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Daniel Abdin findet: sowohl als auch. Er denkt, dass viele echte PKK- oder IS-Sympathisanten unter den Krawallmachern waren. Aber dass die Kurden sich nur Salafisten gegenübersahen, glaubt er nicht. In der Moschee hat er die Gesichter der Gewaltbereiten gesehen: "Das waren vor allem Jugendliche." Unreife Seelen, die schnell mitlaufen, wenn ihnen jemand mit martialischer Rhetorik den Kopf verdreht. "Das waren muslimische Hooligans", sagt Abdin, "beängstigend." Er verweist auf ein Projekt zur Deradikalisierung Jugendlicher, das die Schura erst kürzlich mit der Sozialbehörde aufgelegt hat. Bildung und Chancen schaffen - das ist für Abdin die wichtigste Aufgabe im Kampf gegen die Gewalt.

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