Auschwitz-Zeugen im O-Ton Audiostream aus der Hölle

Als diese Menschen ihre Geschichte erstmals erzählten, reagierten viele Deutsche fassungslos. 181 Personen, die dem größten NS-Vernichtungslager entkommen waren, legten von 1963 an im Frankfurter Auschwitz-Prozess Zeugnis ab. Ein Web-Projekt macht ihre Stimmen nun hörbar.

Von Ronen Steinke

Man staunt aus heutiger Sicht, wie fest diese Stimmen eigentlich waren, hell, sogar freundlich zu den Richtern. Und was für ein ausgezeichnetes Deutsch die Zeugen sprachen, die da den schweren Gang auf sich genommen hatten, zurück in das Land, dessen Völkermordtruppen sie noch kurz zuvor vernichten wollten. Zum großen Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-65) waren 357 Zeugen angereist, darunter 211 Auschwitz-Überlebende.

Vor dem Frankfurter Schwurgericht erzählten sie, wie das Morden funktionierte, aus ihrer je persönlichen Erfahrung, mit ungarischem Timbre oder polnisch-weich, kaum einmal stotternd oder gar schluchzend, sondern gefasst, oft über viele Stunden. Das ist von diesem Montag an online nachhörbar: auf den Tonband-Mitschnitten, die unter www.auschwitz-prozess.de (Anm. d. Red.: Diese Seite war wegen Überlastung zwischenzeitlich leider nicht aufrufbar. Sollte es auch weiterhin Probleme mit dem Zugriff auf die Seite geben, dann probieren Sie es bitte zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.) erstmals frei zugänglich sind.

Der jüdische Arzt Mauritius Berner zum Beispiel, der 1944 mit seiner Frau und seinen drei kleinen Töchtern nach Auschwitz deportiert wurde. Gleich nach der Ankunft wurde er von seiner Familie getrennt, die SS geleitete sie zur Ermordung ins Gas. In seiner Zeugenaussage schildert Mauritius Berner den Moment an der Rampe, und auch die Vorahnung, die seine Frau dort gehabt habe.

Die Richter hatten, als er ihnen dies 1964 erzählte, ein Tonband laufen lassen, eine Seltenheit. Hessens Justizminister Lauritz Lauritzen (SPD) rettete 1965 die Bänder vor dem Schredder. Ein halbes Jahrhundert später haben Forscher um das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut die Mitschnitte nun als Audiostream aufbereitet.

Die Kinderärztin Gisela Böhm, geborene Mendel, erzählt, wie sie 1944 nach ihrer Ankunft in Auschwitz geschoren wurde - und wie sie sich als Ärztin stets bemühte, die anderen weiblichen Häftlinge aufzurichten: "Immer fühlte ich im Beruf meine Pflicht, doch etwas Beruhigung zu geben, weil ich selber nie an was anderes als an eine Arbeit dachte."

Zu hören sind auch Anwälte, Angeklagte und solche Zeugen, die nicht als Häftlinge, sondern als SS-Schergen nach Auschwitz kamen. Wie Konrad Morgen, SS-Richter, der seinen Besuch in den Gaskammern und Krematorien in fistelig-leisem Hessisch schildert, "eine sachliche, neutrale, technische, wertfreie Atmosphäre" habe im Innersten der Mordfabrik geherrscht, berichtet er. Gerade war dort ein "Transport" vernichtet worden, also eine Gruppe von 1000 bis 2000 Menschen.

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"Es war alles spiegelblank, geleckt, und einige Häftlinge in Monteuranzügen, die polierten da ihre Armaturen, machten sich da künstlich Bewegung. Sonst war alles still und leer", so Morgen in seiner Aussage. Der SS-Richter Morgen war übrigens nach Auschwitz geschickt worden, um ein Verbrechen aufzuklären, die Unterschlagung von Häftlingsgold durch korrupte Wachleute. Ein Wirtschaftsdelikt.

Zwanzig Angeklagte, zweihundert Reporter und insgesamt 20.000 Zuschauer im Gerichtssaal: Dies war der erste Mammutprozess der jungen Bundesrepublik, und er bleibt bis heute einer ihrer wichtigsten. Der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer sagte in seiner fünfstündigen Urteilsbegründung: "Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf lange Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne dass im Hintergrund und im Geist ihm die hohlen, fragenden und verständnislosen, angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die dort in Auschwitz ihren letzten Weg gegangen sind." Gar nicht fest ist diese Stimme, wie man nun hören kann. Sie bricht, mitten im Satz.