Die Ägypter können die Grenze zum Gazastreifen nicht ohne weiteres wieder schließen. Die Situation ist ein Albtraum für die Sicherheitsbehörden aller Seiten.
Kaum war er in Ägypten, da sagte einer der Hamas-Polizisten: "Ich konnte die Freiheit riechen." Die Freiheit roch für seine Landsleute vor allem nach Benzin und Zigaretten.
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Palästinenser auf den Überresten der Metallmauer, die bislang den Gaza-Streifen von Ägypten trennte (© Foto: AP)
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Viele der Tausenden Palästinenser, die die von Militanten mit Bomben geöffnete Grenze überschritten, kauften im ägyptischen Grenzort Rafah vor allem billige Tabakwaren, Lebensmittel, Flaschen mit Küchengas, Benzin. Die meisten Läden und Tankstellen seien noch in der Nacht leer gekauft worden, meldeten Reporter.
Mit Dynamitladungen hatten militante Palästinenser Dienstagnacht zwei Breschen in die gut acht Meter hohe und 11 Kilometer lange Stahl- und Betongrenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten gesprengt. Die Hamas-Polizisten hielten die durch die Breschen flutenden Menschen nicht auf.
Ihre Regierung erklärte: "Die Grenze zu sprengen, ist die Reaktion auf die Versorgungskatastrophe in Gaza, die durch die israelische Blockade ausgelöst wurde." Die ägyptischen Grenzer traten ebenfalls zu Seite: Hätten sie auf Frauen und Kinder schießen sollen? Die Gaza-Palästinenser kamen in Bussen an die Grenze gefahren, manche überquerten die Grenze mit dem eigenen Wagen oder einer Eselskarre.
Ein Problem der Ägypter
Die den Gazastreifen seit ihrem Coup vom Juni 2007 allein regierende Hamas dürfte vom Plan einer Sprengung der Grenze gewusst haben, denn ihre Geheimdienste haben das Gebiet im Griff. Da die immer drückender werdende israelische Blockade die regierenden Islamisten zunehmend unter Druck der eigenen Bürger brachte, dürfte die Aktion den Machthabern nur recht gekommen sein.
Jetzt haben die Ägypter das Problem: Schließen sie die Grenze wieder, drohen Schelte der anderen arabischen Staaten. Vor allem aber: Was in Gaza geschieht, ist jetzt auch ägyptische Innenpolitik.
Vor dem Grenzdrama demonstrierten die Studenten aller Unis bereits für die "Brüder und Schwestern" in Gaza, Zeitungen kommentierten ebenso kritisch gegen Israel wie gegen die eigene Regierung. Weshalb Staatschef Hosni Mubarak erklärte, er habe selbst den Befehl gegeben, den Palästinensern den Grenzübertritt zu erlauben. Die Palästinenser hungerten, sagte er zur Begründung.
Albtraum der Sicherheitsbehörden
Das klingt nach einer Ausrede angesichts der von den Palästinensern geschaffenen Tatsachen: Eine offene Gazagrenze ist der Albtraum der ägyptischen Sicherheitsbehörden. Sie fürchten ein Einsickern militanter Islamisten. Ägyptens Militär und Polizei sind ohnehin weder willens noch in der Lage, die Grenze wirkungsvoll zu kontrollieren. Das Friedensabkommen mit Israel begrenzt die Zahl der Soldaten, die Ägypten auf dem Sinai stationieren darf.
Der Gazastreifen selbst ist ein Armenhaus schlimmster Sorte, eines der dichtestbesiedelten Stücke Land auf Erden. In dem Wüstenstreifen am Ostrand des Sinai leben 1,3 Millionen Palästinenser auf knapp 360 Quadratkilometern, zusammengepfercht zwischen dem Mittelmeer im Norden und - im Westen und Süden - den gesperrten Grenzen nach Israel und Ägypten. Der "Strip" ist eine Hinterlassenschaft des Osmanischen Reichs. Mit Ende des 1. Weltkriegs kam er unter britische Herrschaft, als Teil des Völkerbund-Mandatsgebiets Palästina.
1947 hatten die UN mit dem Palästina-Teilungsbeschluss schon Ja gesagt zur Gründung eines jüdischen Staats in Palästina. Das Mandatsgebiet sollte in einen jüdischen und einen arabischen Teil samt Gaza zerschnitten werden. Als das Mandat 1948 endete, führten Araber und Juden aber sofort Krieg. Der endete mit dem jüdischen Sieg und der Gründung des Staates Israel. Gaza fiel an Ägypten.
Kairo verlor das Gebiet nach der arabischen Niederlage von 1967, die Israelis schickten Siedler. Dank intensiver Bewässerung auf Kosten der Palästinenser verwandelten sich die Siedlungen am Mittelmeerstrand in blühende Landschaften. Die Palästinenser, 1948 vor dem Krieg geflohen, mussten weiter in Flüchtlingslagern hausen und lebten von UN-Lebensmittelkarten.
Bevölkerungswachstum erhöht den Druck
Nach der Radikalisierung der Palästinenser in den siebziger Jahren stieg in den achtziger und neunziger Jahren der soziale Druck. Die Bevölkerung wuchs zu stark, die Israelis sperrten zudem die Saisonarbeiter aus. 1987 begann im Flüchtlingslager Jabalja die erste "Intifada". Nach deren Ende und dem Beginn des Oslo-Prozesses regierte Palästinenserpräsident Jassir Arafat seinen palästinensischen Nicht-Staat von Gaza aus.
Der Frieden blieb aus, im Jahr 2000 folgte ein zweiter Palästinenseraufstand. Israel beschloss, den Gazastreifen zu räumen, 2005 zogen die letzten Siedler ab. Die Parlamentswahl von 2006 endete mit einem Sieg der Hamas. Eine Koalition zwischen den Islamisten und der Arafat-Partei Fatah verlief desaströs: Im Juni 2007 übernahm die Hamas die Macht im Gazastreifen mit Gewalt.
Gefängnis Gaza
Gaza ist de facto ein riesiges Gefängnis: Bis heute kontrolliert Israel die gesamte Versorgung mit Lebensmitteln, Energie, Medikamenten und allen anderen industriellen Produkten des täglichen Lebens. An speziellen Grenzterminals wird vom Speiseöl bis zu Beton und Eisenträgern nahezu alles in den Gaza-Streifen gebracht. Israel kann diese Grenzübergänge jederzeit schließen und Gaza strangulieren.
Wegen der Raketenangriffe palästinensischer Militanter auf Südisrael betreibt Israel derzeit eine rigorose Blockade. Das hat fatale Folgen: Sperrt Israel die Zufuhr von Heizöl, Treibstoff und Gas, macht das einzige Kraftwerk Gazas schlapp. Dann liegt der Gazastreifen nachts im Dunkeln, werden die Abwässer nicht mehr abgepumpt - mit fatalen Folgen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 24.01.2008/maru)
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Die Palästinenser wissen, dass Israel ihre komplette Versorung kontroliert und das es einen Friedensvertrag mit Ägypten hat. Dann müssten sie doch wissen, dass wenn sie Israel angreifen, dieses ihnen die Versorung abschneidet. Warum schreien sie jetzt, das wäre ungerecht?!
Und warum denken die, dass sie das Recht haben in Ägypten "einzufallen" indem sie die Mauer spregen, obwohl es ja an sich feindliches Gebiet ist. Da ist der Hunger wohl zu groß geworden, aber dann muss die Regierung doch dafür soregen, dass es ihrer Bevölkerung gut geht und den Krieg beenden!
Zitat aus dem Artikel: "Gaza ist de facto ein riesiges Gefängnis: Bis heute kontrolliert Israel die gesamte Versorgung"
Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ein Land, das am Meer liegt, könnte von der ganzen Welt beliefert werden, oder? Aber auch wenn Israel den Meeresstreifen an der palestinensischen Küste kontrolliert, so frage ich mich, warum Ägypten kein Öl und alles was nötig ist liefert???
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