Ausbreitung des Terrornetzwerks Al-Qaidas neue Front liegt in Indien

Das Terrornetzwerk al-Qaida will auf dem indischen Subkontinent aktiv werden. Das wird nicht leicht, denn bisher war diese Region kein Schauplatz des globalen Dschihad. Aus guten Gründen.

Ein Kommentar von Arne Perras, Singapur

Um al-Qaida war es lange Zeit still. Doch die Terrortruppe hat sich zurückgemeldet - nicht mit einer Bluttat, sondern einem Plan. Die Gefolgsleute des getöteten Osama bin Laden wollen eine neue Front eröffnen. Sie hissen die Fahne des Dschihad jetzt in Indien, dem bald bevölkerungsreichsten Land der Welt.

Was aber bedeutet die Drohung? Wie gefährlich sind die Extremisten für den Subkontinent? Und wie kann sich das Milliardenvolk dagegen wappnen? In Indien leben etwa 165 Millionen Muslime, so viele wie im benachbarten Pakistan. Die große Mehrheit der Inder ist hinduistischen Glaubens. Seit Langem gilt das riesige Land als vergleichsweise stabil, vor allem gemessen am Chaos, das in der Region herrscht.

Dennoch wäre es falsch, darauf zu vertrauen, dass eine lebendige Demokratie wie die indische, mit ihrer starken, säkularen Verfassung und ihren multikulturellen Traditionen immun wäre gegen das Gift des Extremismus. Deshalb muss Delhi jetzt sehr wachsam sein.

Delhi muss sich gegen das Gift des Extremismus wappnen

Manche haben die angebliche Schwäche der Al-Qaida-Truppe betont, die noch nie in Indien punkten konnte. Ihr neuer Schlachtruf sei nichts anderes als ein Akt der Verzweiflung, weil die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ihr den Rang ablaufe. Richtig daran ist, dass die Terrorgruppen zersplittern, von Einigkeit und geballter Schlagkraft keine Spur. Aber deshalb haben es Staaten auch schwer, sie zu bekämpfen, zum Beispiel in den Bergen an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Dort machen US-Drohnen und pakistanisches Militär Jagd auf Terroristen. Doch das hat die Region nicht sicherer gemacht. Solche Offensiven treiben das Anschlagsrisiko - zumindest kurzfristig - nach oben. Und meist sterben Zivilisten.

Indien trotzt schon lange Terroristen, deren Drahtzieher die Regierung bislang meist im Nachbarland Pakistan ausgemacht hat. So war das auch beim letzten großen Anschlag in Mumbai 2008. Doch auch dies war nicht die Tat von Al-Qaida-Kämpfern, allenfalls waren es lose Verbündete, die eigene Ziele verfolgen.

Dennoch muss Delhi die zersetzende Wirkung der Al-Qaida-Propaganda ernst nehmen. Bislang konnten diese Botschaften Indiens Muslime zwar kaum radikalisieren, aber das kann sich ändern. Die Terrormiliz IS verzeichnet bereits Rekrutierungserfolge in Indien, wenn auch in sehr geringer Zahl. Al-Qaida dagegen mag seit dem Tod Osama bin Ladens geschwächt sein, doch die Gruppe hat noch immer ideologisches Gewicht. Al-Qaida ist Terrorpate, Ideengeber, Motivator. In Indien gibt es religiöse Spannungen, die als Nährboden für Extremisten dienen können.

Oft Fehden unter Nachbarn

Bislang war das Muster der Gewalt in Indien zwar meist anders: Wenn sich Hindus und Muslime töteten, so hatte dies mit dem internationalen Dschihad fast nie etwas zu tun. Es sind oft Fehden unter Nachbarn, die eskalieren. Manchmal entzündet sich Gewalt an einem nichtigen Streit auf der Straße, manchmal fachen lokale Politiker den Hass an, um in ihren Wahlkreisen Gefolgschaft zu mobilisieren.

Diese Muster der Gewalt sind seit Langem bekannt. Neu ist, dass nun der Hindu-Nationalist Narendra Modi Indien regiert. Zwar hat er selbst als Premier inneren Frieden und Aussöhnung beschworen, aber unter ihm verspüren Hindu-Hardliner Auftrieb. Sie schüren Ängste unter den Minderheiten. Das können islamistische Extremisten künftig für ihre Ziele nutzen.

Streiten sich zwei Terrornetzwerke

IS hat vorgelegt, al-Qaida zieht nach: Das einst von Bin Laden geführte Terrornetzwerk möchte ebenfalls ein "Kalifat" gründen, nämlich in Indien. Zwischen den Dschihadisten ist ein bizarrer Wettstreit ausgebrochen. Von Michael König mehr ... Analyse

Indiens Regierung muss also nicht nur die Sicherheitsdienste gegen Terroristen in Stellung bringen, sie muss auch den Zusammenhalt der multikulturellen Gesellschaft sichern. Sie darf Minderheiten nicht an den Rand drücken. Bröckelt der innere Frieden, haben Terroristen eine Chance. Auch im Bollwerk Indien, das schon lange bombenden Extremisten trotzt.