Ausbildungsreform Die Alles-Pfleger

Altenpfleger in der Ausbildung testen einen Anzug, der Altsein simuliert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Koalition will die Ausbildung von Pflegekräften umbauen. Die Kritik an der Reform ist hart.

Von Kim Björn Becker

Der Unterrichtsraum im Erdgeschoss ist hellgrün vertäfelt. Leere Wasserflaschen liegen auf den Tischen, Konzentration in der Luft. Es ist früher Nachmittag, an der Hans-Weinberger-Akademie in einem Außenbezirk Münchens werden gerade die Altenpfleger von morgen ausgebildet. In drei Reihen sitzen 19 Schüler im dritten Lehrjahr vor ihren Büchern, und vorne sitzt Wolfgang Bergler. Der Jurist war vor seiner Pensionierung Richter am Landgericht. Heute bringt er den Nachwuchspflegern bei, welche Gesetze für ihre spätere Arbeit im Altenheim wichtig sind. "Sie müssen nicht jeden Paragrafen auswendig können", sagt er zur Klasse. "Aber Sie sollten wissen, was in etwa drinsteht."

Deutschland hat einen enormen Bedarf an Pflegekräften. Schon heute sind viele Stellen in Heimen und in ambulanten Hilfsdiensten unbesetzt. Da die Gesellschaft weiter altert, wird der Mangel an Fachkräften noch zunehmen - düstere Prognosen sehen in ein paar Jahren gar einen Fehlbetrag von einer halben Million Altenpfleger voraus. Um das Problem zu lösen, plant die Bundesregierung nun eine grundlegende Reform der Pflegeausbildung. Bislang gibt es drei unterschiedliche Ausbildungsgänge für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger. Die Trias soll abgeschafft und durch eine einheitliche Pflegeausbildung samt Spezialisierung auf einen der drei Bereiche ersetzt werden. Von der sogenannten Generalistik verspricht sich die Regierung, dass der Beruf des Pflegers durchlässiger und somit attraktiver wird. An diesem Mittwoch will das Bundeskabinett in Berlin den gemeinsamen Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) beschließen. In drei Jahren sollen die ersten Auszubildenden nach dem neuen System lernen. Im Vergleich zu heute kostet es 320 Millionen Euro pro Jahr mehr - und bringt nach Ansicht der Ministerien fast nur Verbesserungen.

Wenn Susanne Gerber, die Leiterin der Münchner Altenpflegeschule, über die Reformpläne spricht, werden ihre Züge härter. Die gelernte Kinderkrankenschwester kennt alle Sparten der Branche. Für sie sind das "drei eigenständige Berufe", die man keinesfalls leichtfertig zusammenlegen dürfe. Zwar gebe es durchaus Stoff, den alle Pflegeschüler lernen müssten - Anatomie zum Beispiel oder die Lehre von bestimmten Krankheiten. Doch sei der Umgang mit einem Frühchen eben kaum vergleichbar mit der Aufgabe, einen schwer kranken Senior beim Sterben zu begleiten. Die Reform aus Berlin bewirke, so Gerber, dass Pfleger in Zukunft "von allem ein bisschen können und nichts so ganz".

50 000 Ausbildungsplätze könnten verloren gehen, warnt die Arbeiterwohlfahrt

Mit dieser Haltung ist die Schulleiterin nicht allein. Die Kritik der Verbände an dem Gesetz geht in dieselbe Richtung - und ist diesmal sogar ungewöhnlich hart. Ein Grund dafür mag im Verfahren selbst liegen: Als einen "Skandal" bezeichnete es der Deutsche Berufsverband für Altenpflege etwa, dass die Verbände im November nur zwei Wochen Zeit für eine Stellungnahme zu dem vorgelegten Referentenentwurf erhalten hätten. Doch auch in der Sache sparen die Interessenvertreter nicht mit Kritik: Der Bundesverband der Arbeitgeberverbände rügte am Dienstag, es sei falsch, "einen unausgegorenen Entwurf mit derart weitreichenden Konsequenzen für die Pflege ohne jede Not durch das Gesetzgebungsverfahren zu peitschen". Die Dienstleistungswerkschaft Verdi will die bewährte Spezialisierung sowieso behalten, ebenso warnt der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte davor, dass nun ein funktionierendes System "kaputtreformiert" werde. Nach Ansicht des Bundesverbands der Anbieter privater sozialer Dienste werden am Ende sogar nicht mehr Pfleger ausgebildet, sondern "weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen". Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, er geht von einem Minus von 50 000 Ausbildungsplätzen aus.

Wie kann das sein? Ein Punkt, über den gerade heftig gestritten wird, ist das Geld. Die Schulen gibt es in allen drei Bereichen der Pflege, sie werden größtenteils vom Staat finanziert. Vereinzelt nehmen sie noch Schulgeld, das soll mit dem neuen Pflegeberufsgesetz aber verschwinden. Stattdessen plant der Bund eine einheitliche Finanzierung der Pflegeschulen - doch die könnte, so lautet die Sorge der Kritiker, zu gering ausfallen und manche Einrichtungen in die Bredouille bringen. Im Referentenentwurf des Gesetzes rechnen die Ministerien indes aus, dass ein Drittel der zusätzlichen Kosten der Reform, also etwa 100 Millionen Euro pro Jahr, den Schulen zugute kommt.

Und dann gibt es aus der Sicht der Pflegeschulen noch organisatorische Probleme im praktischen Teil der Ausbildung. Hintergrund ist, dass die Kinderkrankenpflege derzeit die wenigsten Ausbildungsplätze bereithält und für die Generalistik darum zum Nadelöhr werden könnte: Von den 18 000 Schülern, die vergangenen Schuljahr ihre Ausbildung an einer Pflegeschule begonnen haben, waren nur etwa 1100 in der Kinderkrankenpflege - das entspricht einem Anteil von sechs Prozent. In einem generalistischen System müssten die Pflegeschüler voraussichtlich Praktika in allen drei Bereichen machen - das könnte die Kinderkliniken allerdings überlasten. Für Schulleiterin Susanne Gerber ist derzeit völlig unklar, wie diese zusätzlich 17 000 Lernende aufnehmen sollen. Irgendwie, sagt sie, müsse sie ihre Schüler ja unterbringen.